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Eine Hoffnung lernt gehen

Anfang vom Ende: Das Jahr 1988 war ein Schlüsseljahr für die Friedliche Revolution. Die Reformen Gorbatschows stießen in der DDR zwar auf Widerstände, setzten aber viel in Bewegung – auch in den Kirchen.
Von Gottfried Müller
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Kirchlicher Protest mit Flugblättern: Gottesdienst am 25.09.1988 in der Ost-Berliner Sophienkirche. © epd-bild / Bernd Bohm

Der Chefideologe der SED, Kurt Hager, beantwortete 1987 eine ­Reporterfrage nach dem Reformvorbild Sowjetunion mit der Gegenfrage: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Die einige Monate später im Oktober 1987 in Görlitz tagende Synode des DDR-Kirchenbundes glaubte allerdings, Hager sei inzwischen überholt und der Reformzug habe auch in der DDR an Fahrt gewonnen. Man dachte vor allem an zwei Ereignisse, die im September stattgefunden hatten: die Reise Erich Honeckers nach Westdeutschland und die Veröffentlichung eines Dokumentes unter dem Titel »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« im SED-Zen­tralorgan »Neues Deutschland«. Der Text war aus einem Dialog zwischen Vertretern der SED und der SPD hervorgegangen und enthielt Aussagen wie: »Die offene Diskussion über den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge und Misserfolge, Vorzüge und Nachteile, muss innerhalb jeden Systems möglich sein.«

Als die Synode, dadurch ermutigt, eine couragierte Entschließung zur Friedensfrage verabschiedete, sah die SED jedoch eine rote Linie überschritten und Hager durfte die Reformbremse wieder anziehen. Die Hoffnungen des Herbstes erwiesen sich als Illusionen. Den Kirchen und dem ganzen Land stand mit dem Übergang in das Jahr 1988 ein Winter des Missvergnügens bevor. Alle Befürchtungen wurden Realität in den sogenannten Berliner Ereignissen. Dazu gehörte eine Stasiaktion gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde und im Januar 1988 der Einsatz von Gewalt gegen Regimekritiker beim Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch. In beiden Fällen kam es zu Mahnwachen und Solidaritätsaktionen mit den Gefangenen und Ausgewiesenen.

Jetzt zeigte sich, dass im Umfeld der Kirchen zwei schon länger bestehende Bewegungen immer mehr in die Öffentlichkeit drängten: einerseits Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, andererseits die Antragsteller auf ständige Ausreise aus der DDR. Für die Kirchenorganisationen, ihre Gemeinden und Leitungen bedeutete das, für alle da sein zu müssen, die ihrer Hilfe bedurften. Aber nicht jeder verstand das Bestreben, als Helfer das kirchliche Profil wahren zu wollen.

Einen überaus wichtigen Beitrag für das Gelingen der am Horizont heraufziehenden Revolution haben 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften in Gestalt der »Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« im Februar 1988 in Dresden geleistet.

In den Beratungsergebnissen erblickten die Aufpasser von SED und Stasi jedoch den Versuch »bestimmter Kräfte«, die »Kirche im Sozialismus« zu einer Opposition gegen den Sozia­lismus umzugestalten. Für den Gegenschlag wurde das staatliche Presseamt in Stellung gebracht. Es verbot der Kirchenpresse, über die Ökumenische Versammlung zu berichten. Dieses Verbot war aber nicht ganz durchsetzbar. Umso stärker wütete die Zensur in den folgenden Monaten, als in der DDR mehrere Kirchentage stattfanden.

Die SED-Oberen blieben auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 bei ihrer Politik der Verweigerung. In ihrer Ablehnung jeglicher Veränderungen riskierten sie sogar den Konflikt mit dem Reformer Gorbatschow. Sowjetische Filme und Publikationen wie das beliebte Magazin »Sputnik« wurden aus dem Vertrieb in der DDR herausgenommen. Die Revolution näherte sich dennoch mit großen Schritten.

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24 Lesermeinungen zu Eine Hoffnung lernt gehen
Marcel Schneider schreibt:
25. Juli 2018, 14:52

Es ist schade, dass die Kirche es nicht geschafft hat, die Energie der Wendezeit in die heutige Zeit zu retten.
Die vielen Menschen, die sich unter das Dach der Kirche retteten, Regimekritiker, Umweltgruppen, Wehrdienstverweigerer, beklagen eine Unzufriedenheit mit der Kirche.
Das wird dann so pauschal und defätistisch geäußert wie "Die da oben machen doch eh, was sie wollen" oder "die Kirchenoberen beziehen ihre fetten Gehälter und kümmern sich nicht um uns" oder "die Kirche kümmert sich lieber um Flüchtlinge als ums uns".
Dem möchte ich aber antworten: Kirche ist nur so attraktiv, wie sie der einzelne Christ gestaltet. Die Kirche ist keine Dienstleistungs- und Servicegesellschaft.
Auf das Engagement des Einzelnen kommt es an.
Wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich zum Pfarrer gehen. Aber nicht nur in der Erwartung, dort alles loszuwerden, sondern mich auch einzubringen, um etwas zu verändern.
Das vergessen leider viele Kirchenkritiker, auch hier im Forum.
Für die Individualisierung und Urbanisierung kann man der Kirche nun keine Schuld geben.

Beobachter schreibt:
26. Juli 2018, 9:00

Lieber Herr Schneider, im Ansatz sind Ihre Überlegungen ja gar nicht so schlecht! Aber: Daß die Menschen, die damals von der Kirche Unterstützung und Aufnahme fanden mit der heutigen Kirche (deren "Führungspersonal"!) und wieder auf der Straße sind,liegt daran, daß die mehr als einseitig die linksrote 2amtliche" Meinung unterstützen. Gleichzeitig hetzen sie gegen alles, was eine eigene selbstständige Meinung hat!
"Wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich zum Pfarrer gehen. Aber nicht nur in der Erwartung, dort alles loszuwerden, sondern mich auch einzubringen, um etwas zu veränder" ist ja im Prinzip richtig! Nur heute passiert es leider ganz schnell, daß man ausgeschlossen, diffBamiert, in die rechte Ecke gedrückt,... wird!

Johannes schreibt:
30. Juli 2018, 15:43

Herr Beo,
ist ja ein schönes Vor-Urteil, dass man- wenn man zum Pfarrer geht - "ganz schnell ausgeschlossen, diffBamiert, in die rechte Ecke gedrückt,... wird". Was haben Sie bloß für Pfarrer im Rheinland?

Johannes Lehnert

kein Christ mehr schreibt:
26. Juli 2018, 12:14

Herr Schneider, ich stimme Ihnen ja zu, aber dazu bedarf es einer Bedingung: Gewaltfreiheit für Engagierte! "Wem etwas nicht gefällt, kann zum Pfarrer gehen." Aber der Pfarrer reagiert vllt. nicht oder mit Ablehnung, weil er keine Kapazitäten hat, da er sich um Pegida kümmern muss oder weil ein Widersprechen von Aufrufen zur Gewalt angeblich nicht im Sinne der Rechtfertigungslehre sei. Vgl. auch den offenen Brief von Theologen der TUD, der EHS und der EH Moritzburg: "Wir erleben Wortführerschaft, die die parlamentarische Demokratie verächtlich macht oder ablehnt, offen Rassismus äußert und Gewaltakte verharmlost, billigt oder gar zu solchen aufruft... Wir erleben bei alledem Gemeindeleiter und -leiterinnen, ...die inaktiv die Dinge laufen lassen...oder keinerlei Widerspruch äußern – selbst dann nicht, wenn Wortmeldungen gegen die Prinzipien christlicher Ethik verstoßen." Quelle: https://www.kirche-fuer-demokratie.de/279 Nee, mit solcher Kirche habe ich nichts am Hut!

Manfred schreibt:
27. Juli 2018, 12:32

@kein Christ mehr schreibt:
Mich bewegt der Begriff „Rassismus“ sehr (den SIE ja auch benutzen).
Vielleicht können wir uns einmal sachlich über diesen Begriff auseinandersetzen.
Für MICH gibt es nur eine einzige menschliche Rasse.
Ob ein solches Wesen nun weiß, gelb oder dunkelhäutig aussieht, seine Grundbestandteile sind fast vollkommen gleich.
Wenn dies so ist (sein sollte), dann gibt es keinen Rassismus als Solcher.
Es gibt „vielleicht“ eine Feindlichkeit von Ethnien, mehr aber nicht.
Sicher Ethnien-Feindlichkeit klingt nicht so bedrohlich aber der Begriff wäre treffender.
Mit der ständigen Benennung von einem angeblichen „Rassismus“, wählen die guten Menschen eine Nazibezeichnung, aber scheinbar merken sie es nicht einmal selbst.

Manfred schreibt:
29. Juli 2018, 12:47

Scheinbar ist der falsche Begriff eines Rassismus zu schwer oder er soll nicht geklärt werden.
Rassen gab es bis in die Nazizeit (der Höhepunkt waren das Rassengesetz).
Heute wissen wir (die Wissenschaft!), dass es keine menschlichen Rassen gibt.
Demzufolge kann es auch keinen Rassismus geben.
Eingefahrene Strukturen sind eben schwer herauszubekommen.
Gab es eigentlich bei den verschiedenen Glaubensrichtungen RASSEN und damit ein Rassismus???
Ich wünsche allen eine gute Zeit.

Manfred schreibt:
26. Juli 2018, 13:48

Herr Schneider, warum hat die KIRCHE im letztem Jahr soviele Mitglieder verloren???
Es sollen bei beide Kirchen zusammen wohl 660 Tausend sein.
Menschen fallen nicht vom Glauben ab, aber sie fühlen sich "vielleicht" nicht mehr mit den Kirchenverantwortlichen im Glauben vereint?
Welche konkrete Meinung haben sie zu diesem Thema?

L. Schuster schreibt:
25. Juli 2018, 17:55

Nicht vergessen, es was Gorbatschow pro westliche Einstellung und aus einer Position seiner Stärke, mit Glasnost, Perestroika anzufangen und heimlich auch in den verbunden Ländern etwas zu verändern. Einzig seinen Bemühen und seiner russischer Freude u. a. die von Gazpromsollten.
Wo Ungarn die Grenze öffnet, Polen bei Linienflüge (z.B. nach Kanada weiß ich) und dann überraschend Egon Grenz sie öffnete, Gorbis Wunsch. Daher ist er vielleicht Revolutionär, wenn man schon den Begriff verwendet. Aber nur er.
Denn erst mit dem Fall der Grenze 9.11.89 begannen revolutionsartigen Veränderungen. Daher halte ich es falsch, „1988 war ein Schlüsseljahr für die Friedliche Revolution“ zu nennen, nicht nur das vor dem 9. 11. wurde nicht verändert wurde was diesem Begriff verdient, sondern Schlüsseljahr für eine Revolution (radikale Veränderung) ist einfach zu hoch gegriffen, richtiger wäre vielleicht Vorspiel. Noch
wollte einer vor dem 9.11. solche radikalen Veränderung, wie wir sie dann erlebten.

Vorspiel dank Gorbi (oder vielleicht seine Inszenierung) wie auch mit der erwähnten kirchlichen Umweltbibliothek. Eine im Erdgeschoss, kellerartige, feuchte, kleine Räumlichkeit, Berlin-Brenzlauerberg, wo u. a. Stasileute ahnten bei dem Klub sind Gorbatschows-Dienste direkt dabei.
Oder vielleicht auch bei der nicht weit entfernten Zion-Kirche (ich machte hier in Nähe Urlaub bei Bekannten). Eine offene Kirche wo in den 89er Jahr oft internationale, einschließlich russische Journalisten zahlreich zu sehen waren. Eine der vielen Kirchen, wo man nach dem Mauerfall sagte, „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan".

Beobachter schreibt:
26. Juli 2018, 9:08

Lieber Herr Schuster, ich würde Gorbi nicht so hochjubeln. Wenn überhaupt haben damals eher Kirchenmänner, Harald Brettschneider, Theo Lehmann, Lutz Scheufler um nur ein paar Namen zu nennen,die Wege zu einer friedlichen Revolution geebnet.
Nein, die Zeit war einfach reif (biblische 40 Jahre)! Gorbi, Kohl und auch die Kirchenleute waren nur SEINE Werkzeuge.
Heute sind wir in einer ähnlichen Situation, die Leute (oft dieselben wie damals!) sind wieder auf der Straße, um notwendige Veränderungen in unserem deutschen Vaterland anzuleiern! Der Unterschied, im Gegensatz zu damals haben sie fast keinerlei Unterstützung von "KIrchens", meistens sogar das genaue Gegenteil!

L. Schuster schreibt:
27. Juli 2018, 10:28

Lieber Beobachter,
„die Zeit war einfach reif“ weil die staatliche Wirtschaft im sowjetischen Block versagte,
hätten die Kommunisten wie in China rechtzeitig auf private Wirtschaft gesetzt wären sie heute noch an der Macht.

Kommunisten, die in China heute noch gnadenlos ihr Gegner in furchtbarste Arbeitslager disziplinieren oder die Partei, der örtliche Parteisekretär z. B .entscheidet über die Zwang -Abtreibung (bis zum 8 Monat). Ca. 6 Millionen solcher Zwangsabtreibungen pro Jahr und hinzu kommen auch noch eine hohen Zahl von Zwangs- Sterilisation von Mädchen und Frauen und von deutschen Menschenrechtlern usw. hört man nichts das die Kommunisten bzw. ihr System verschwinden soll.

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