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Brauchen wir noch Heilige?

Heilig: Nikolaus ist einer der letzten Heiligen, dessen Gedenktag überall begangen wird. Martin Luther hat aber die Heiligen vom Himmel auf die Erde geholt – weil der Mensch das Heil allein in der Gnade Gottes suchen soll.
Von Peter Zimmerling
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© Fotos: twixx, LeslieAnn/Fotolia; Montage: so

Es gibt deshalb nicht mehr Chri­sten erster – eben die Heiligen – und solche zweiter Klasse. Nicht mehr die vollendeten, sondern die lebenden Heiligen stehen für Luther im Zielpunkt des Interesses.

An die Stelle der Heiligenverehrung ist im Protestantismus die Nächstenliebe getreten – mit einschneidenden Folgen für Glauben und Leben. Denn das Heiligsein jedes Christen muss sich im Alltag bewähren. Evangelischsein heißt: Den Glauben ins Leben ziehen. Diese Aufgabe kann fortan auch nicht länger an eine religiöse Elite wie eben die Heiligen delegiert werden. Dabei war sich Luther bewusst, dass jeder Heilige trotzdem bis an sein Lebensende versagt und an seinem Nächsten schuldig wird. Drastisch schrieb er im Kleinen Katechismus, dass der alte Adam täglich durch Reue und Umkehr ersäuft werden muss – denn das Biest kann schwimmen. Diese Einsicht in das menschliche Herz wäre zum Verzweifeln, wenn der Reformator nicht gleichzeitig erkannt hätte, dass Gott bereit ist, dem Menschen immer wieder zu vergeben und ihm einen Neuanfang zu schenken. Christen sind also nicht besser als andere Menschen – aber sie sind besser dran, weil sie im Antlitz Jesu Christi die Liebe Gottes erblickt haben.

Mit zunehmender ­Säkularisierung ist das Angebot des Evangeliums, dass Gott bereit ist, Menschen Schuld und Versagen zu vergeben, entweder für unzeitgemäß erklärt worden oder schlicht mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nach Überzeugung des Philosophen Odo Marquard (1928–2015) hat das den neuzeitlichen Menschen – und das gilt meiner Beobachtung nach längst für Nichtchristen und Christen gleichermaßen – in eine prekäre Lage gebracht: Er muss mit seiner Schuld und Schuldverflochtenheit selber fertig werden und findet sich als Konsequenz in einer »Übertribunalisierung« seiner Lebenswirklichkeit vor. Weil er die Entlastung durch die göttliche Vergebung nicht mehr kennt, ist er selbstverantwortlich für alles, was im persönlichen und gesellschaftlichen Leben misslingt.

In der Konsequenz kommt es zu einer Tyrannei des gelingenden Lebens mit einer häufig zu beobachtenden Überanstrengung des Einzelnen, geprägt von Leistungszwang von außen und dem Drang zur Selbstoptimierung von innen. Unsere Gesellschaft produziert das Gefühl, nie am Ende sein zu dürfen.

Angesichts dieser Situation lohnt es sich, den christlichen Glauben neu ins Spiel zu bringen. Er hat das Potenzial, Menschen zur Selbstvergewisserung durch Selbstbegrenzung und Selbstverendlichung zu verhelfen: »Du darfst am Ende sein! Du musst dir deine Lebensberechtigung nicht selbst verdienen. Gott sieht dich in Jesus Christus ohne Vorleistungen gnädig an.« Dass mir meine Lebensberechtigung von außen, als Geschenk, zugesprochen wird, ist nicht Ausdruck einer entmündigenden, kleinmachenden Erfahrung, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Ich muss nicht mehr sein als ein vor Gott und Menschen heilsam begrenzter Mensch. In einem Brief hielt Martin Luther fest: »Wir sollen Mensch und nicht Gott sein. Das ist die Summa.«

Genau an dieser Stelle könnte die Wiedergewinnung einer evangelischen Heiligenverehrung hilfreich sein. Die lutherische Reformation hat diese ja nicht an sich abgelehnt. Sie wollte sie nur nach reformatorischen Grundsätzen umgestalten. Nach Artikel 21 des Bekenntnisses von Augsburg ist der Christ ein besonders zu ehrender Heiliger, wenn dessen Vorbild hilft, das eigene Vertrauen auf die Rechtfertigung allein aus Gnaden zu stärken und zur Nachfolge Jesu Christi im Beruf entsprechend der eigenen Begabung zu ermuntern.

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