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Gedenken und Umdenken

Pogromnacht: Der 80. Jahrestag der Novemberpogrome lässt die Kirche ihre Nähe zum Judentum betonen. Auf Judenmission soll verzichtet und gegen Ausgrenzungen aufgestanden werden.
Von Stefan Seidel
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Blind gegenüber den Juden: Mit einer symbolischen Augenbinde wurde zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor zwei Jahren diese Lutherfigur in Hannvoer versehen. © Julian Stratenschulte/dpa

Wenn sich am 9. November die nationalsozialistische Pogromnacht zum 80. Mal jährt, ist das für die sächsische Kirchenleitung Anlass für ein öffentliches Wort »zum gemeinsamen Weg von Juden und Christen«. Mit Blick auf den Gedenktag heißt es: »Wir beklagen, dass jüdisches Leben, wie es in Regionen unserer Landeskirche bestand, zerstört worden ist.« Es wird betont, dass christliches Zeugnis nicht die bleibende Erwählung Israels infrage stelle. »Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen deshalb dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.« Wo die bleibende Erwählung Israels infrage gestellt werde, entstünde die Gefahr, judenfeindlichem Denken Raum zu geben.

In der Kirche ist die Erkenntnis gereift, dass der verheerende Antijudaismus auch christliche Wurzeln hat. Eindrücklich hat diese Schuldgeschichte einmal der israelische Schriftsteller Amos Oz beschrieben: die Geschichte von Judas in den Evangelien sei »das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus«. Seither stünden Juden als Synonym für Judas: »Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger.«

Dass die Kirche der nationalsozialistischen Judenverfolgung weitgehend tatenlos zugesehen hat, ist zudem nach Meinung des Leipziger Theologen Timotheus Arndt auch eine Folge des Wirkens Martin Luthers, der antijüdische Vorlagen aus der Alten Kirche aufgenommen und verstärkt habe. Doch es sei zu einfach, das Versagen der deutschen Christen gegenüber dem jüdischen Volk allein auf Luther abzuwälzen, so Arndt. Es bedürfe einer umfassenderen kritischen Aufarbeitung der eigenen Tradition. »Nach der Schoa ist allmählich aufgedämmert, dass wir ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen entwickeln müssen, ein Verhältnis, das unseren Gemeinsamkeiten etwa am größten Teil unserer Bibel entspricht, ein Verhältnis, das zur Solidarität führt, wenn einzelne von uns oder Gruppen bedrängt werden«, betont Arndt. Die sächsische Kirchenleitung trägt diesem neuen Verhältnis zwischen Christen und Juden nun Rechnung, indem sie von der gemeinsamen Gotteskindschaft der Christen und Juden spricht und den Verzicht auf Judenmission fordert.

Für Arndt hat das Gedenken an den 9. November aber auch viel mit der Gegenwart zu tun. Denn Ausgrenzungen anderer sei wieder verstärkt zu beobachten. Daher lautet eine Folgerung aus der Geschichte für ihn: »Wir haben festzuhalten, dass Feindschaft weder gegen Menschen, weil ihre Religion jüdisch ist, noch weil sie sich zum jüdischen Volk zählen, noch weil sie Bürger des Staates Israel sind, gelten kann. Genauso wenig können wir eine Wendung gegen Menschen weil sie sonst einem Staat, einem Volk oder einer Religion angehören akzeptieren.« Eigentlich seien das Selbstverständlichkeiten, betont Arndt. »Aber heute werden ja wieder Selbstverständlichkeiten zu beliebigen Meinungen erklärt. Auch das erinnert an Verhältnisse, die vor 80 Jahren um sich griffen.«

Zahlreiche sächsische Christen laden rund um den 9. November ein zu Gedenkveranstaltungen. In Leipzig ruft ein breites Bündnis am 8. November, 18.30 Uhr auf zu einer Gedenkdemonstration ab dem Ariowitsch-Haus (Hinrichsenstraße 14). In Chemnitz laden das Evangelische Forum und die jüdische Gemeinde am 9. November, 18 Uhr ein zum Shabbatgottesdienst mit anschließender Begegnung in die Synagoge (Stollberger Straße 28; Anmeldung über das Evangelische Forum). Und in Dresden findet am 9. November, 14 Uhr in der Neuen Synagoge eine Gedenkveranstaltung mit Gespräch über das Thema »Ausgrenzung und gesellschaftlicher Zusammenhalt« statt sowie am 11. November, 11 Uhr eine Gedenk-Fahrradtour auf den Spuren jüdischen Lebens ab der Kreuzkirche.

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35 Lesermeinungen zu Gedenken und Umdenken
Marcel Schneider schreibt:
30. Oktober 2018, 19:29

Vor einer Woche traf ich auf einem Spielplatz in Dresden eine Familie. Sie sprachen Neuhebräisch und wechselten manchmal ins Jiddische.
Ich war unsicher, ob ich ein Gespräch beginnen sollte und vor allem, wie. Ich komme aus dem Land der Täter, mein Volk hat 6 Millionen Juden ermordet und den 2. Weltkrieg angezettelt, mit über 50 Millionen Toten. Scham begleitet mich deshalb.
Ich fragte vorsichtig, in welcher Sprache sie sich unterhalten. Sie antworten, auf Hebräisch.
Ich antwortete mit einem Text aus dem Hebräischen Alten Testament, den ich aus dem Kopf zitierte. Sie waren gerührt, und ich nicht minder.
Ich finde, es ist ein Wunder der Geschichte, dass 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges Juden in Deutschland Urlaub machen wollen. Nach allem, was wir Deutsche den Juden an Gräuel angetan haben. Welch ein Wunder der Versöhnung. Es ist ein Zeichen des Vertrauens, dass Juden wieder hierher kommen. Es ist aber beschämend, dass es wieder Übergriffe auf jüdische Personen und Einrichtungen gibt.
Egal ob Juden oder Muslime ausgegrenzt werden-die Christen müssen sich dagegen zu Wort melden.

Beobachter schreibt:
01. November 2018, 8:34

Ja, Christen müssen sich dagegen zu Wort melden, daß es, meist durch "Neubürger" (Moslems), wieder Übergriffe auf jüdische Personen und Einrichtungen gibt. Da geben ich Ihnen vollkommen recht!

Marcel Schneider schreibt:
01. November 2018, 10:11

Da liegen Sie leider falsch: das Bundeskriminalamt meldet, dass 94 % der Übergriffe auf jüdische Personen und Einrichtungen auf das Konto von Rechtsextremisten gehen.

Beobachter schreibt:
01. November 2018, 13:19

Das ist wohl eher Wunschdenken, paßt in Ihre Idelogie, geht aber an der Realität vollkommen vorbei!

Johannes schreibt:
01. November 2018, 22:51

Was ist denn das wieder für ein "Bonbon" unseres Meisterunterstellers: Da wird eine Aussage des Bundeskriminalamtes umgemünzt als Wunschdenken, das "an der Realität vollkommen vorbei" geht?
Da wird einfach die Wahrheit auf den Kopf gestellt, damit sie zur "Wahrheit" des Rheinländers wird! Und das von einem, der andere immer der Unchristlichkeit zeiht! Geht's noch?
J.L.

Beobachter schreibt:
06. November 2018, 18:47

Antisemitische Gewalt geht meist von Muslimen aus:
https://www.idea.de/menschenrechte/detail/ezw-antisemitische-gewalt-geht...

Johannes schreibt:
01. November 2018, 23:10
L. Schuster schreibt:
01. November 2018, 14:06

Vielleich interessiert es. In Frankreich ziehen vielen Juden weg und zwar nicht wegen den Rechten sondern wegen den muslimischen Asylanten. Judenhass hat heute vor allen ein islamistisches Gesicht, so die Pariser Medien.

Aus unsere EKD sollte aufpassen das der Gedenktag 9. November nicht zur politischen Plattform verkommt. Für die, die genau solche muslimischen Judenhasser verharmlosen und links Israel- Judenfeindliche, die meist übersehen werden. Die diese Plattform nutzen möchten, einzig um zum Beispiel die Hälfte der Sachsen hier sehr effektvoll in die rechte Ecke zu stellen.
Auch wenn es uns Sachsen kaum interessier in welcher angeblichen Ecken sie uns stellen, wenn aber hierzu dieser Gedenktag benutz wird, dass geht nun überhaupt nicht.

Marcel Schneider schreibt:
01. November 2018, 20:13

Jeder Übergriff auf Juden ist schlimm-egal ob politisch oder religiös motiviert, egal ob von Judenhassern wie in der Synagoge in den USA oder von muslimischen Flüchtlingen oder von Neonazis.
Nein, jeder Übergriff auf jeden Mensch ist schlimm, weil jeder Mensch das Recht hat, unversehrt zu leben, in Würde und Respekt.
Was aber für mich nicht geht, ist die Fokussierung auf Muslime als einzige Täter.
Wenn ich den Dresdner Polizeibericht lese, dann stehen da Meldungen wie "Ägyptisches Paar in Straßenbahn beleidigt", "Muslimischer Junge bespuckt", "Iranische Studentin am Schillerplatz beleidigt". Es vergeht kaum eine Woche ohne eine solche Meldung.
Im ersten Halbjahr 2018 gab es nach Angaben des Innenministeriums insgesamt 627 Angriffe auf Flüchtlinge und 77 Attacken auf ihre Unterkünfte. Mit 688 war die Mehrzahl aller Taten rechtsextrem motiviert. Es wurden 120 Menschen verletzt.
Nun könnte man daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass ganz Sachsen ein rechtsextremistisches, braunes Nest ist. Und dagegen würden sich viele Sachsen wehren, weil sie sagen: die Mehrheit der Sachsen ist nicht so. Und sie hätten Recht.
Und genauso ist das bei den Flüchtlingen: das Bundeskriminalamt stellt in seinem Lagebericht vom 04. April fest: "Die Mehrheit der Zuwanderer trat nicht im Zusammenhang mit einer Straftat in Erscheinung". Es wird also den Flüchtlingen nicht gerecht, sie unter Generalverdacht welcher Straftat auch immer zu stellen. So wie sich die Sachsen nicht als Feindbild oder Sündenböcke eignen, so auch die Flüchtlinge oder die Muslime nicht. Wer etwas anderes behauptet, hat aus meiner Sicht nichts bei einer Kirchenzeitung und deren Forum verloren.

kein Christ mehr schreibt:
05. November 2018, 16:53

Aber sich selbst stellen Sie unter Generalverdacht, da Sie aus dem Land der Täter kommen (vermutlich jedoch zu jung, um Täter gewesen zu sein), s. Ihr 1. Beitrag? Womit ich keineswegs (!!!) einen verantwortlichen Umgang mit der Geschichte unseres Landes geringschätzen will, den halte ich auch für immens wichtig. Ich sehe unsere Kirche in der Pflicht und Verantwortung, eben denjenigen Muslimen, die zum Generalverdacht beitragen (indem sie bspw. das Existenzrecht Israels bezweifeln), kein Podium zu bieten mit ihrer Einladungspraxis. Ich habs aber anders erlebt.

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