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Barmherzigkeit reicht nicht

Sozial: Der Aufnahmestopp für Ausländer bei der Essener Tafel schlug hohe Wellen – Barmherzigkeit wird gefordert. Doch manchmal lenkt das ab von der eigentlichen Frage: nach Gerechtigkeit.
Andreas Roth
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Auerbach ist nicht Essen, aber die großen Fragen der Armut kennt man auch hier. Rund 60 Haushalte versorgen sich jeden Freitag beim »Brotkorb« im Haus der Diakonie mit Lebensmitteln. Viele Alleinerziehende und in den letzten Jahren auch immer mehr Rentner und Migranten. Es reiche meist für alle, sagt Kirchenbezirkssozialarbeiter Detlef Köhler.

Als die Essener Tafel vor Wochen einen Aufnahmestopp für Ausländer verhängte und dies mit der Verdrängung deutscher Bedürftiger begründete, war die Aufregung groß. In den fünf Ausgabestellen des vogtländischen »Brotkorbes«, der von Gemeinden des Kirchenbezirkes Auerbach, örtlichen Firmen und über 70 Ehrenamtlichen gefüllt wird, gebe es kleinere Verteilungskämpfe auch unter Einheimischen, sagt Sozialarbeiter Köhler. »Aber statt über die Tafeln sollte über Gerechtigkeit diskutiert werden – und das müsste ganz woanders ansetzen.« Denn die Erregung über die Entscheidung der Essener Tafel stellte meist nur die Frage nach der Verteilung barmherziger Brosamen – aber nicht nach der Wurzel des Übels: Warum sind überhaupt Menschen in Deutschland auf Lebensmittelspenden angewiesen?

»In einer biblischen Perspektive sind Barmherzigkeit und Gerechtigkeit nicht zu trennen«, sagt der Ethik-Professor Ulf Liedke von der Evangelischen Hochschule Dresden. Gott steht nicht nur beim Propheten Jeremia für Barmherzigkeit ebenso wie für Gerechtigkeit auf Erden. »Doch in unserer kirchlichen Alltagssprache haben wir ein leichtes Übergewicht der Barmherzigkeit, während gegenüber der Gerechtigkeit eine gewisse Zurückhaltung zu bemerken ist«, stellt der Theologe fest. »Die große Stärke der Barmherzigkeit ist, dass sie sensibel ist für die Not anderer und sich berühren lässt. Doch der Andere ist dabei nur der Empfangende ohne Anspruch auf Hilfe – und es werden leicht Strukturen übersehen, die verändert werden müssen«, meint Liedke. Diese Gefahr liegt auch in helfenden Angeboten wie den Tafeln. »Die Stärke der Gerechtigkeit wiederum ist, dass jeder einen Anspruch auf sie hat«, sagt der Dresdner Professor, »nur kann die Beziehung zum konkreten Menschen darüber leicht vergessen werden«. Eine eigene Interpretation dieses Begriffes hat der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgelegt mit seiner Äußerung, Hartz IV biete jedem das, »was er zum Leben braucht«.

Im »Brotkorb« der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Zschopau (KEZ) nimmt trotzdem die Nachfrage zu. Rund 600 Menschen ernähren sich jede Woche auch aus ihm, gut jeder Dritte von ihnen ein Ausländer. Mitunter können einen Monat lang keine neuen Kundenausweise ausgegeben werden, weil es zu wenige Lebensmittel gibt – und zu viele Bedürftige. Unter ihnen sind immer mehr Rentner und Menschen mit Mini-Löhnen. »Mit Hartz IV können sich Menschen, die gut rechnen, gerade so ernähren«, sagt KEZ-Leiter Pfarrer Johannes Roscher. »Aber sie bleiben ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben. Kultur, Eis für die Kinder, Kino – das geht dann alles nicht.«

Die Diakonie fordert deshalb um bis zu 150 Euro höhere Hartz-IV-Regelsätze, einen ausreichenden Mindestlohn und mehr Unterstützung für Alleinerziehende. Dafür müssten Reiche etwas mehr abgeben. Doch weil die Frage nach Gerechtigkeit nur leise gestellt wird und die Barmherzigkeit der Tafeln an ihre Grenzen kommt, suchen sich die Armen ihre eigenen Schuldigen. Ausländer seien dann auch für manche »Brotkorb«-Kunden Sündenböcke, berichtet KEZ-Leiter Roscher.

»Wir als Kirche sind nicht mehr Stimme der Schwachen und streiten nicht mehr mit den Reichen«, sagt der Zschopauer Pfarrer. »Diese Berührungsängste hatte Jesus nicht.«

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10 Lesermeinungen zu Barmherzigkeit reicht nicht
Marcel Schneider schreibt:
12. April 2018, 10:18

Als ich zu Beginn des Artikels den Namen Auerbach las, bekam ich einen sanften Schauder auf dem Rücken. Das ist der Ort, wo wir im November 2017 zu einer Geburtstagsfeier eingeladen waren, wo am Tisch mehrere Christen der Kirchgemeinde saßen und wo so übel gegen Ausländer gehetzt wurde.
"Schmarotzer" und "Kanacke" waren Wörter, die da fielen. Auch da war es, wo die Schauergeschichte erzählt wurde, dass das VW Werk Zwickau-Mosel Flüchtlinge eingestellt habe und diese in der Umkleidekabine weibliche Mitarbeiterinnen filmen. Der Sicherheitsdienstes des Betriebes sei machtlos gegen die gewalttätigen Ausländer. Als ich am nächsten Tag VW anrief und die Geschichte erzählte, fiel man aus allen Wolken. Weder gibt es einen Sicherheitsdienst noch solche Vorfälle. Man wollte unbedingt den Namen des Mitarbeiters von mir wissen. Den gab ich nicht, wir schrieben aber eine Karte zu Weihnachten, mit der Wahrheit darauf. Bis heute gibt es keine Antwort. Die Wahrheit ist manchmal beschämend. Aber nun gut, das war ja nicht das Thema des Artikels. Es geht ja um Barmherzigkeit.
Es ist eine Schande und eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass so viele Menschen im reichen Deutschland zur Tafel gehen müssen. Rentner, Alleinerziehende, Flüchtlinge. Die Tafeln übernehmen damit Aufgaben, die eigentlich der Staat erfüllen müsste. Ja, die Vermögensverteilung und die Einkommensentwicklung in Deutschland ist zutiefst ungerecht. Die soziale Schere öffnet sich immer mehr und bedroht den gesellschaftlichen Frieden und Zusammenhalt. Immer mehr wenige Einzelpersonen besitzen einen Großteil des Vermögens in Deutschland. "Gerechtigkeit erhöht ein Volk – aber die Sünde ist der Leute Verderben", so lesen wir im Buch der Sprüche.
An dieser Stelle möchte ich ein Erlebnis aus meinem Leben preisgeben:
nach dem Ende meines Zivildienstes erkrankte ich schwer. Ich war über ein Jahr arbeitsunfähig. Da ich noch nicht gearbeitet hatte, bekam ich Sozialhilfe (1999 gab es noch Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe. Hartz 4 ist entstanden aus der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe). Der Regelsatz war sehr niedrig. Über 1 Jahr musste ich davon leben und habe selber die Erfahrung gemacht, ganz unten zu sein. In dieser Zeit nahm ich 17 kg ab, weil der Regelsatz hinten und vorn nicht reichte. Obwohl ich sehr sparsam lebte, nicht rauche und trinke, hatte ich zu wenig zu Essen und Trinken. Ein Tafelsystem wie heute gab es damals im Erzgebirge noch nicht, die erste Tafel wurde ja erst 1995 in Berlin gegründet. Brauchte ich eine Briefmarke, ging ein Schnürsenkel oder eine Glühlampe kaputt, musste ich sogar mit dem Bus irgendwo hinfahren, brachte das meinen Tagesregelsatz so durcheinander, dass ich weiter am Essen sparen musste. Konkret hieß das: früh eine Scheibe Brot mit Butter, mittags eine Dosensuppe, abends einen Becher Quark. Ich habe das Gefühl von quälendem Hunger kennengelernt. Gesellschaftlich war ich ausgeschlossen, weil ein Kinobesuch oder ein Sportkurs unbezahlbar waren. Jedem, der heute sagt, Hartz 4 reiche nicht, glaube ich aufs Wort.
Natürlich weiß ich, dass es in Ländern wie Spanien oder Griechenland keine soziale Grundsicherung gibt. Wer dort länger als ein Jahr ohne Arbeit ist, bekommt gar nichts mehr, fällt ganz durchs Netz. Für uns in Deutschland unvorstellbar. Ganz ohne soziale Fürsorge zu sein. Ja, ich bin dankbar, dass es so was in Deutschland gibt.
Aber auch ich finde den Regelsatz zu niedrig und die Behördenwillkür zu groß.

Johannes schreibt:
12. April 2018, 10:48

Dass Barmherzigkeit nicht reicht, wusste auch der Richter Lothar Paul Ernst Kreyssig (* Okt.1898 in Flöha), der vor 60 Jahren im April 1958 die "Aktion Sühnezeichen" gründete.
http://www.deutschlandfunk.de/aktion-suehnezeichen-seit-60-jahren-10-000...
1958 rief Lothar Kreyssig zur Gründung der "Aktion Sühnezeichen" auf. Junge Deutsche sollten in die ehemaligen Feindländer und nach Israel gehen, um dort um Vergebung und Frieden zu bitten. Durch praktische Arbeit sollten sie ein Zeichen der Versöhnung setzen. Aus der anfangs unmöglich erscheinenden Idee wurde ein Dienst, der bis heute lebendig ist und viele Deutsche geprägt hat. Erste Einsatzgebiete waren Norwegen, die Niederlande, Großbritannien, Frankreich und Griechenland. Mit dem Bau der Berliner Mauer war Kreyssig von den internationalen Aktivitäten seiner Organisation abgeschnitten. Er gab daher 1962 die Leitung ab und widmete sich dem Aufbau der Aktion Sühnezeichen in der DDR. (nach Wikipedia)
Johannes Lehnert

Beobachter schreibt:
12. April 2018, 23:08

Und was hat das jetzt mit dem hiesigen Thema zu tun?

Johannes schreibt:
13. April 2018, 10:32

Alles! - Der Papier-SONNTAG hat den "hiesigen" Artikel verbunden mit dem Artikel "Mein Nächster" (S.3, Der SONNTAG stellt drei Menschen vor, die wissen die Antwort auf: Wer ist mein Nächster?) Ich habe dem eine vierte Person hinzugefügt: den Widerstandskämpfer Lothar Kreyßig. Wer sich ein wenig mit ihm befasst, weiß: Er hat nach der Nazizeit die "Aktionsgemeinschaft für die Hungernden" gegründet. Als ihm klar wurde, dass Barmherzigkeit nicht reicht, sondern Gerechtigkeit und Versöhnung dazugehören, gründete er die "Aktion Sühnezeichen", die seit 1968 unter dem Namen "Aktion Sühnezeichen - Friedensdienste" Tausenden Menschen die Möglichkeit gab, für Gerechtigkeit und Frieden zu arbeiten.

Beobachter schreibt:
16. April 2018, 8:29

Sie oben!
Im Gunde hat Herr Schneider doch zu Beginn seines Beitrages sehr gut beschrieben, was die Menschen wirklich bewegt!
Die "Aktion Sühnezeichen2 war sicher im Ursprung gut gedacht, dann aber sehr als Alibiverein von der Stasi durchtränkt und geleitet!

Johannes schreibt:
16. April 2018, 15:34

Verehrter Mitchrist!
Dass die ASF von der Stasi geleitet wurde, ist ein übler Verdacht und bedarf des Beweises. Können Sie den bringen? - Es fällt schon seit längerem auf, dass Sie kirchliche Bewegungen wie "Gustaf-Adolf-Werk", die Diakonie u. a. mit übler Nachrede versehen. Jetzt kommt also noch die Aktion Sühnezeichen dazu! Wie lange wollen Sie diese Art von Unterstellungen in einer sächsischen Kirchenzeitung von Rheinland aus noch betreiben?
Johannes Lehnert

Britta schreibt:
17. April 2018, 8:51

Von der Stasi geleitet sicherlich nicht. Dennoch kann man in der DDR davon ausgehen, daß die Schergen überall saßen...

Gelöscht/ DIE SONNTAG-Redaktion. Wir bitten darum, nicht nachweisbare Verdächtigungen nicht zu verbreiten. Danke.

Gert Flessing schreibt:
13. April 2018, 22:06

"Gerechtigkeit erhöht ein Volk. Aber die Sünde ist der Leute Verderben." Wer kennt diesen Spruch nicht.
Ja, die Sünde. Die Sünde der Gier, die eben nicht zulassen will, das Menschen, die eigentlich alles im Übermaß haben, Gerechtigkeit leben sollten.
Ob jemand, der Vorstandsvorsitzender eines Konzerns ist, im Monat Unsummen verdienen MUSS?
Und wenn es denn so wäre, so würde er, wenn er ein Mensch sein würde, dem Gerechtigkeit am Herzen liegt, diese leben. Dann wäre er barmherzig.
Gerechtigkeit kann, so fürchte ich, nicht verordnet werden. Man kann sie nicht erzwingen.
Wer das versucht, wird in Kauf nehmen müssen, das er neue Ungerechtigkeiten schafft.
Dennoch ist es bitter, das in Deutschland Menschen mit ihrer Rente nicht auskommen und entweder zusätzlich Hilfe beantragen müssen oder versuchen, arbeiten zu gehen.
Weil das alles nicht mit Utopien zu lösen ist, brauchen wir die Barmherzigkeit der Tafel.
Oder den "neuen Menschen", das Volk, das Gerechtigkeit als Ganzes lebt.
Nur fürchte ich, das wir darauf wohl lange warten müssen.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
15. April 2018, 17:53

Der Leipziger Universitätsgottesdienst wurde heute mit der Bachkantate "Barmherziges Herze der ewigen Liebe" gefeiert - passend zum Thema dieses Artikels. Besonders gefiel mir die Bass-Arie; deshalb schreibe ich sie Euch heute:
Das ist des Christen Kunst:
Nur Gott und sich erkennen,
Von wahrer Liebe brennen,
Nicht unzulässig richten,
Noch fremdes Tun vernichten,
Des Nächsten nicht vergessen,
Mit reichem Maße messen:
Das macht bei Gott und Menschen Gunst,
Das ist des Christen Kunst.
(Salomo Frank 1715)

Schön, nicht?

Britta schreibt:
15. April 2018, 22:41

Wie gut, wenn eine Familie da ist, die ihre Mitglieder in schweren Stunden des Lebens, wie Krankheiten, Unfälle u.a. auffängt. Mehr Familie, weniger Sozialstaat und umgekehrt. Denn der Sozialstaat macht die Menschen auch abhängig, macht Familienstrukturen überflüssig und lähmt Initiativen. Insofern sollte er auf ein absolutes Minimum beschränkt bleiben und nicht Auswüchse wie sog. bedingungsloses Grundeinkommen etc. bilden. Zudem funktioniert ein Sozialstaat auf Dauer nur, wenn die Grenzen gesichert sind.

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