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Zeigt Chemnitz die Zukunft?

Notiert von Andreas Roth
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In Chemnitz ist dieser Tage etwas zerbrochen und es zeigt sich ein Abgrund darunter. Ein Toter und die ihm folgenden Gewaltausbrüche könnten ein Vorzeichen sein für das, was kommen wird. Oder auch nicht. Es liegt an: uns.

Wenn etwas zerbricht, kann auch der Blick frei werden – auch wenn der Anblick erschrecken lässt. Zu sehen ist ein Teil der Gesellschaft in Sachsen, der unter Hochspannung steht. Aufgeladen mit Hass und Wut auf Migranten und den liberalen Wandel vieler Werte. Rund 1000 von ihnen gingen in Chemnitz auf die Straße, einige jagten nach Augenzeugenberichten Menschen, wenige Tage zuvor ging es in Dresden gegen Journalisten.

Zu sehen ist auch: eine Messerstecherei. Ein Toter und zwei schwer Verletzte, ein schreckliches Verbrechen. Die Polizei nahm einen Syrer und einen Iraker als Tatverdächtige fest, mehr ist bis zum Redaktionsschluss nicht bekannt. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen – und da ist immer Vorsicht geboten –, würde sich noch ein Abgrund öffnen: Jener Schatten der Gewalt und der Verletzungen in den Herkunftsländern vieler flüchtender Menschen, der einige bis nach Deutschland begleitet. Viele von ihnen leiden hier stumm unter ihm, bei einigen ganz Wenigen führt er zu neuer Gewalt. Und zu neuen Opfern.

Wer Frieden will, muss jetzt nüchtern bleiben. Und die Dinge als die ansehen, die sie sind. Ja, die Aufnahme von Menschen aus fernen Kulturen ist nicht immer ein Festival. Und ja, da kippt etwas in Sachsen. Und zwar nach rechts. Und jeder, der auch nach der Landtagswahl im nächsten Jahr noch ein menschenfreundliches Sachsen will, sollte langsam aufwachen. Auch die Kirche hat da noch Luft nach oben. Sonst steht Chemnitz wirklich für die Zukunft.

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4 Lesermeinungen zu Zeigt Chemnitz die Zukunft?
Gert Flessing schreibt:
29. August 2018, 14:11

Nein, lieber Herr Roth,
Chemnitz steht nicht für die Zukunft in unserem Land. Chemnitz steht für seine Gegenwart.
Diese Gegenwart ist geprägt von Spannungen, die nicht nur etwas mit der Aufnahme von Menschen aus fremden Kulturkreisen zu tun haben. Wir haben das doch in unserer Kirche, auf einer völlig anderen Ebene erleben müssen.
Diese Spannungen werden auch dadurch erzeugt, weil für so manches, was eigentlich nicht entschuldbar ist, von der Seite der öffentlichen und veröffentlichen Meinung, Entschuldigungen gesucht werden.
Ich zitiere Sie: " Jener Schatten der Gewalt und der Verletzungen in den Herkunftsländern vieler flüchtender Menschen, der einige bis nach Deutschland begleitet." Das, was Sie dort aufführen, mag ein Teil der Realität sein. Es sollte aber niemals als eine Entschuldigung benutzt werden, wenn es um die Tötung eines anderen Menschen geht. Mit solchen Sätzen betreiben Sie das Geschäft der Scharfmacher. Denn die werden genau das gegen Sie benutzen.

Ja, wer Frieden will, muss nüchtern bleiben.
Nüchtern betrachtet hat uns das Jahr 2015 und das, was damals geschehen ist, das Bild einer Politik beschert, die an den Menschen des eigenen Volkes vorbei, Entscheidungen trifft. Seither wird sehr viel reagiert, aber kaum noch gelassen agiert.
Nüchtern betrachtet hat uns das, was damals geschehen ist, eine neue Partei, am rechten Rand der Gesellschaft gebracht, die genau das, was ihr, von den anderen politischen Kräften, vor die Füße gelegt wurde, mit Freuden aufgriff und sich damit ihren Platz in den Parlamenten erkämpfte.
Jetzt wird es schwer werden, da wieder etwas zu drehen. Jedenfalls so lange, wie die Politiker der anderen Parteien Angst davor haben, eigene Fehler in dem Zusammenhang zuzugeben.
Nüchtern betrachtet, hat vom Erstarken des rechten Randes auch der linke Rand profitiert. Wenn auf Gegendemos von dieser Seite Hass auf Deutschland skandiert wird, ist das ein völlig falsches Signal, im Blick auf jene Menschen, die sich nicht den Rändern zuordnen lassen. Wer mein Vaterland hasst, weil sich da Menschen tummeln, die meine Meinung nicht teilen, macht nichts gut, sondern reißt die Wunde noch tiefer. Aber, gerade unter manchen jungen Leuten scheint da auch ein gewisser Spaßfaktor mit verbunden zu sein.
Nüchtern betrachtet, ist das alles für uns als Kirche unangenehm. Denn es kommt zu einem Zeitpunkt, an dem wir selbst, bedingt durch Strukturreformgedanken, Geldsorgen, Fragen nach dem richtigen Weg in der Verkündigung, viele Kräfte gebunden oder gar verschlissen sind.
Wir könnten zum Frieden mahnen - alle Seiten. Wir könnten deutlich machen, das uns etwas an den Menschen, die sich von der Politik vernachlässigt fühlen, liegt und das wir ihnen nicht mit Plattheiten antworten. (Beispiel: Frage an einen Abgeordneten: "Warum sollte ich die AfD nicht wählen?" Antwort: "Weil das Nazis sind.") Ein wenig differenzierter, als mancher Politiker sollten wir schon sein. Aber auch auf der Seite der Kirche erlebe ich, leider, das man es sich oft einfach macht. Aber das geht nicht mehr, wenn wir wirklich von einer zerrissenen und gebrochenen Gegenwart, zu einer friedlicheren Zukunft kommen wollen.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
30. August 2018, 9:31

Vergesst nicht, dass es oft auch andersherum geschieht:
http://www.lvz.de/Nachrichten/Panorama/Drei-Maenner-schlagen-Fluechtling...

Leipziger schreibt:
30. August 2018, 13:11

Die Ereignisse in Chemnitz von Sonntag/Montag tragen zuallererst einmal Züge von Staatsversagen. Politische und polizeiliche Fehleinschätzungen haben dazu geführt, daß sich der rechtsradikale Mob teilweise ungehindert bewegen konnte. DAS darf sich nicht wiederholen und wird es hoffentlich auch nicht. Die Instrumentalisierung eines Tötungsdeliktes ist "zutiefst erschütternd und befremdlich", wie der Landesbischof mit Recht erklärt. Genau das ist es nämlich. Aber es ist noch absurder: Ein Mann spricht sich gegen Nazis und die AfD aus. Dieser Mann wird getötet. Nazis und die AfD behaupten, für diesen Mann einzutreten, indem sie Menschen, die wie er einen Migrationshintergrund haben, durch die Stadt jagen. Ich vermute, man muss zu einer dieser Gruppen gehören, um das logisch zu finden.
Dennoch: Mir scheint, die sächsische Landesregierung hat langsam begriffen, daß akuter Handlungsbedarf besteht. Ob daraus wirklich etwas folgt, werden die nächsten Tage zeigen.

Beobachter schreibt:
30. August 2018, 16:22

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