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Daran erkennt ihr mich

Wahl: Viele Parteien werben für Gerechtigkeit – nur meinen sie oft ganz Verschiedenes. Für den Gott der Bibel ist Gerechtigkeit die Schwester des Glaubens. In der Kirche ist das nicht immer so.
Andreas Roth
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Wahlplakat Gott Bundestagswahl Gerechtigkeit
© Calado/Fotolia, Thaut Images/Fotolia (Montage)

Wird das Wort Gerechtigkeit lauter, ist der Wahlkampf nicht weit. Das Praktische für Parteien ist daran, dass jede in diesen Großbegriff etwas anderes packen kann: »Gleichheit« fordern die einen, »Leistung muss sich lohnen« die anderen, und wieder andere werben für eine globale Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Ländern. Oder zwischen Generationen.

Für Dorothea Klein von der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Leipzig hat Gerechtigkeit ein ganz konkretes Gesicht – oder besser: fehlende Gerechtigkeit. Es ist das Gesicht der Scham. Denn zwei Drittel der Menschen, die sie mit ihren Kolleginnen berät, gehen arbeiten – und sind trotzdem auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wegen Niedriglöhnen, Teilzeit-Stellen, befristeten Jobs. Dazu steigen in den Städten die Mieten rapide.

»Auch wenn Arbeitslosigkeit grundsätzlich sinkt, heißt das nicht, dass die Armut weniger wird«, sagt die Beraterin und Theologin Dorothea Klein. Betroffen sind oft alleinerziehende Mütter. Und zunehmend Rentner. Zeitgleich wächst laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die Kluft zwischen Arm und Reich weiter. Und die Wirtschaft boomt.

»Doch von unserer Kirche höre ich dazu sehr wenig«, sagt Dorothea Klein. »Dabei haben wir aus theologischer Sicht einen eindeutigen Auftrag, uns um die Geringsten und Bedürftigsten zu kümmern und ungerechte Strukturen zu bekämpfen.« Gott und Gerechtigkeit: für die Bibel ist beides nicht zu trennen. Einzig an der Gerechtigkeit zeige sich, ob Gott ein wahrer Gott ist, heißt es im Psalm 82: indem er den Armen und Bedürftigen »Recht schafft« und den Geringen »errettet«. Auch für die Gläubigen ist das der biblische Maßstab: Den Elenden und Armen zu ihrem Recht zu helfen – »heißt dies nicht, mich recht erkennen?, spricht der HERR« (Jeremia 22,16).

Was Gerechtigkeit nicht ist: eine nette Zugabe zur Frömmigkeit, die hässliche politische Schwester des Eigentlichen. »Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder!«, lässt der Prophet Amos Gott über festliche Gottesdienste urteilen, »es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach« (Amos 5).

Aber was meint der Gott der Bibel mit Gerechtigkeit? Zuallererst eine Einsicht: dass jedem aller Reichtum letztlich geschenkt ist, so wie Gott einst seinem Volk Israel das gelobte Land geschenkt hat. Dass jeder Anspruch auf ein würdiges Leben hat. Keine Gleichmacherei, aber eine Absage an allen Hochmut der selbsternannten Leistungsträger. Und Gott beließ es nicht bei freundlichen Appellen, er schuf Gesetze: Aller sieben Jahre sollten die Israeliten allen Gläubigern die Schulden erlassen, um die in Armut führenden Kreisläufe zu unterbrechen. »Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein«, sagt Gott im 5. Buch Mose.

Jesus machte mit dieser Art von Gerechtigkeit ernst. Er ging zu den Verachteten, Armen, Frauen und Kindern, lebte mit ihnen, heilte und half. Auf Augenhöhe, nicht als Almosen. »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.« Weil Gottes Logik ganz anders ist als die Logik der Leistung, wie Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg zeigt. Das war für ihn das Reich Gottes. Paulus sah das nicht anders (Römer 14,17). Und doch bekam das Wort Gerechtigkeit bei ihm einen neuen Dreh: es wurde privatisiert. Und meinte fortan die Erlösung von Sünde und Tod. Und die Kirche folgte Paulus bereitwillig, je reicher und mächtiger sie wurde.

Nicht nach kirchlichen Strukturreformen oder Luther-Jubiläen werden wir einst gefragt werden, ist sich die Leipziger Arbeitslosenberaterin Dorothea Klein sicher, »sondern ob wir uns um die Armen gekümmert haben.«

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6 Lesermeinungen zu Daran erkennt ihr mich
Gert Flessing schreibt:
07. September 2017, 8:10

Lieber Herr Roth,
Wahlwerbung für eine bestimmte Partei?
Wir enteignen Banken und Großunternehmer und verteilen alles neu?
Wohin die Enteignung der Unternehmer geführt hat, durften wir in der DDR erleben.
Gibt es eigentlich einen Beleg dafür, dass es im Volk Israel geklappt hat, mit dem siebenjährigen Schuldenerlass?
Reichtum ist selten ein Geschenk. Hin und wieder wird er vererbt. Das darauf eine ordentliche Steuer erhoben wird, sollte möglich sein.
Aber auch vererbter Reichtum ist irgendwann erarbeitet worden. Er ist die Folge von Ideen und ihrer Verwirklichung. Wenn es keine Menschen geben würde, die beides haben und es dann in Güter umsetzen, die andere brauchen, würden wir wohl nicht einmal einen Faustkeil haben.
Gerechtigkeit erhöht ein Volk. So lese ich.
Ein Volk besteht aus Menschen. Unterschiedlichen Menschen. Gerechtigkeit ist da etwas, was, als Tugend, von diesen Menschen gelebt werden muss.
So wie es der Besitzer des Weinberges versteht und tut. Das ist sehr wohl private, von einem Menschen geübte Gerechtigkeit.
Man sollte nach ihr nicht nur hungern und dürsten. Man sollte sie leben.
Eine staatlich verordnete und erzwungene Gerechtigkeit kann nur dazu führen, das es neue Ungerechtigkeiten gibt.
Aus diesem Grund sollten wir uns, als Kirche, an der Stelle, ein wenig vorsehen.
Von denen, die Politik machen, kann ich nicht erwarten, das sie mehr Gerechtigkeit verwirklichen, als der einzelne Mensch zu leben bereit ist.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
07. September 2017, 12:40

Lieber Herr Flessing,

"Wahlwerbung für eine Partei?" - diese Ihre Frage lässt ja beinahe vermuten, dass Sie eine Partei wissen, die in Ihrem Programm die alttestamentliche Gerechtigkeit Gottes hat! Also, wo Frieden und Gerechtigkeit sich küssen!
Herr Roth beschreibt nur die biblische Aussage. Und er macht dankenswerterweise darauf aufmerksam, dass das paulinische, privatisierte Verständnis von Gerechtigkeit nicht alles ist; die "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" umfasst auch das Verständnis unserer jüdischen Schwestern und Brüder. Ich denke auch, dass die at. Vision von Gerechtigkeit nicht "geerdet" werden sollte mit der Frage, ob in Israel der Güterausgleich jemals geklappt hat. Sonst müssten wir die neutestamentlichen Visionen auch gleich mit der Realität konfrontieren und damit ins Reich der Illusionen verbannen.

Mit freundlichem Gruß
Johannes Lehnert

Manfred schreibt:
07. September 2017, 13:53

Der nicht fast bare Begriff "Gerechtigkeit" wurde schon immer für alles Mögliche genutzt, um Menschen beeinflussen zu können (heute sagt man dazu Manipulieren).
Die Kirche hatte es in ihrer Hochzeit nicht geschafft, eine Gerechtigkeit herzustellen.
Die Kommunisten nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls nicht, obwohl die Randbedingungen sehr gut waren (fast alle waren relativ arm).
Und heute wird dieser Begriff auch weiterhin als Wahlwerbung benutzt, um nichts Konkretes aussagen zu müssen.
Gerechtigkeit ist für mich, dass die Personen, welche wirklich Leistungen erbringen, auch ein gutes Leben führen können.
Für mich wird es niemals einsehbar und damit gerecht sein, dass eine Person ein Salär von 1 Million erhalten kann. Diesen Gegenwert könnte diese Person auch nicht erzielen, wenn sie 24 Stunden und das ganze Jahr ununterbrochen arbeiten würde.
Heute erhalten verschiedene Personen ein Vielfaches davon und die Menschheit sieht es als normal an.
Ich lebe nach einem Vers, welches in der Wohnung meiner Eltern hing:

Nicht das Freuen, nicht das Leiden
Stellt den Wert des Menschen dar.
Immer nur wird das entscheiden,
was der Mensch dem Menschen war.

Gert Flessing schreibt:
07. September 2017, 14:14

Lieber Herr Lehnert,
ich denke, dass wir Visionen erden müssen. Denn es sind Visionen, die von Gott her gedacht werden und von Gott her verwirklicht werden.
Wir verbannen die Visionen, die großartig und hoffnungsvoll sind, nicht in das Reich der Illusionen. Aber wir siedeln sie dort an, wo sie beheimatet sind. In dem Reich, wo Gott der ist, der alles gut werden lässt, wo er die Tränen trocknet und kein leid und kein Geschrei mehr sein wird, weil er mitten unter den Menschen ist.
Jesus spricht davon, das dieses Reich "inwendig in uns" beginnt. Damit sind wir wieder dort, wo der einzelne Mensch bereit ist, Gerechtigkeit zu leben, wo er breit ist, dafür einzustehen, das sich "Gerechtigkeit und Friede küssen".
Das aber sehe ich bei keiner Partei, weder in Deutschland, noch sonst irgendwo auf der Welt.
Ein gewisser Schulz (es gibt viele, die diesen Namen tragen) ist mit dem großen Schrei nach Gerechtigkeit in den Wahlkampf getreten.
Er versteht darunter etwas anderes, als die schöne Sahra. Die wiederum versteht darunter etwas anderes, als ihr Parteifreund Gregor Gysi, denn der ist ja Rechtsanwalt.
Ich werde wohl etwas anderes darunter verstehen, als Sie.
Aber wo wir alle versuchen, so zu leben, das der mensch, der uns begegnet, von uns das erhält, was er braucht, Aufmerksamkeit oder ein Butterbrot, freundliche Worte oder auch mal eine Mahnung, geschieht vielleicht ein My dessen, was Gott an uns und durch uns sehen möchte.
Gert Flessing

Hans schreibt:
08. September 2017, 9:51

An dem Artikel, der sicherlich richtig ist, wird deutlich was passiert wenn Kirche politisch wird. Um die Diskussion was Gerechtigkeit ist, entbrennt ein Lagerkampf und die Kirche droht dabei in eine politische Ecke gestellt zu werden und ihre politische Unabhängikeit zu verlieren. Vielleicht gründet die Kirche noch eine Partei...ich bin dann schon mal weg! Ich bin so erzogen: "Wer hat der gibt, wer braucht der nimmt" heute bin ich Selbsständig und versuche in meinem Rahmen zu helfen. Die Skulptur des Heiligen Martin die in meinem Heimatdorf im Altarraum steht hat mich schon als Kind tief berühert und leidet mich das ganze Leben. Hier muss meines Erachtens Kirche ansetzen und die Menschen spirituell berühren, so das sie allein aus dem Glauben heraus ableiden zu helfen und wenn sie fallen die Gewissheit haben können, das ihnen aufgeholfen wird. Meine Mäntel, die ich teile, kaufe ich so ich kann, gern wieder nach. Im Gottesdienst suche ich spirituelle Erneuerung für Geist und Seele und möchte mich gern in Gott fallen lassen. Wenn ich das dort nicht finde, bleibe ich weg und gehe in Wald dort kann man Gott nahe sein, ohne Politik....

Gert Flessing schreibt:
09. September 2017, 19:18

Lieber Hans,
Ihre Einstellung ist gut. Gerechtigkeit leben. Darauf kommt es an.
Christen sollen sich politisch betätigen, denn sie sind Teil dieser Welt. Sie sollen es so tun, wie es ihnen ihr Gewissen eingibt. Sie sollen dazu nicht durch einen "Gewissensbefehl" kirchlicher Amtsträger, seien es Pastoren, seien es höhere Chargen, genötigt werden.
Denn Kirche soll das Evangelium zu den Menschen tragen und keine Wahlwerbung, im Blick auf diese oder jene Richtung.
Sie kann, durch das Evangelium, das Gewissen schärfen, z.B. durch den Hinweis, wie der Heilige martin, das Gebot der Liebe verstanden hat.
Mehr ist, so denke ich, für Christen, auch nicht nötig.
Gert Flessing

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Sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.

(Psalm 30,6)

Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

(Epheser 2,8)

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