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Was uns die Corona-Krise offenbart

Einschnitt: Die Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Pandemie haben das Bild der Welt verändert. Hat das Virus uns zusammengeführt oder gespalten? Wie wollen wir mit und nach Corona leben?
Von Julia Gerlach
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Dr. Julia Gerlach
Dr. Julia Gerlach, Studienleiterin »Demokratie, Wirtschaft und Soziales«, Evangelische Akademie Meißen. © Dr. Nadir Kinossian

Kaum ein Ereignis der Gegenwart hat den Alltag so vieler Menschen rund um den Globus so stark verändert wie die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Wie können wir das, was wir aktuell erleben, deuten? Handelt es sich um eine gesellschaftliche Zäsur, einen tiefgreifenden Einschnitt? Der Beitrag diskutiert sechs Perspektiven.

Corona zeigt Unterschiede

1. Aus einem eurozentristischen Blickwinkel heraus waren vorangegangene Epidemien der Gegenwart »Krankheiten der Anderen« (Hansjörg Dilger). Ebola oder Zika grassierten weit weg, geographisch und für die meisten auch gedanklich. Corona ist eine Pandemie aller, eine weltweite Herausforderung, die allerdings Gesellschaften und Menschen sehr unterschiedlich trifft: Gesundheits- und Sozialsysteme unterscheiden sich ebenso in ihrer Resilienz (Bewältigungsfähigkeit) wie verschiedene gesellschaftliche Gruppen.

Wissenschaft leitet Politik

2. Das gesellschaftliche Krisenmanagement obliegt der Politik. Sie muss mit etwas umgehen, das nicht politisch ist – und kein Mensch, sondern ein unsichtbares und noch unerforschtes Virus ist. Ein Informations-defizit, das Ungewisse, beherrscht die Debatten, sodass sie teilweise zum Meinungsstreit ohne verlässliche Faktenlage verkommen. Gleichwohl sind prompte politische Entscheidungen mit gewichtigen Auswirkungen auf das Leben vieler notwendig. Die Politik setzt auf wissenschaftliche Beratung, um möglichst informierte Entscheidungen zu treffen. Der Wissenschaft kommt so eine neue Rolle zu, der Öffentlichkeit die Pandemie zu erklären und Politik mitzugestalten – und ist damit dem Risiko ausgesetzt, für etwaige Fehlentscheidungen öffentlich haftbar zu sein.

Die Relevanz von Zahlen (Übersichten von Infektionen, Sterbefällen, Verdopplungszahlen) in der Debatte spiegelt einen vermeintlichen wissenschaftlichen Positivismus. Sie erwecken den Schein eines besseren Verständnisses des Unbekannten und Ungewissen und der Kontrolle über das Unkontrollierbare. Dass Ländervergleiche anmuten wie Medaillenspiegel der Olympischen Spiele, obwohl sie Leiden und Sterben abbilden, ist zynisch.

Keine globale Bewältigung

3. Politische Entscheidungen in der Pandemie werden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene getroffen. Internationale Organisationen spielen beim Krisenmanagement kaum eine Rolle. Solidarität und Verantwortung sind – wenn denn – auf »das Eigene« beschränkt. Dies steht im Widerspruch zur Herausforderung, die global ist und bedeutet einen Rückschlag für internationale Zusammenarbeit. Lediglich Hilfsprogramme bzw. die Nachbearbeitung der Krise werden multilateral aufgelegt. Ausländische medizinische Hilfe, die Maßnahmen flankiert, steht in der Kritik, nicht dem Selbstzweck zu dienen, sondern einer politischen Kampagne um wissenschaftlich-medizinische Potenz und globalen Führungsanspruch.

Demokratie im Stresstest

4. Politische Maßnahmen zur Eindämmung des Virus rund um den Globus ähneln sich, ob Demokratie oder Diktatur: das Herunterfahren des öffentlichen Lebens auf ein definiertes Minimum, Abschottung und soziale Distanzierung. Freiheiten werden in Abwägung für andere Güter, nämlich Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung, eingeschränkt, um die Funktionsfähigkeit des Staates und seiner Kapazität, Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, sicherzustellen. Für Demokratien bedeuten Freiheitseinschränkungen ein existentielles Dilemma, denn das Volk, dem Freiheiten entzogen werden, ist ihr Souverän. Demokratische Regierungen versuchen, dieses Dilemma mit politischer Kommunikation zu heilen und Maßnahmen zu erläutern, ja, auch die Schwere von Einschränkungen für Individuen und Kollektiv selbstkritisch zu verdeutlichen. Noch nie zuvor haben sich demokratische Staatschefs so der Öffentlichkeit gestellt wie derzeit. Dies ist ein Unterschied zu Diktaturen. Ein weiterer ist die baldmögliche Zurücknahme von Einschränkungen in Demokratien – wobei der richtige Zeitpunkt Gegenstand von Debatten ist.

Abkehr vom Vorrang der Wirtschaft

5. Der vielleicht erstaunlichste Einschnitt betrifft den Status der Wirtschaft, der im Kontext der Anti-Corona-Maßnahmen dem Primat des Staates weicht. Die Funktionsfähigkeit des Staates durch die Gesundheit der Bevölkerung erhält Vorrang vor den Konjunkturkennzahlen, an denen sich Regierungen rund um den Globus sonst messen. Sinkendes Wirtschaftswachstum und steigende Arbeitslosigkeit werden im Lockdown politisch in Kauf genommen. Der Kollateralschaden für Weltwirtschaft und Volkswirtschaften, für große, mittlere und kleine Unternehmen lässt sich im Moment nur erahnen. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer spüren bereits die Auswirkungen durch Kurzarbeit, Freistellungen oder betriebsbedingte Kündigungen.

Aus der Abkehr vom Primat (Vorrang) der Wirtschaft folgt die Unterscheidung zwischen systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Berufen. Plötzlich erhalten marginalisierte Branchen einen systemrelevanten und damit existentiellen, staatstragenden Status, die zuvor durch hohe Kosten und schlechte Bezahlung im öffentlichen Diskurs standen. Mit Sonderzahlungen, politischen Statements und verabredetem Klatschen auf Balkons in Großstädten werden sie nun gewürdigt.

Corona schafft neue Normalität

6. Die Corona-Pandemie bringt soziale Anomien (Normabweichungen) hervor. Ungeschriebene Regeln und Verbindlichkeiten unseres Zusammenlebens werden teilweise oder ganz außer Kraft gesetzt – oder gar umgekehrt: Distanz ist die neue Nähe. Wenn ich meinen Mitmenschen nahe bin, gehe ich auf Distanz. Wenn ich sozial bin, isoliere ich mich. Der homo clausus, der eingeschlossene oder verschlossene Mensch (Norbert Elias), wird zum neuen homo sociologicus, dem Sozialwesen. Immobilität und Stillstand werden zur neuen Dynamik und Innovation. Die Digitalisierung ist der Katalysator dieser »neuen Normalität«, als Hüterin von Kommunikation und Austausch.

Während diese »neue Normalität« für manche ein Hauch von Gesellschaftsromantik, Utopie, Achtsamkeit, Reflexion, Meditation, ja sogar Chance zur Umkehr bedeutet, leiden andere darunter. Häusliche Gewalt, Vereinsamung und Depression sind nicht-infektiöse Folgen. Sie werden erst in Monaten, Jahren absehbar sein. Das Handeln des Einzelnen wird einem Stresstest unterzogen. Neben Hamsterkäufen von Toilettenpapier und dem Stehlen von Desinfektionsmittel gibt es von Nächstenliebe und Aufopferung geprägte Nachbarschaftshilfe und Solidarität. Die Opfer, diejenigen, die gestorben sind, die schwer erkrankt sind und ihre Angehörigen, liegen im toten Winkel des öffentlichen Diskurses. Auch das ist eine soziale Anomie, dass ihr Leiden in Zahlen gepresst im Diskurs abgebildet wird.

* * *

Die Corona-Pandemie ist ein Spiegel des Menschseins, seiner Höhen und Tiefen, Stärken und Schwächen. Haben wir uns in diesen Virus-zentristischen Zeiten voneinander entfremdet, entmenschlicht?

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