13

Herbst ’89 nicht missbrauchen!

Von Tomas Gärtner
  • Artikel empfehlen:

Genau 28  Jahre liegt der politische Umbruch vom Herbst 1989 jetzt zurück. Je größer der Abstand, desto mehr lässt die Präzision beim Erinnern nach. Beim wiederholten Erzählen ­schleifen sich Widersprüche ab, werden Details vergessen. Etwa, dass auch im Herbst 1989 manch einer nationalistische »Deutschland-Deutschland«-Rufe bellte.

Denkmale sind errichtet, Erinnerungstafeln an Hauswände geschraubt, Filme gedreht, Sachbücher, Erzählungen, Romane geschrieben worden. Es sind Interpretationen der Tatsachen. Jeder, der es erlebt hat, erzählt seine Geschichte, mit teils fundamentalen Unterschieden. Je nachdem, ob einer vor 1989 in Amt und Würden, zumindest sehr zufrieden mit den Verhältnissen war oder die DDR-Realität durch ein Gefängnisfenster betrachten musste.

Dies ist der Stoff, aus dem die nachfolgenden Generationen ihr DDR-Bild nähen. Wenn es ein sehr bunter Flickenteppich wäre, käme das den Tatsachen relativ nahe. Ein einfarbig rosaroter Stoff indes wäre ebenso falsch wie ein tief schwarzer oder trist grauer. Organisatoren von Gedenkfeiern, die ein besonders großes Risiko zur Verklärung eingehen, tun gut daran, nicht nur zurück, sondern vor allem auf die Gegenwart zu schauen. Plauen feiert am 7. Oktober, Dresden am 8. und Leipzig am 9. Oktober – mit Konzert, Friedensgebet, Lichtfest.

Entscheidend ist, ob diese Feste den authentischen ’89er Geist ins Heute holen. Der nämlich war auf Zukunft, Aufbruch, vor allem auf Offenheit gerichtet. Nicht zuletzt zierte ihn Humor. Ein Geist ängstlicher Abschottung, nationalistischer Beschränktheit und Hass jedenfalls war es nicht. Auch wenn AfD- oder Pegida-Anhänger sich regelmäßig mit verlogenen ’89er-Wendeherbst-Reminiszenzen schmücken.

Diskutieren Sie mit

13 Lesermeinungen zu Herbst ’89 nicht missbrauchen!
Beobachter schreibt:
10. Oktober 2017, 16:07

Lieber manuel, Dank für die Schilderung Deiner Erfahrungen und Eindrücke. Die leute, die damals auf der Straße waren, wollten die damaligen "Problematiken" geändert haben.
Und deshalb tun sie das heute wider und wühlen die, die nicht einfach "alternativlos" so weiter machen wollen, weil sie nicht wissen, was man ändern sollte!
Damals wurden sie als "Bananenwähler" beschimpft und heute als "Pack", "dumme und undankbare Ossis" oder "Rechte Nazis"!, nur weil sie Deutschland" rufen, da es ihr Heimatland ist und bleiben soll!

Gert Flessing schreibt:
10. Oktober 2017, 16:07

Die DDR war keinesfalls so friedlich, wie sie manchmal beschrieben wird. Was sie betrieb, war eher der Krieg hinter den Kulissen der großen Konflikte. Auch mit dem, was man heute "verdeckte Operationen" nennt.
Aktionsgebiet war eher Afrika.
Es galt, die Fackel des Sozialismus, weiter zu tragen.
Das ist Geschichte. "Fürs Gewesene..."
89 war besonders. Ja, es ging auch um Banane und D-Mark.
Aber es ging vor allem um den Aufbruch aus einem verrotteten System, in eine Hoffnung, für die eben auch die Demokratie, wie sie in der damaligen BRD lebendig war, stand.
Für mich war die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes etwas zutiefst bewegendes und eben auch zwangsläufig. "Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, an deines Volkes Auferstehen..."
Mit diesen Worten bin ich groß geworden und habe sie, bis heute, bewahrt.
Das hindert mich nicht daran, Europäer zu sein.
Ein geeintes Europa hielt ich schon damals für so wesentlich, wie heute noch.
Das, was damals geschah, ist nun schon Teil der Historie. Jene, die damals jung waren, sind alt geworden.
Eine Generation ist nachgewachsen, die das alles nicht selbst erlebt hat. Sie hat andere Probleme, andere Ängste, andere Hoffnungen.
Sie ist anders vernetzt und spricht eine andere Sprache.
Die Frage, die mich heute bewegt, ist, ob wir, als Kirche es schaffen, denen, die so verunsichert sind, ein wenig Halt und Heimat zu geben.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
11. Oktober 2017, 8:43

Das erreicht "Kirche" aber nicht wenn sie weiterhin ( wohltuend sticht Euer jetziger Bischof hervor!) in den Chor derer miteinstimmt, die eine Partei und deren Wähler als dummes, zurückgebliebenes, undankbares,.. Ossipack beschimpfen!

Seiten

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Chemnitz
  • Vesper mit Musik
  • Ev.-Luth. St.-Jakobi-Kirche
  • , – Löbau
  • Musical
  • Messe- und Veranstaltungshalle
  • , – Leipzig
  • Ökumenischer Gottesdienst
  • Universitätskirche St. Pauli
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Vor 80 Jahren starb Ernst #Barlach – »Gott verbirgt sich hinter allem, und in allem sind schmale Spalten, durch die… https://t.co/VcEgT5xxNr
vor 7 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Laufen gegen Rechte: Am Sonnabend in #Ostritz https://t.co/fBw269KnUL
vor 7 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Erinnerung an den #Herbst89 – in @StadtLeipzig kamen gestern Abend rund 15 000 Menschen zum Gedenken. https://t.co/Plh5ZOr37U
vor 8 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Bundespräsident #Steinmeier besucht die Lausitz und dort unter anderem #Ostritz und #Großhennersdorf https://t.co/pgFutNPpdp
vor 13 Tagen