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In Gottes Arme fallen lassen

Johannistag: Mitten im Leben wird des Sterbens gedacht – und der Frage: Was zählt im Leben? Quantität oder Qualität? Unser Autor plädiert für ersteres – für Glaube, Liebe und Humor.
Von Nikolaus Huhn
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© Foto: lassedesignen/Fotolia

Sieht man die Katholiken am Tag nach der Karnevalssaison mit einem grauen staubigen Fleck auf der Stirn, ist das kein Anzeichen für die ungeschickte Handhabung eines Schminkkästchens. Nein, ihnen wird am Aschermittwoch ein Aschenkreuz auf die Stirn gestrichen, mit dem Hinweis: »Bedenke, Mensch, dass du von Staub bist und zu Staub wieder zurückkehrst«.

Moment mal, wir haben Johannistag. Die Natur brüllt geradezu vor Leben und Kraft. Könnten wir dieses unerfreuliche Thema nicht in der »Sterbesaison« Ende November abhandeln? Nicht ganz. Johanni ist neben Weihnachten der zweite Scheiteltag des Kirchenjahres. Beide Feiertage haben sich unsere frommen Vorfahren ohne zu fragen von ihren heidnischen Vorfahren ausgeliehen und christlich übermalt. Wenn wir uns also an Weihnachten an der Vorstellung erbauen, dass mit der Geburt dieses Kindes und der Wintersonnenwende jetzt alles wieder heller wird, dann kommen wir um das Zugeständnis nicht herum, dass ab Johanni das Licht wieder abnimmt.

Ab dem 24. Juni geht es, bei Johannes zumindest, um das eigene Abtreten, um das Kleinerwerden, darum, Christus den Platz zu räumen, ihm Raum zu geben, das eigene Ende in den Blick zu nehmen.

Es ist aber auch ein merkwürdiger Vorgang: Erst sind wir lange, lange nicht da, dann sind wir ein paar Jährchen oder Jahrzehnte da und dann sind wir wieder lange, lange weg. Vor diesem Phänomen kann man lange brütend staunen. Ich glaube, dass angesichts dieser ziemlich langen Zeit vor uns und nach uns, die Dauer unseres kurzen Gastspiels auf der Erde etwas überbewertet wird. Hinter dem Wunsch, möglichst alt zu werden, kann bei aller Lebensfreude auch ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber der Ewigkeit lauern. Auch unter uns Frommen. Auch wir wissen nicht, was uns nach dem Tod erwartet. Wir glauben.

Das sagt sich so leicht dahin, wenn man noch lebt und bei Kräften ist. Noch leichter sagt es sich, wenn man – wie der Autor und manch anderer – schon mal einen Fuß in die kühle Grube gehalten hat und jetzt eine Nachspielzeit genießt, die auch hätte ausfallen können, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hätte.

»Euer Leben währet siebzig Jahre und wenn’s hoch kommt so sind’s achtzig Jahre«, hören wir aus der vorchristlichen Echokammer. Stirnrunzelnd steht der moderne Beobachter vor der Frage: »Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?« Und er sagt sich: die Medizin kann doch, wo ist das Problem?

Im glücklichen Fall kann es einen guten Zeitpunkt für das Sterben geben. Der gute Zeitpunkt scheint mir zu sein, wenn man bereit ist zu gehen – und das kann durchaus vor dem medizinisch erreichbaren Maximalalter sein. Vielleicht ist gutes Sterben eine Kunst, vielleicht ein Geschenk. Oder aber eine Mischung aus beidem.

Ziel unseres Lebens scheint mir nicht ein möglichst hohes Alter zu sein, sondern ob wir im Tanz des Lebens versucht und geübt haben, mit unserem Leben auf Gottes Sehnsucht nach uns zu antworten. Das Reifen der Seele in der Schule der Liebe.

Sie wissen, ein gewisser Joseph von Arimathäa hat Jesus sein Grab zur Verfügung gestellt. Als er zuhause seiner Frau davon erzählt, staucht sie ihn erstmal nach allen Regeln der Kunst zusammen. »Ja bist Du wahnsinnig …, weißt Du, was uns dieses Grab gekostet hat …, und jetzt so einem dahergelaufenen Wanderprediger ... und und und.« Als sie nach einer halben Stunde schnappatmend pausiert, kommt Joseph zu Wort: »Aber Elisabeth, beruhige dich. Ist doch nur über’s Wochenende …« Selig sind wir, wenn wir uns – im Sterben oder Leben – mit dieser kindlichen Leichtigkeit in Gottes Arme fallen lassen können.

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