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Streitfall Israel

Umstritten: Ein israelkritischer Aufsatz des Theologen Ulrich Duchrow sorgt für eine heftige Debatte in der evangelischen Kirche. Wie weit darf Kritik am Staat Israel gehen und wo fängt Antisemitismus an?
Von Martin Vorländer
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© Foto: David/Fotolia

Israel sei »ein klarer Fall von Apartheidsystem«, schlimmer als früher Südafrika, schreibt Ulrich Duchrow in einem Beitrag zu dem Buch »Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel«. Mit seinen Thesen will der emeritierte evangelische Theologieprofessor aus Heidelberg »die unkritische Haltung gegenüber dem Staat Israel« aufbrechen. Daraufhin wurde ihm Antisemitismus vorgeworfen.

Duchrow ist bekannt als scharfer theologischer Kritiker von Kapitalismus, Globalisierung und Imperialismus. In den 1980er Jahren war er in der Boykottbewegung gegen das Apartheidregime in Südafrika engagiert. »Südafrika war ausbeuterisch und unterdrückerisch«, schreibt Duchrow. »Das reicht nicht für die Beschreibung Israels. Dessen Intention ist es, die Menschen minderen Rechts komplett loszuwerden und die Übrigbleibenden zu ghettoisieren«. Duchrow beruft sich auf israelische Autoren, vor allem auf den Ökonom Shir Hever. »Israel«, so Duchrow, »ist eine Speerspitze der gegenwärtigen Phase des globalen imperialistischen Systems« – und »ein Extrembeispiel der westlichen kolonialistischen, kapitalistischen, imperialen, wissenschaftlich-technischen, gewalttätigen Eroberungskultur der letzten 500 Jahre«. Der Autor sagt allerdings nichts über die aggressive Rolle der palästinensischen Organisation Hamas. Kein Wort zu den Terroranschlägen, die Palä­stinenser gegen Israelis verüben. Kein Satz dazu, wie arabische Nachbarländer Israel von Anfang an bedrohen.

Lange nahm niemand an diesem Aufsatz und seinen Aussagen öffentlich Anstoß. Doch den Sozialwissenschaftler Hermann Lührs ließen diese Sätze in Duchrows Artikel nicht los. Für ihn sind sie Antisemitismus und der auch noch theologisch begründet, was er in einem Aufsatz in der »Zeitschrift für Evangelische Ethik« analysierte. Lührs unterscheidet Kritik an der Politik des Staates Israel von Antisemitismus. Kritik sei sachbezogen. Antisemitismus dagegen arbeite mit pauschaler Negativbewertung. Antisemitismus liege vor, wenn Israel »als schlecht, böse und verkommen angesehen, seine Existenz entsprechend als Provokation und Ärgernis oder als Bedrohung empfunden« werde.

Besonders problematisiert Lührs die Empfehlung Duchrows, Kirche und Diakonie mögen die Bewegung »Boycott, Divestment, Sanctions« (BDS) von palästinensischen Nichtregierungsorganisationen zu unterstützen. BDS ruft dazu auf, keine Waren aus Israel zu kaufen. Lührs führt gegen BDS eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung aus dem Jahr 2015 ins Feld. Diese kommt zu dem Ergebnis: »Die zunächst pazifi­stisch wirkende Rhetorik der BDS-Bewegung kaschiert ihre wahre Motivation: Die Isolation Israels mit dem Ziel der Beendigung seiner Existenz.«

Duchrow wehrt sich gegen den Vorwurf, er spreche Israel das Existenzrecht ab. »Das ist eine Unterstellung, sogar eine Verleumdung«, sagt er im Interview. Seine Aussagen würden aus dem Zusammenhang gerissen. Sein Ausgangspunkt sei stets, dass er den Staat Israel anerkenne. Er thematisiere die »extreme Macht-Asymmetrie zwischen Israelis und Palästinensern«. Er wolle »die vollkommen einseitige, unkritische Haltung gegenüber dem Staat Israel und seiner Politik aufbrechen«. Duchrow sagt: »Nur gemeinsam haben Israelis und Palästinenser eine Zukunft.« Vorbedingung sei Gerechtigkeit. Er hofft, dass der Inhalt seines Artikels nun »offen diskutiert wird«.

Die EKD hat sich »ausdrücklich« von Duchrows Beitrag distanziert. Martin Stöhr, ein bekannter Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs, ist Duchrow in einem ersten Leserbrief zunächst beigesprungen. »Weder delegitimiert er (Duchrow) Israel noch hat er den ›Wunsch, Israel auszulöschen‹.« In einem zweiten Leserbrief geht Stöhr auf Abstand: Duchrow wende den »an Israel angelegten Maßstab« nicht ähnlich kritisch auf »andere Imperien und Mächte« an.

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