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Wie stirbt man gut?

Sterben: Zum guten Sterben und Trauern gibt es immer mehr Ratgeber. Doch wird damit wirklich ein »gutes Sterben« befördert? Nein. Denn nur wer die eigenen Grenzen akzeptiert, stirbt gut. Und wer dem Tod nicht das letzte Wort überlässt.
Von Ulrich H. J. Körtner
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© Choat/Fotolia

Die Zeiten, in denen man von der Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft sprach, scheinen vorbei. Es ist nicht zuletzt der internationalen Hospizbewegung zu verdanken, dass Sterben, Tod und Trauer heute wieder als Teil des Lebens begriffen werden. Der Buchmarkt floriert, und das Thema ist in den Medien derart präsent, dass die Soziologen Armin Nassehi und Irmgard Saake schon von einer »Geschwätzigkeit des Todes« sprechen.

Die öffentliche Debatte zum Sterben in Würde oder einem selbstbestimmten Sterben sollte sich nicht auf Probleme des Strafrechts und der Versorgungsstrukturen im Bereich von Medizin und Pflege verengen, sondern das Thema einer zeitgemäßen Kultur des Sterbens umfassender in den Blick nehmen. Eine Kernfrage lautet dabei, was Menschen eigentlich unter einem guten Sterben verstehen. Die eigenen Vorstellungen und Idealbilder speisen sich nicht nur aus allgemeinen Prinzipien wie Selbstbestimmung und Menschenwürde, sondern auch aus persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen, zum Beispiel an das Sterben der Eltern oder einer guten Freundin. Sie hängen auch von der konkreten Lebenssituation oder der Sicht der Betroffenen ab.

Vergangene Epochen verstanden das gute Sterben als eine Kunst. Die ars moriendi galt es im Leben zu erlernen. Herrschten jedoch in der Vergangenheit eher kollektive Vorstellungen vom guten Sterben vor, deren Normen sich der Einzelne zu unterwerfen hatte, steht heute das Individuum im Vordergrund, das seinen Tod als höchst persönliche Angelegenheit versteht. Das Leben wird zum Gesamtkunstwerk und das Sterben darin zum letzten Projekt.

Auch die Professionalisierung der Hospizarbeit gibt dem alten Begriff der Kunst des Sterbens eine neue Bedeutung: Wie das Leben sollen auch das Sterben und die Trauer »gelingen«. Damit sich auch hier der Erfolg einstellt, werden das Sterben und die Trauer in Phasen unterteilt, die man erfolgreich absolvieren kann. Wer das geschafft hat, der kann am Ende »loslassen«, wie man gern sagt.

Die Zwiespältigkeit dieser Entwicklung besteht darin, dass nun auch noch das Sterben unter den Imperativ der Authentizität gerät (den Anspruch auf persönliche Stimmigkeit, Anm. d. Red.) und zu einer Leistung wird, die der Einzelne zu erbringen hat: selbstbestimmt und doch einer neuen gesellschaftlichen Norm unterworfen. Das individuelle Verhalten orientiert sich verbreitet an der wirkmächtigen Leitvorstellung vom »diskreten, aber würdigen Ende eines befriedigten Lebens« (Philipp Ariès).

Eine christliche Einstellung zum Tod leistet nach meiner Überzeugung einen Beitrag zur Ideologiekritik. Die Vollendung des gelingenden Lebens mag zwar die unser Handeln motivierende Hoffnung sein, doch gehören zum Leben wie zum Sterben Erfahrungen des Misslingens, des Unvollendeten und von »Bruchbiographien« (Gunda Schneider-Flume). Ein gutes Sterben ist in meinen Augen ein solches, das der Erfahrung von Passivität, der Erfahrung auch des Fragmenthaften, also nicht nur dem Gelingen, sondern auch dem Scheitern Raum gibt.

Aus christlicher Sicht bin ich davon überzeugt, dass das Bemühen, den Tod mit dem Glück zu versöhnen, zum Scheitern verurteilt ist. Zum guten Sterben gehört für mich die Bereitschaft, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren, ihm zugleich aber die Reverenz zu verweigern. Das christliche Symbol solcher Widerständigkeit, die auf eine höhere und von uns selbst nicht zu leistende Vollendung hofft, heißt Auferstehung.

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