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Zeit für Schulderklärung

Homosexualität: Anlässlich des geplanten Verbots sogenannter »Umwandlungstherapien«, die Homo- in Heterosexualität verwandeln wollen, wird die kirchliche Debatte über die gleichgeschlechtliche Liebe weitergeführt. Der Leipziger Theologe Klaus Fitschen über den Stand der Forschung, kirchliche Schuld und den schwierigen Lernprozess in der sächsischen Landeskirche.
Das Gespräch führte Stefan Seidel
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Neue Nähe: Ein schwul-lesbischer Gottesdienst beim letzten Kirchentag in Berlin. Obwohl sich die gleichgeschlechtliche Liebe vom Straftatbestand zu einer weitgehend akzeptierten Lebensform gewandelt hat, bleibt sie in Teilen der Kirche umstritten. © Foto: epd-bild/Stefan Ahrend

Herr Professor Fitschen, wie könnte ein angemessener Umgang der Kirche mit Homosexualität aussehen?
Klaus Fitschen: Der kirchliche Lernprozess müsste mit der nüchternen Erkenntnis beginnen, dass fünf bis zehn Prozent – genau weiß das niemand – der Menschen schwul beziehungsweise lesbisch sind und immer schon waren. Wieviele Jüngerinnen und Jünger, Mönche, Nonnen, Oberlandeskirchenräte und evangelische Landesbischöfe das in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten waren, kann man nicht sagen, weil das bis vor 40 Jahren niemand zugegeben hat und auch nicht zugeben konnte. Das Ziel eines kirchlichen Lernprozesses wäre die Erkenntnis, dass Sexualität keine fremde Besatzungsmacht ist, sondern Teil der menschlichen Persönlichkeit.

Wie steht es denn um diesen Lernprozess in der sächsischen Landeskirche?
Die sächsische Landeskirche hat in den 1980er Jahren, als das Thema in den Landeskirchen der DDR erstmals offen diskutiert wurde, sehr schnell gemerkt, dass das ein ausgesprochen konfliktbeladenes Feld ist, auf dem offenbar jedes Argument – von der Bibel über den Verfall des Pfarr­hauses bis zum Untergang des Abendlandes – erlaubt ist. Die Kirchenleitungen und Landesbischöfe in Sachsen haben versucht, klug zu agieren und auszugleichen, sind dabei aber weit hinter andere Landeskirchen zurückgefallen und müssen sich jetzt immer noch mit den Mentalitäten und Argumentationsketten befassen, die es schon seit 40 Jahren gibt.

Erst vor vier Jahren ist der landeskirchliche Gesprächsprozess über die Beurteilung der Homosexualität in Sachsen ergebnislos zu Ende gegangen. Homosexuelle Verkündigungsmitarbeiter bleiben ein umstrittenes Thema.
Natürlich gibt es solchen Dissens auch in anderen Landeskirchen, aber dort haben Synoden und kirchenleitende Personen einfach stärker auf eine Änderung bisheriger Praxis gedrungen, und »Betroffene« unter den Pfarrerinnen und Pfarrern und in den Gemeinden haben deutlicher Position bezogen. Das scheint mir in Sachsen gar nicht der Fall zu sein, vielmehr beobachtet man hier eine geradezu schüchterne Defensive von Seiten derer, die sich für eine Öffnung einsetzen. Lesbische Pfarrerinnen und schwule Pfarrer verlassen einfach die Landeskirche.

Wie könnte dieser Dissens überwunden werden?
Nachdem der Dialog in Sachsen so missraten ist und die Gegner jeder Veränderung sich einerseits als Verfolgte, andererseits als alleinige Besitzer der Wahrheit sehen dürfen, wird man so schnell da nicht herauskommen, wenn überhaupt. Andauern wird dieser Streit vermutlich noch, wenn die letzten Schwulen und Lesben entnervt der Kirche den Rücken gekehrt haben.

Allerdings haben die Gegner der Homosexualität auch einige Bibelstellen zur Hand ...
Evangelische Christinnen und Christen sollten doch wissen, dass die Bibel kein Buch ist, das Gott uns um die Ohren hauen will, sondern dass da drin steht, wie man selig wird allein durch den Glauben an Jesus Christus. Und es steht noch eine Menge mehr darin, bei dem man auf den ersten Blick sieht, dass man es so heute lieber nicht mehr machen sollte. Das betrifft bei weitem nicht nur die Homosexualität. Wenn uns aber Gott die Bibel schon nicht um die Ohren hauen will, können wir uns natürlich einen Spaß daraus machen, uns Bibelstellen zum Thema Homosexualität um die Ohren zu hauen. Lange hat man diese Methode ja auch anzuwenden versucht, um Frauen klein zu halten und die Frauenordination abzuwehren. Im Übrigen wird man fragen dürfen, was man denn nun mit den Bibelstellen will, außer die eigene Anhängerschaft zu stabilisieren und andere zu diskriminieren.

Sie vertrauen also nicht auf neue Erkenntnisse der Bibelforschung?
Grundsätzlich kommen Veränderungen im Blick auf das Thema Homosexualität nicht aus der Entwicklung der Bibelauslegung, sondern aus dem Mut von Menschen, zu sich selbst zu stehen.

Wie beurteilt denn die theologische Wissenschaft heute die Homosexualität? Wird sie als Wesensmerkmal eines Menschen, als Schöpfungsvariante angesehen?
Obwohl wir keinen Papst und kein Lehramt haben, das die Theologie normiert, kann man wohl nur sagen: Das ist so.

Was bedeutet die Einführung der »Ehe für alle« für die Frage einer kirchlichen Segnung oder Trauung homosexueller Paare?
Die sächsische Landeskirche hat sich an die Theologische Fakultät der Universität Leipzig mit der Bitte gewandt, eine Stellungnahme zu dieser Frage abzugeben. Die daran Beteiligten, und ich gehörte zu ihnen, haben es sich nicht leicht gemacht. Deutlich ist bei der Arbeit an dem Papier geworden, dass es eben nicht darum geht, die staatliche Ehe für alle noch einmal zu segnen, sondern die Menschen ernst zu nehmen, die Gottes Segen für ihre Ehe erbitten und diese Ehe vor Gott in gegenseitiger Verantwortung führen wollen. Zweierlei Segen Gottes – einen für Heterosexuelle, einen für Homosexuelle – kann es aber nicht geben. Auch von der letztlich künstlichen Unterscheidung von Segnung und Trauung sollte man lassen.

Gesundheitsminister Jens Spahn möchte sogenannte Konversionstherapien verbieten, mit denen Homosexualität in Heterosexualität umgewandelt werden soll. Das würde vor allem Angebote im evangelikalen Bereich treffen. Dort wird nun argumentiert, der Gesetzesvorstoß schränke die Glaubensfreiheit ein. Können Sie das verstehen?
Wenn es um Grundrechte wie die Glaubensfreiheit geht, muss man bedenken, dass es konkurrierende Grundrechte wie das auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und körperliche Unversehrtheit gibt und über allem die Unantastbarkeit der Menschenwürde steht. Sicher hat man die Freiheit, zu glauben, dass Menschen sexuell umprogrammiert werden können, aber man hat nicht die Freiheit, die Persönlichkeit anderer Menschen damit zu zerstören. Dass es immer noch homosexuelle Menschen gibt, die sich einreden lassen, sie seien krank und therapiebedürftig, zeigt, dass gerade in christlichen Kreisen noch viel Aufklärung nötig ist.

Das klingt nach einer Herausforderung …
Ja, denn hier zeigt sich auch das Problem einer unkontrollierten Machtausübung. Damit ist das eigentlich ein Teil der Missbrauchsfrage. Deutlich ist andererseits, dass angeblich »konvertierte« Homosexuelle häufig »rückfällig« wurden, was in entsprechenden Organisationen auch für Krisen gesorgt hat. »Exodus International« etwa stellte 2013 deswegen seine Arbeit ein, da die internen Skandale überhandnahmen und sich beobachten ließ, dass die angebliche Therapie verheerende Folgen für die Therapierten hatte.

Mittlerweile hat der Streit um eine zeitgemäße Beurteilung der Homosexualität auch das evangelikale Lager erreicht.
Genau: Es gibt schwule und lesbische Evangelikale, und je offener darüber geredet wird, desto kleiner wird das Problem. Es ist eben nur ein Scheinriese.

Wie könnte ein angemessenes kirchliches Gedenken an die Schuld gegenüber homosexuell liebenden Menschen aussehen?
Der Volkstrauertag bietet dafür eine gute Gelegenheit. In vielen Familien wird es »Betroffene« gegeben haben, und vielleicht schämt man sich in manchen von ihnen immer noch, dass jemand nach § 175 Strafgesetzbuch verfolgt wurde. Darum müssen auch die verfolgten Homosexuellen einen Namen und ein Gesicht bekommen. Die Arbeit daran steckt noch ganz in den Anfängen und basiert wesentlich auf den Initiativen Einzelner. Verfolgte Homosexuelle waren doch fast ausschließlich getaufte Christen, und wenn sie evangelisch waren, waren sie auch konfirmiert. Ihre Eltern oder sie selbst gingen sonntags vielleicht in die Kirche. Die meisten Lebensläufe kennen wir ja gar nicht.

Kennen Sie Beispiele?
Hans Scholl, dessen Wille zum Widerstand ohne sein Christsein gar nicht denkbar ist, ist ein prominentes Beispiel: Seiner Homosexualität wegen stand er vor Gericht und kam nur durch glückliche Umstände frei.

Was fordern Sie von der Kirche?
Zeit wäre es für eine Schulderklärung über die bedauernden kirchlichen Äußerungen hinaus, die es vereinzelt schon gibt.

Buchhinweis: Klaus Fitschen: Liebe zwischen Männern? Der deutsche Protestantismus und das Thema Homosexualität. Evange­lische Verlagsanstalt 2018, 221 Seiten, 18 Euro.

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