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Die Natur als Echo Gottes

Gedicht: Christian Lehnert bringt die Wunder der Natur zum Leuchten. Seine Gedichte weiten den Blick auf das Leben – und dessen unaussprechlichen Grund.
Von Stefan Seidel
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© Foto: peterkuehn - stockadobe.com

Es ist, als wolle Christian Lehnert den Leser verwickeln und verweben in die tausendfachen Farben und Töne der Natur. Als wolle er mit seinen Gedichten ein Gegengewicht setzen zum Großstadtlärm und Smartphoneblick. Mit seinem soeben erschienenen siebenten Gedichtband »Cherubinischer Stab« taucht Lehnert tief ein in die Wunderwelt der Natur – mit ihrem Sirren und Surren, ihrem Krabbeln und Kreisen, ihren Farbblitzen und ihrer stillen Majestät. Einprägsam ist seine Beschreibung vom Tod und der Auferstehung eines Eisvogels. Wie dessen Bläue – im Verlöschen und Vorbeiblitzen – ein Bote ist, dessen Licht »einen Lidschlag lang« kündet von dem großen Geheimnis.

Fast ausschließlich kreisen die drei Teile des Bandes um Naturbeobachtungen, die Lehnert gekonnt durscheinend macht für das große Ganze. Die Apfelblüte, die Herbstzeitlose, der Feuerkäfer – sie sind ihm wie ein Echo von woandersher. »Mit vollen Blättern glänzt der Sonnentau den Fliegen. / So heißt die Süßigkeit: Ein Echo will mich wiegen.« Immer wieder leuchtet Lehnerts großer Gewährsmann durch: der Mystiker Angelus Silesius (1624–1677), auf den wohl auch der Titel anspielt.

Zum Beispiel: »Das Undeutliche, GOtt, kann dies und jenes sein. / Wo immer du IHn suchst, schließt ER dich in sich ein.« Oder: »Denn alle wissen GOtt, die ihren Atem wissen, / die Kühle und den Sog, die Fülle, das Vermissen.«

Es sind unorthodoxe Verse, die der Leipziger Dichter und Theologe verfasst hat. Gott ist darin ein Fluchtpunkt, eine Tiefendimension allen Lebens. Er wird nie festgelegt auf ein bestimmtes Bild. So heißt ein Zweizeiler unter der Überschrift »Gebet«: »Nimm mir die Gewißheit! Wahr – das ist die engste Zelle, in der ich mich verlier, gedacht an meiner Stelle«.

Gottes Sein ist im Werden. Gott geschieht, so die Botschaft Lehnerts. Um dies ahnbar zu machen, setzt er die eigene Erfahrung wieder ins Recht – die direkte Begegnung mit der Natur, in die der Mensch verwoben ist. Gott im Atem, im Wunder eines Beerenleuchtens. »Schwebefliegen schwirren, ich hocke, fühle / Flügel wachsen zwischen den Schulterblättern: / Leicht und wach, ich weiß nicht, was Namen klären, / habe in allem / GOttheit, habe Stille gewonnen. (…) Beten ist Wandlung, Summen, ist ein Wittern hin zur Vollkommenheit, wo / Wildbienen weiden.« Dabei verklärt Lehnert die Natur nicht. Er zeigt sie vielmehr auch in ihrer Ambivalenz, wenn er vom nahenden Tod einer Fliege bei Winteranbruch oder dem Aufgeben einer Fluggans beim Zug gen Süden schreibt. Diese Bilder klingen schmerzhaft nach.

Dem Angstvollen setzt Lehnert aber Ahnungen entgegen. »Warum ist GOtt vom Tod so ungewiß verstellt?«, heißt ein Gedicht. »Die Antwort darauf ist nicht in derselben Welt. / Sie schweigt und rinnt. / Sie neigt sich hin, / wiegt sich mit einem Zweig, der wächst und bricht und fällt.«

Christian Lehnert, der im Juli den Deutschen Preis für Nature Writing erhalten hat, fügt seinem lyrischen Gesamtwerk einen gewichtigen Teil hinzu. In seiner geistlichen Schwingungskraft steht dieses wohl fast einzigartig in der Landschaft der Gegenwartslyrik.

Christian LEhnert: Cherubinischer Stab. Gedichte. Suhrkamp 2018, 20 Euroe

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