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Durch den Tod ins Leben

Auferstehung: Wenn der Tod mitten ins Leben greift, erschrecken viele. Doch die Osterbotschaft trägt weiter: durch Leid und Tod hindurch. Auch der Krebs behält nicht das letzte Wort.
Von Roland Herrig
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© Foto: releon8211/Fotolia

Es gab Zeiten, da galt der Karfreitag als höchster evangelischer Feiertag. Dass Christus für uns gestorben ist, wurde in feierlich-ern­sten Abendmahlsgottesdiensten begangen. Diese Zeiten sind lange vorbei. Ich kenne Christen, engagierte Gemeindeglieder, die gehen Karfreitag gerade nicht in die Kirche, sondern erst am Ostersonntag. Mit Tod und Sterben wollen sie nicht noch im Gottesdienst belästigt werden, wo doch in unserer Welt schon genug gelitten und gestorben wird. Sie wollen das Leben feiern und nicht den Tod.

Der höchste Feiertag der ganzen Christenheit ist selbstverständlich Ostern und nicht Karfreitag. Jesus ist gestorben, das müssen alle Menschen einmal. Wenn auch meistens nicht so grausam. Aber Jesus hat den Tod besiegt.

Vor wenigen Monaten ist mir der Tod sehr nahe gekommen. Ich hatte ihm bisher immer gesagt: »Du hast noch Zeit. Komm später wieder.« Als ich ihm mit 20 Jahren knapp von der Schippe gesprungen war, habe ich es erst hinterher erfahren, wie ernst es war. Als ich mit 30 eine bösartige Erkankung des Lymphsystems hatte, habe ich auf die guten Heilungschancen vertraut, und es wurde wieder gut. Als ich mit Mitte 40 einen Herzinfarkt bekam, konnte mir rechtzeitig geholfen werden. Jetzt, bald Mitte 50, fanden sie einen Tumor an meiner Bauchspeicheldrüse mit Metastasen; keine Art von Krebs hat schlechtere Prognosen.

Immer wieder geht mir ein Vers aus dem »Osterpsalm« 118 durch den Kopf: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen« (Vers 17). Das ist ein gutes Motto für mein Leben mit und meinem Kampf gegen den Krebs. Er stimmt Tag für Tag. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, ist das ein Stück Auferstehung: Ich lebe! Und ich lebe als Glaubender, als Hoffender, als Liebender. Die meisten wissen das. Und viele, die von mir hören, lesen, mit mir reden, mich besuchen, sind erstaunt darüber, wie ich mit meiner Krankheit umgehen kann. Das bin nicht ich; das ist Gottes Werk an mir.

Und dann ist da noch ein Wunder: Dass entgegen der schlechten Prognosen die Chemotherapie sehr gut angeschlagen, die Metastasen abgetötet und den Tumor wieder ganz klein gemacht hat. Ich hoffe, er lässt sich bald wegoperieren. Ob daraus das ganz große Wunder der Heilung wird, weiß ich nicht. Aber ich habe Hoffnung – jedenfalls noch für etliche Monate, vielleicht Jahre: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.« Vielleicht sogar wieder auf der Kanzel und im seelsorgerlichen Gespräch – »als ein berufener Diener des Wortes«.

Karfreitag: Jesus ist gestorben. Ich werde sterben, ob schon bald oder erst in etlichen Jahren. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod definiert uns. Er zwingt uns zum Leben, weil wir nur begrenzte Zeit haben. Ohne Tod gibt es kein Leben.

Trotzdem nennt die Bibel den Tod einen Feind. Es ist richtig, für das Leben zu kämpfen – für das eigene und das der anderen. So wie Ärzte gegen den Tod kämpfen oder Friedensaktivisten oder Lebensschützer, die das Töten verhindern wollen, oder auch Soldaten oder Polizisten, die im Ernstfall gerade um des Lebens willen töten müssen ... Oder wie Jesus, der Kranke heilt, Tote erweckt und sich doch selber in den Tod opfert, um vielen – der Glaube sagt: uns allen – das Leben zu bewahren. Gerade im Tod hat er den Tod besiegt. Ohne Karfreitag gibt es kein Ostern. Aber der Auferstandene hat den Tod hinter sich gelassen: »Ich werde nicht sterben, sondern leben« – wir Christen legen diesen Satz Christus in den Mund. Und wir sprechen ihn selber mit, weil wir darauf vertrauen, dass wir dorthin kommen werden, wo der Tod tot sein wird. Ohne Ostern hätte auch Karfreitag keinen Sinn.

Roland Herrig ist Pfarrer in Sebnitz-Hohnstein.

 

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6 Lesermeinungen zu Durch den Tod ins Leben
Gert Flessing schreibt:
29. März 2018, 11:58

Ostern ist das Fest des Lebens. Es ist das Fest der Lebensfreude. "Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?"
Maria Magdalenas Schrei "Rabbuni!" ist das schönste Zeichen der Auferstehungsfreue.
Aber dieser Moment wäre nicht möglich geworden, wenn nicht am Karfreitag, auf Golgatha, das Kreuz gestanden hätte, an dem Jesus, unter Qualen, starb.
So, wie der Schrei der Maria Magdalena von dem Moment spricht, an dem der Sieg über den Tod verkündet wird, so zeugt der Schrei Jesu "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" von dem bitteren Kampf, der da durchlitten werden muss.
Das mag auch ein Hintergrund dafür sein, das heute, unter Christen, so eine Distanz zu Karfreitag gesucht wird.
Dabei ist uns doch das, was dort, am Kreuz geschieht, sehr nah. Gerade wenn ich das lese, was Bruder Herrig über sein eigenes Erleben schreibt, kann man es spüren.
Ich weiß nicht, ob wir die Osterfreude ohne die Bitterkeit des Kreuzes, das kein Triumphkreuz, sondern sehr realer Schmerz und Todeskampf ist, überhaupt recht würdigen können.
Ja, es kommt der Tag, an dem jedes morgendliche Aufstehen ein kleines Stück Ostern ist.
Jesu Nähe zu uns und damit Gottes Nähe zu uns, wird am Karfreitag sichtbar.
Gert Flessing

Marcel Schneider schreibt:
29. März 2018, 20:26

Als ich 35 war, habe ich mein Testament verfasst. Außerdem eine Patientenverfügung sowie eine Vorsorgevollmacht. Für die Beerdigung habe ich auch meine Wünsche getroffen, alles ist auch schon bezahlt. Manche mag das abschrecken - aber der Tod gehört zum Leben dazu. Wir sollten uns ihm stellen. Uns nicht unsterblich wähnen. Unser Konsum, unsere Möglichkeit, überall hinzufliegen, die moderne Medizin, die bei vielen Krankheiten helfen kann, verleitet uns dazu zu denken, dass wir Menschen die Herren über alles sind. Aber wir haben einen Herren über uns. Und den interessiert uns unsere Seele und nicht unser Kontostand. Auch nicht, ob wir das neue Samsung S9 besitzen.
Unser großer Sohn, 4,5 Jahre, hat seit etwa 6 Monaten viele Fragen zum Tod. "Papa, wann stirbt man?", "Papa, musst du auch sterben?", "Papa, wann ist man tot?", "Papa, kann ich mal einen Fisch totmachen?". Ich versuche, ihm auf alle Fragen christlich, aber auch ehrlich zu antworten.
Unser Sohn weiß noch nicht, was das ist, tot zu sein. Das ist für ihn nur eine Kategorie, sowas wie Freund oder Feind.
Morgen, am Karfreitag, ist unserer Gemeinde Andacht zur Sterbestunde Jesu, vormittags ist Gottesdienst mit Abendmahl. Gleichzeitig soll morgen der schönste Tag des langen Wochenendes mit viel Sonne werden, perfekt für einen Ausflug. Das schlechte Gewissen mahnt uns: "Geht zum Gottesdienst und begeht einen stillen Feiertag im Gedenken an den Tod Jesu!"
Es ist schwierig, da eine Entscheidung zu treffen.
Wahrscheinlich aber wird es so: vormittags Kirche und nachmittags in den Park. Trotzdem: darf man das am Karfreitag....?

Gert Flessing schreibt:
29. März 2018, 22:37

Lieber Herr Schneider, man darf. Man darf in den Park. Man darf sich an der Sonne freuen.
Est Gottes Geschenk an diesem Tag.
Genießen Sie es mit ihrer Familie. Noch sind Sie ja am Leben.
Gott sei Dank.
Das wir uns an das Sterben Jesu erinnern lassen, gehört, für Christen, an diesem Tag dazu.
Wir feiern die Sterbestunde um 17.00 Uhr.
So habe ich über dieses Kreuz nachgedacht und über unser Leben und Sterben:
Lied:
Suchst du Gottes Nähe, hier in dieser Zeit, suchst du seine Wege, hin zur Ewigkeit? Schau auf zum Kreuz. Schau hin, auf Leid und Not. Jesus zeigt den Weg dir, durch den bittren Tod.

Suchst du einen Ausweg, aus der Angst der Welt. Fragst du nach dem Einen, der dich trägt und hält. Schau auf zum Kreuz. Schau hin auf Leid und Not. Jesus zeigt den Weg dir, durch den bittren Tod.

Du willst Gott genügen und kannst es doch nicht. Du suchst nach der Hoffnung, die dir nicht zerbricht. Schau auf zum Kreuz. Schau hin auf Leid und Not. Jesus wird zum Weg dir, durch den bittren Tod.

Hast dein Kreuz zu tragen, und es drückt so schwer. Du kannst nur noch klagen: „Wo bist du, o Herr!" Schau auf sein Kreuz. Schau hin auf Leid und Not. Jesus wird dich tragen selbst durch deinen Tod.

Er hat dort gehangen, weil uns Gott ja liebt und weil es für keinen sonst noch Hoffnung gibt. Dort steht das Kreuz. Dort leidet Gottes Sohn. Wer zum Kreuz hin flüchtet, dem wird Heil zum Lohn.
Melodie: 98; Korn, das in die Erde...
Gert Flessing

Fragender schreibt:
30. März 2018, 20:21

Werter Herr Flessing, ich habe eine Frage an Sie. Wie ich mitbekommen habe, sind Sie Pfarrer.
Ich spüre in mir nicht die Freude darüber, dass ich Kind Gottes bin. Das macht mich traurig. Glaube ich falsch?
Wenn in 2 Tagen Ostersonntag ist, gehe ich zwar in die Kirche und antworte dem Pfarrer mit "er ist wahrhaftig auferstanden", es ist aber für mich eine Floskel. Ich gehe zum Gottesdienst, fast jeden Sonntag, weil es für mich als Christ dazugehört. Ich beneide da die evangelikalen Christen um ihre tiefe Frömmigkeit. Bei mir ist vieles wie das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis nur ein Lippenbekenntnis.
Was kann ich tun, damit ich spüre, dass das Herr auch für mich auferstanden ist?
Ein aufrichtig Suchender aus Löbau

Gert Flessing schreibt:
31. März 2018, 20:23

Lieber Suchender,
ob ich Ihnen eine Antwort geben kann, weiß ich nicht.
Eines ist sicher: Sie glauben nicht falsch. So etwas, wie "richtigen" oder "falschen" Glauben gibt es m.E. nicht.
Ich selbst bin alles andere, als evangelikal. Tiefe Frömmigkeit, oder das, was sich so nennt, macht mich immer misstrauisch.
Ich lebe aus einem großen Vertrauen in diesen Gott. Das hat wenig mit Formeln und Floskeln zu tun.
Liturgische Formeln sind Sätze, die einem Gottesdienst Struktur geben. Wenn man, so, wie ich, über vierzig Jahre Pfarrer ist, kommt es schon mal vor, das man, weil es Mittag ist, und man selbst hungrig, am Ende einer Beerdigung, wenn das Vaterunser gesprochen wird, nach der Bitte: "Unser tägliches Brot gib und heute." Amen sagt. Gott nimmt das nicht übel. Die Gemeinde bekommt es manchmal nicht einmal mit.
Aber es geht ja auch nicht um solche Dinge.
Wenn mein Glaube mehr sein soll, als das "Fürwahrhalten" dogmatischer Inhalte, muss ich mich einfach dran machen und immer und immer wieder mit diesem Gott reden, im Gottesdienst, außerhalb oder am Steuer des Autos.
Aber vielleicht bin ich eh nicht gut, um anderen zu sagen, was sit tun können. In meinem Leben hat dieser Gott mehr als einmal eingegriffen und es mir ermöglicht, weiter zu leben.
Wenn einem nach einem schweren Autounfall der Arzt sagt, es sei ein Wunder, das man noch leben würde und er könne sich das nicht erklären, dann macht das etwas mit einem.
Nur kurz: Trabant gegen W50. Ich Fahrer, gefunden auf dem Rücksitz, unverletzt, bis auf einige Glassplitter in meiner linken Wange. Trabbi Totalschaden.
Aber ich gehe mit so etwas nicht hausieren, weil es das Bild verfälschen kann.
Ich vertraue Gott nicht, weil er mich da bewahrt hat, sondern ich habe ihm auch schon vorher vertraut. Aber es war nichts, was ich reflektiert habe - bis dahin.
Gewiss ist der Herr auch für Sie auferstanden. Vor allem aber möchte er gewiss nicht, dass Sie sich quälen, sondern dass Sie dieses Leben, so gut Sie immer können, genießen.
Versuchen Sie, Ihr Herz zu öffnen, für diesen Gott, für seine Welt, für all das, was er täglich schenken will.
Aber tun sie auch das nicht irgendwie zwanghaft, sondern, hm, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.
Aber wie gesagt, Wirkliche Antworten habe ich, leider, wohl nicht.
Aber seien Sie gesegnet für Ihre Suche.
Gesegnete und vor allem fröhliche Ostern.
Gert Flessing

Marcel Schneider schreibt:
03. April 2018, 20:01

Ich wünsche Herrn Pfarrer Herrig Gute Besserung und Alles Gute. Bitte lassen Sie uns über den SONNTAG wissen, wie es Ihnen geht.

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