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Doch das Fleisch ist schwach

Erntedank: Auch für Braten und Wurst lässt sich Danke sagen. Und das mit gutem Grund. Doch für den Menschen müssen Millionen Tiere leiden – hat Gott das gewollt?
Von Andreas Roth
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© Daniel Fleck / Fotolia

Die Wurst wird zum Erntedankfest gewürdigt, und selbst der Schinken. Hat Gott selbst nicht in seinem Bund mit Noah den Menschen gesagt: »Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden«, heißt es im 1. Buch Mose. »In eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise.«

Auch in den Tagen um das Erntedankfest drängen sich Schweine, Hühner und Kühe in engen Ställen, liegen die Schreie der Ferkel beim Messerschnitt ihrer Kastration in der Luft, werden männliche Küken geschreddert. Hat Gott das so gemeint? Als er nach der Sintflut dem Menschen das Tiere-Essen frei gab, klang es eher wie eine Kapitulation. Eine Kapitulation aus Liebe. »Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf«, spricht Gott zu Noah. Aber er will nicht mehr gegen die Menschen kämpfen.

Sein Kompromissvorschlag scheint Gott selbst schwer zu fallen: »Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!« Denn Leben ist Gott heilig. Alles Leben. Danach schließt er einen Bund mit Noah, mit den Menschen und »mit allem lebendigen Getier«.

Menschen haben die Bibel aufgeschrieben. Menschen haben in ihr auch ihre eigenen Interessen hinterlassen, und sie sind die längste Zeit Fleischesser. Um so erstaunlicher, was die beiden Schöpfungserzählungen darüber erzählen, was Gott eigentlich will. Noch vor dem Menschen schuf er die Vögel und Fische, heißt es in der ersten Erzählung – und er segnete sie auch als erste (1. Mose 1,22). In der zweiten Schöpfungserzählung schuf Gott die Tiere, damit der Mensch nicht »allein sei« (1. Mose 2,18). Er sollte den Mitgeschöpfen Namen geben, er sollte über sie herrschen – ernähren aber sollte er sich nur von Pflanzen. Und in der Tat waren die frühesten Vorfahren der Menschen wirklich Vegetarier.

Dass die Menschen sich am Ende von den anderen Tieren entfernten, erzählt die Bibel mit einem Wort: dem Sündenfall. Denn sie aßen, obwohl es ihnen Gott verboten hatte, vom »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«. Sie haben nun einen freien Willen, können reflektieren, abwägen, sich entscheiden.

Auch die Tür, bewusst Böses zu tun, war damit geöffnet. Sie trennt die Menschen von Gott. Und von den anderen Tieren. Gott vertrieb die Menschen, die die Schuld auf die Schlange schieben wollten, aus dem Paradies. Die Tiere nicht.

Biologisch lässt sich diese Trennung auch beschreiben. Viele Wissenschaftler erklären die Absonderung der Menschen mit ihrem Umstieg auf Fleisch: Es ließ ihre Gehirne anwachsen – und die Jagd lehrte sie die Grundlagen von Kooperation, Arbeitsteilung und Fortschrittsglauben. Erst am Ende der Tage, heißt es in der Bibel, wird diese Kluft zwischen Gott und den Menschen, zwischen Tieren und Menschen überwunden sein. Wenn der Messias kommt »werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen«, schreibt der Prophet Jesaja, »ein kleiner Junge wird Kälber und junge Löwen und Kühe miteinander treiben. Und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder« (Jesaja 11,6). Selbst fleischfressende Tiere werden in Gottes Reich zu Vegetariern.

Ja, Jesus ließ die Netze auswerfen und hat Fische gebraten, so schreibt es zumindest der Evangelist Johannes. Vielleicht hat er sie auch gegessen, doch das bleibt offen. Er war auch ganz Mensch. Und er spürte sicher auch das, was Paulus so beschrieb: »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt« (Römer 8,22). Tiere inbegriffen. Jesu Antwort auf das Leiden, wie er sie etwa in der Geschichte vom barmherzigen Samariter gab, ist ganz kurz. Sie lautet: Mitgefühl. Und dann handeln.

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16 Lesermeinungen zu Doch das Fleisch ist schwach
Beobachter schreibt:
26. September 2018, 23:37

Hier betreibt aber Jemand eine sehr gewagte Theologievermischung mit "Wissenschaft"!
Wo finden sich in Gottes Wort zum Beispiel "Vorfahren" der Menschen und wo ist davon die Rede, daß der Mensch ein Tier ist, das sich von den anderen entfernt?

Johannes schreibt:
27. September 2018, 22:58

Hat Gottes Wort eigentlich ein Ende oder spricht er auch heute mit uns?

Beobachter schreibt:
28. September 2018, 13:21

War die Frage jetzt ehrlich und an mich gerichtet? Und was war eigentlich damit gemeint?

Johannes schreibt:
28. September 2018, 22:20

Ja, Herr Beobachter, weil Sie im Wort Gottes Dinge suchen, die bei den letzten Tagen der Niederschrift der Bibel noch nicht bekannt waren. Und da kann man Wissenschaft mit Theologie gar nicht vermischen, es sei denn, dass über Auslegungen der Heiligen Schrift Gottes Wort auch noch an uns ergeht. Und dann lohnt es sich, darüber zu diskutieren, ob Dinge der Wissenschaft noch Gottes gutem Willen für die Menschen und die Erde entsprechen. Konnte ich mich verständlich machen?
Johannes Lehnert

Beobachter schreibt:
30. September 2018, 11:26

Ach Herr Johannes, jetzt machen Sie genau diese Vermischung von Gottes Wort, seinem heiligen Willen für uns und die Erde und "Wissenschaft"! Das ist ja Ihr gutes Recht, hat aber mit meinem und dem vileer anderer treuen Christen Verständnis von SEINEM HEILIGEN WORT nicht viel zu tun! SEIN WORT gilt, auch nach "Niederschrift" für alle Zeit, so wie es uns anvertraut und überliefert ist! Da kann auch keine "Wissenschaft" etwas dran ändern, "auslegen" oder hinneinlesen (was nicht drin steht!)!

Gert Flessing schreibt:
28. September 2018, 14:26

Es ist, für mich, keine Frage, das Gott auch heute mit uns spricht. Die viel wichtigere Frage ist, so denke ich, ob wir ihn heute noch hören.
Das aber ist oft zu bezweifeln.
In meinem Leben habe ich die Erfahrung machen dürfen, das er, sehr direkt, reden kann. Meist war das Ergebnis Arbeit. aber auch Trost und Hilfe.
Ebenso habe ich die Erfahrung gemacht, das er schweigen kann.
Manchmal gerade dann, wenn man sich ein Wort, eine Klärung, gewünscht hätte.
Aber ich denke, er hat uns mit Vernunft und mit Liebesfähigkeit gesegnet und möchte, das wir das auch benutzen.
Das gilt für den Umgang miteinander ebenso, wie für den Umgang mit den anderen Lebewesen.
Gert Flessing

Gert Flessing schreibt:
27. September 2018, 22:04

Lieber Herr Roth,
mit Bedauern habe ich gelesen, dass Sie nun Ihre Tätigkeit beim Sonntag, an den Nagel hängen.
Gern habe ich Ihre Artikel gelesen. Gern habe ich auch, geistig, ein wenig die Klinge mit Ihnen gekreuzt.
Ach, ich denke schon, das Jesus die Fische gegessen hat. Wurde ihm nicht vorgeworfen, er wäre "ein Fresser und Weinsäufer"? Er war jemand, der, ganz Mensch, den Genüssen des Lebens, nicht abgeneigt war. Warum sollte er auch? Es sind die guten Gaben des Vaters.
Sicher, Gott hat irgendwann die Erkenntnis gewinnen müssen, das "das Sinnen und Trachten des Menschen böse ist, von Jugend an." Aber das sollte uns nicht erschrecken. Hier wird davon geschrieben, das Gott lernfähig ist und eben nicht "der unbewegte Beweger".
Wir sind gewiss Teil der Schöpfung. Wir sind auch Tier. Zählen zu den Säugetieren. Aber wir sind eben auch "Allesfresser". Der Verzicht auf Fleisch kann zu schweren Mangelerscheinungen führen, wenn keine Nahrungsergänzungsmittel benutzt werden.
Ich teile diese Hysterie um "Vedgi" eh nicht. Ich halte das, wie alles, was sich so sehr extrem gebärdet für eine Modererscheinung und, in gewisser Weise, für Unfug.
Natürlich sehe ich, wie viel Tierleid es gibt. Auch ich wünschte, dass Schweine ihren freien Auslauf hätten, wie ich es selbst noch auf dem Betrieb meines Vaters erlebt habe.
Ich weiß aber auch um den Druck, dem die Bauern ausgesetzt sind.
Es ist eine verzwickte Situation.
Was mich manchmal stört, ist, das Tiere zu sehr vermenschlicht werden. Welchen Sinn hat das? Oder hängt es mit der allgemeinen Verweichlichung der Generation zusammen, die heute so lebt?
Ich bin in den Fünfzigern und Sechzigern mit Tieren groß geworden. Wir hatten Kaninchen, Enten, Hühner. Das waren Nutztiere, die der Ernährung dienten und damals notwendig waren. Ich habe gelernt, für diese Tiere zu sorgen, sie zu füttern, die Ställe sauber zu machen und schließlich auch, sie zu schlachten. Es war der Kreislauf des Lebens, wie er eben auf dem Lande gelebt wurde.
Wenn Erntedank war, wurde die Kirche geschmückt. Da waren dann auch Würste oder Gläser mit eingeweckter Wurst am Altar. Wir waren dankbar, das uns auch das wieder zugewachsen war und sich die Mühe, die man verwendet hat, gelohnt hat. Auch eine fette Ente ar ein Stück des guten Segens, den Gott gibt.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
28. September 2018, 13:28

Lieber Gert, ich sehe das geauso und habe es auch so erlebt und gelernt!
Siehst Du als Theologe, sieht Gottes Wort, das wirklich so, daß wir tierische Vorfahren hatten oder das wir sogar Tiere sind?
Auf jeden Fall würde ich es mir verbeten, daß mein Ur......großvater ein Affe war oder daß ich ein Tier sei!
Gruß vom Menschen Joachim!

Johannes schreibt:
28. September 2018, 22:28

Es geht hier nicht um Ihre Familiengeschichte!!! - Es geht darum, ob Gottes Wort, wie es heute zu den Menschen spricht, die Vorstellung verbietet, dass der Mensch sich aus dem Tierreich entwickelt habe. Dass dies meint, der Mensch sei einfach ein weiterentwickelter Affe, ist eine böse Unterstellung der Evolutionsgegner. - Und es muss doch gesagt werden dürfen, dass der Mensch - biologisch gesehen - ein weiterentwickeltes Tier ist. - Was Sie vom Tier (oder gar vom Affen) unterscheidet, sollten Sie wohl am besten wissen, oder?
Johannes Lehnert

Beobachter schreibt:
30. September 2018, 11:41

Nochmal Herr Johannes, Gottes Wort ist so, wie es uns aufgeschreiben und überliefert ist für alle Zeit gültig! Deshalb "spricht" es auch zu uns so wie zu allen Zeiten genauso wei bei seiner "Niederschrift"!
Daß der Mensch sich aus dem Tierreich "entwickelt" hat ist deshalb eine unglaubliche Verächtlichmachung SEINES HEILIGEN SCHÖPFUNGSWILLEN!
Im Übrigen, was ist für einen Christen eigentlich lächerlicher und blasphemischer als die "Evolutionstheorie"? Ich denke, der größte "Evolutionsgegner" ist ER selbst!
Gut daß Sie nicht die die alleinige "Erziehungshohheit" über die kirchliche Jugend in Sachsen innehatten, sondern ER Ihnen kompetentere Leute mit kalrerem Bibelverständis und viel größerem Wirkungkreis an die Seite stellte!

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