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Schule darf nicht behindern

Barrieren: Schüler mit Behinderungen sollen auch in Sachsen nicht mehr ausgegrenzt werden – doch in der Praxis gibt es dabei große Hürden. Und neue Wege.
Andreas Roth
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Elias kann kluge Antworten geben, kennt sich aus in biblischen Geschichten und zeichnet gut. Aber berühren lässt sich der 14-jährige Schüler, der in Wirklichkeit anders heißt, nicht gern. Auch das Schreiben fällt ihm schwer. Er ist Autist. Und er besucht den Religionsunterricht einer ganz normalen Leipziger Oberschule. Nur dass er Leistungskontrollen mündlich beantworten darf und ein Schulbegleiter ihm assistiert im Unterricht.

Das nennt man Inklusion, und so will es die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen seit 2008. In Sachsen lernt heute jedes dritte Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer Regelschule. Vor zehn Jahren waren es nur halb so viele.

»Doch das ist noch viel zu wenig angesichts dessen, wie viele Schüler mit Behinderungen es gibt«, sagt die Leipziger Theologin und Religionslehrerin Christiane Donath.

Ihr achtjähriger Sohn Amos war der Erste in seiner Klasse, der schwimmen kann, der ein Sportabzeichen erhält und allein nach Hause fährt – im Rollstuhl. Das Evangelische Schulzentrum Leipzig ebne ihm alle Wege, sagt Christiane Donath, doch als Lehrerin beobachtet sie an anderen Schulen: »Da gibt es viel Unsicherheit. Eltern fürchten, dass ein Inklusionskind ihrem Kind Aufmerksamkeit wegnimmt. Und auch die meisten Lehrer haben Angst vor Inklusion und werden dabei allein gelassen.«

Das Theologisch-Pädagogische Institut der Landeskirche in Moritzburg (TPI) will Pädagogen auf diesem Weg ermutigen und ihnen Handwerkszeug vermitteln. »Wir brauchen unterschiedliche Zugangsweisen zu einem Thema«, sagt TPI-Leiter David Toaspern. Die Geschichte vom verlorenen Schaf beispielsweise kann nicht nur über den Kopf verstanden werden – sondern auch über den Geruch von Gras oder Berührungen.

Inklusion heißt, den Blick zu wechseln. »Wir sehen nicht mehr auf die Defizite eines Schülers mit einer Behinderung«, erklärt David Toaspern. »Sondern wir sehen dann auf das, was ein Schüler gut kann.«

Dieser andere Blick ist auch ein biblischer. »Das Evangelium sagt allen Menschen – unabhängig von ihren Eigenschaften, biographischen Brüchen oder ihrer kulturellen Herkunft – die alle einschließende Liebe Gottes zu«, meint der Theologieprofessor Ulf Liedke von der Evangelischen Hochschule Dresden.

Diesen Anspruch der gleichen Beteiligung an Schulen mit Leben zu füllen, kostet viel Geld. Der Freistaat Sachsen stellt seinen Lehrern für Schüler mit Behinderungen mehr Wochenstunden und den freien Schulen dafür etwas mehr Zuschüsse zur Verfügung. Mit Unterstützung der EU wurden 227 Inklusionsassistenten in Sachsen eingestellt. 23 sind bei evangelischen Schulen angestellt und fünf von ihnen haben eigene Inklusionsbeauftragte, die von der Schulstiftung der Landeskirche ausgebildet wurden. »Sie berichten oft, dass es an Ausbildung und Personal fehlt, um Inklusion wirklich umzusetzen«, sagt Brit Reimann-Bernhardt von der Schulstiftung.

Während drei Viertel der körperlich und emotional beeinträchtigten Schüler sowie 62 Prozent der hör- und 48 Prozent der sehbehinderten Schüler in Sachsen eine Regelschule besuchen, sind es beim Förderschwerpunkt Lernen und geistige Entwicklung weniger als sechs Prozent. »Nicht für jedes behinderte Kind ist Inklusion zwingend der richtige Weg«, sagt die Psychologin Brit Reimann-Bernhardt von der Schulstiftung. »Auch Förderschulen bleiben wichtig.«

Die Leipziger Werner-Vogel-Schule der Diakonie geht bei der Inklusion den Weg andersherum. Sie ist eine Förderschule für geistig behinderte Kinder  – und eröffnet im August eine Grundschule: für alle.

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9 Lesermeinungen zu Schule darf nicht behindern
Marcel Schneider schreibt:
27. Juni 2018, 21:19

nach dem Lesen des Artikels bin ich überrascht: über mich selber. Im Alltag, in der Bahn, im Supermarkt, fallen mir kaum Kinder mit Behinderung auf. Das macht mich nachdenklich: sehr ich diese Kinder nicht oder sind sie einfach nicht sichtbar, weil eine Behinderung peinlich und beschämend sein könnte? Ich möchte in einem Land leben, in dem jedes behinderte Kind als gewollt und geliebt gilt und man es nicht verstecken braucht.

Manfred schreibt:
29. Juni 2018, 18:00

Herr Schneider, ich möchte die Person sehen/erleben, für welche eine Behinderung eines anderen Menschen peinlich sein sollte.
Wenn es derartige „dumme“ Menschen geben sollte, kommen diese aus dem „besseren“ Milieu.
Natürlich ist es nicht sinnvoll, Menschen mit einer geistigen Behinderung in eine Klasse „einzubauen“, in der normal lernende Kinder sind.
Diese Kinder benötigen spezielle Klassen, in der konkret auf jedes dieser Kinder eingegangen werden kann.
Kinder mit einem körperlichen Nachteil, sollten unbedingt in normale Klassen eingeschult werden. Diese werden von den anderen Kindern meistens als vollkommen gleichwertig angesehen und unterstützt.
Hier lernen „normale“ Kinder das richtige soziale Verhalten.

Marcel Schneider schreibt:
02. Juli 2018, 18:45

Der Grat unserer Zivilisation ist sehr schmal. Wie schnell kann der Mensch ins Barbarische abgleiten. Noch vor 70 Jahren wurden in Deutschland Behinderte von Deutschen vergast, totgespritzt und verhungern gelassen. Ebenso erging es Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, "Arbeitsscheuen" und Andersdenkenden.
Normal ist da für mich gar nichts mehr.
Wenn jetzt mit Kampfhunden Jagd auf Flüchtlinge gemacht wird, wenn Asylbewerberheime brennen, wenn Menschen bedroht und eingeschüchtert werden, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen, wenn nachts auf unserer Straße ein Rollstuhlfahrer aus dem Rollstuhl geworfen und auf ihn uriniert wird, so wie am Samstag geschehen, dann wundert mich gar nichts mehr. Dann ist Deutschland bald wieder so verroht wie vor 70 Jahren. Es ist unsere Aufgabe als Christen, dagegen aufzustehen und den Mund aufzumachen. Ich mache das täglich. Sie auch?

Gert Flessing schreibt:
03. Juli 2018, 10:10

Herr Schneider, Sie echauffieren sich. Halten Sie das für sinnvoll?
Als in Deutschland behinderte Menschen ermordet wurden, waren wir wohl beide noch nicht am Leben.
Was damals geschah, war, für sehr viele Menschen, auch in der Zeit, nicht normal.
Freilich gab es, auch im Blick auf Behinderungen, einige Vorstellungen, die wir nicht teilen.
So sah meine Mutter, als sie am Lyceum in Frankfurt/Oder war, zu Beginn der dreißiger Jahre, einen wissenschaftlichen Lehrfilm, der geistige Behinderungen und Mehrfachbehinderungen, als Folge des Alkoholismus darstellte.
Das bedeutete jedoch nicht, dass sie je der Meinung gewesen wäre, man müsse behinderte Menschen töten.
Außerdem geht es vielleicht in einer Diskussion auch ohne den dauernden Hinweis auf das, was damals geschah.
Wir leben heute und wir leben (wenn man von einigen sozial auffälligen absieht), in einer Gesellschaft, die durchaus weiß, was richtig ist.
Dazu gehört, m.E. auch, das behinderte Menschen nicht mehr derart als Außenseiter angesehen werden, wie es einst gewesen ist.
Das war ein langer und mühevoller Weg. Noch als ich zur Schule ging, wurden Menschen, die behindert waren, regelmäßig gehänselt. (Heute würde man wohl Mobbing dazu sagen.)
Als meine Kinder zur Schule kamen, war das schon nicht mehr so.
Es gab schon damals recht ordentliche Förderschulen und das nicht nur in kirchlicher Trägerschaft.
Es gab ebenso Kinder, die z.B. Lese - Rechtschreibschwäche hatten (einer schrieb sehr nett und merkwürdig in mein Poesiealbum), die in der normalen Klasse gefördert wurden.
Wir haben auch bei uns Asylbewerber. Die werden weder gejagt, noch brennt ihre Unterkunft.
An der Stelle verbreiten Sie leider Klischees.
Nichts wird dadurch HEUTE besser, wenn dauernd mit der Nazikeule gefuchtelt wird.
Gert Flessing

Marcel Schneider schreibt:
04. Juli 2018, 6:49

Hallo Herr Flessing, ich würde es eher empören nennen statt echauffieren. Ich empöre mich und will mich nicht gewöhnen an die ständigen Grenzüberschreitungen in unserer Gesellschaft. Dagegen muss es einen Aufstand der Anständigen geben.
Wenn Sie bei Google "behindertes Kind Mobbing" eingeben, finden Sie zahlreiche Seiten und Elternforen, in denen Eltern von Mobbing an ihren behinderten Kindern berichten, sowohl an Förder- als auch an Regelschulen.
9 von 10 Ärzten würden auch heute noch einer Schwangeren, die ein Kind mit Down-Syndrom erwartet, zur Abtreibung raten, mit solchen Sätzen wie "Wissen Sie, was Sie sich da antun? Von der Gesellschaft dürfen Sie keine Unterstützung erwarten".
Ich glaube auch nicht, dass die Gesellschaft weiß, was richtig für sie ist. Viele Menschen haben jegliches Maß für richtig und falsch verloren.
2 Beispiele: in einer belebten Fußgängerzone kommt ein Radfahrer mit Affenzahn angefahren und fährt fast eine alte Frau um. Ich weise ihn darauf hin, dass hier Radfahren verboten ist. Ich bekomme so unflätige Worte zur Antwort, dass ich sie hier gar nicht wiedergeben kann. Erwartet hätte ich "Entschuldigung, Sie haben Recht...". Oder: im Supermarkt beobachte ich, wie ein Kunde am Erdbeerstand in einer Schale mit Erdbeeren alle guten Erdbeeren aus den anderen Schalen sortiert und alle schlechten Erdbeeren aus seiner Schale aussortiert, sodass er letztlich eine Schale mit allen guten, roten und saftigen Erdbeeren kauft und für die Kunden, die nach ihm kommen, nur die unfertigen Erdbeeren übrig lässt, den Ausschuss. Ich frage ihn, wie es für ihn wäre, wenn er solche Schalen mit Ausschuss an Erdbeeren vorfinden würde, wenn also jeder nur an sich selbst denken würde. Antwort von ihm: "Halt's Maul, du Vogel"
Deswegen denke ich, dass vielen Menschen das Feingefühl dafür verloren gegangen ist, was man aus Anstand tut und was nicht. Wer ständig Grenzen überschreitet, Rechte anderer verletzt, nur um sein eigenes Recht durchzudrücken und die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, der stumpft so ab, dass er Recht und Unrecht gar nicht mehr trennen kann.
Klischees, also Abbilder und Zerrbilder, möchte ich auch nicht bedienen. Ich lese den Polizeibericht Dresdens. Jeden 2.Tag lese ich da "Flüchtlinge wurden bedroht, Hund wurde auf sie losgelassen..." Das sind also Tatsachen, die vielleicht in Ihrer Stadt nicht passieren, weil es da weniger Flüchtlinge gibt.
Die Nazikeule hole ich letztlich dann raus, wenn ich erlebe, dass Menschen wegen ihrer Herkunft,,ihrer Abstammung, Ihres Glaubens oder Ihres Wesens wegen diskriminiert oder ausgegrenzt werden. Wir wissen ja, wohin das führen kann.

Gert Flessing schreibt:
05. Juli 2018, 9:24

Lieber Herr Schneider,
entschuldigen Sie, das ich ein Fremdwort benutzt habe. ;-)
Echauffieren bedeutet letztlich auch, sich empören.
Es gibt empörendes Verhalten. Gestern wurde ich von einem großen, schwarzen Wagen aus Bayern, in einer siebziger Zone, bei durchgezogener Linie, mit Affenzahn überholt. Wäre es schief gegangen, hätte ich etwas weiter vorn seine Reste vom Baum kratzen dürfen.
Sicher gibt es Menschen, die ständig meinen, Grenzen überschreiten zu können. Aber ich habe auch erlebt, wie ich in Hamburg, woe es genügend ruppige Fahrer gibt, in eine Spur reingelassen wurde.
Es mag sein, dass viele Menschen, in unserer Zeit, etwas das Maß verloren haben.
Da ist es, so denke ich, an uns, das Maß zu behalten und gegen den Strom der Beschimpfungen, Gelassenheit und Ruhe zu setzen.
Ich denke nicht, das jemand, der andere diskrimminiert, damit verändert wird, das man ihn Nazi nennt.
Gert Flessing

Manfred schreibt:
04. Juli 2018, 8:39

Herr Schneider, leider schweifen SIE ständig mit eine Art Wutanfall vom eigentlichen Thema ab.
Gert Flessing alles richtig beschrieben, ohne verbissenen Worte zu verwenden.
Jeder Mensch kann als konkretes Vorbild Menschen entgegentreten, welche eine andere Erziehung erhalten haben.
In meinem Leben, kann ich Ihre Wahrnehmung nicht nachvollziehen und auch nicht bestätigen.

Marcel Schneider schreibt:
06. Juli 2018, 19:52

Manfred, wenn man im Internet etwas mit Großbuchstaben schreibt, drückt man damit aus, dass man das Gegenüber anschreit.
Das ist aber nicht nötig, ich verstehe Sie auch so.

Manfred schreibt:
09. Juli 2018, 9:12

Herr Schneider, ich schreie nicht, sondern ich schreibe so, wie es mir einfällt.
Ich muss mit meinen 73 Jahren auch nicht jeden (Murks) Trend mitmachen, die sich einige andere Menschen ausdenken, welch wahrscheinlich zu viel Zeit haben.
Wenn SIE es trotzdem verstanden haben, ist es doch gut oder?

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