Uhren ticken anders

Kirche im Osten: Christsein fühlt sich anders an, kirchliches Handeln hat andere Voraussetzungen, und Mission ist hier nicht ein nettes Zusatzgeschäft, sondern nicht hinterfragte Grundhaltung christlicher Existenz.
Thomas Schlegel
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Sonnenuhr am Dom S­­t. Petri in Bautzen © Steffen Giersch

Ost-West-Vergleiche scheinen überholt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Aber der Unterschied ist immer noch spürbar. Kirche hier ist anders: Größere Gebiete, weniger Geld, kaum Gemeindehäuser auf dem Land – die Region als Normalfall. Zwar ist nach wie vor das System einer Staatskirche mit zentraler Behörde und einem Netz an überschaubaren Verwaltungseinheiten vorhanden. Aber faktisch ist Kirche kaum noch wahrnehmbar. Überraschend, dass sich die Ausdünnung nicht zu DDR-Zeiten ereignete – aber natürlich damit zusammenhängt. Das zeigt sich am heutigen Kirchenkreis Altenburger Land: Fielen hier während der 40 realsozialistischen Jahre kaum Pfarrstellen weg, waren es zwischen 1993 und 2013 etwa 70 Prozent. Dazu kommen zwei Kirchenkreise, die dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Warum erst nach der Wiedervereinigung? Weil die kirchliche Infrastruktur zu DDR-Zeiten nicht angetastet wurde. Dank geringer Gehälter und Unterstützung aus dem Westen war das nicht nötig. Auf diese Veränderung wie auch auf steigende Austrittszahlen und die zunehmende Säkularisierung galt es zu reagieren.

Nun ist eine ausgedünnte Pfarrstruktur nicht schlimm. Das Problem im Osten Deutschlands ist, dass es so schnell ging. Gemeinden empfinden einen Phantomschmerz und klagen das »Licht im Pfarrhaus« ein. Kirchenleitenden ist indes bewusst, dass diese Zeiten nicht wiederkommen werden – und ein Paradigmenwechsel nötig ist.

Ostdeutschland ist ein besonderes Terrain, das ein spezifisches kirchliches und missionarisches Handeln erfordert. Was die Reaktionen auf die besondere Situation angeht, stehen wir noch am Anfang. Nachdem die Kirchen im Osten rasch und umfassend das westdeutsche Kirchenmodell übernommen haben, kommen den Verantwortlichen zunehmend Zweifel: Passen Beamtentum, Verwaltungsstrukturen und Kirchensteuer überhaupt in den ostdeutschen Kontext? Womöglich hätte man in den 1990er-Jahren mutiger an das anknüpfen müssen, was an Spuren zu DDR-Zeiten gelegt worden ist: Kirche in der Diaspora durchzubuchstabieren.

Nötig sind Ideen für ein intelligentes Schrumpfen und eine veränderte Kirchenorganisation: Wie wird eine Institution kleiner, bleibt aber gleichwohl ihrem Auftrag treu und genügt den Erfordernissen der Organisation? Dazu müssten Daten gesammelt und ausgewertet werden. Der bisherige Rückbau war vielerorts von Konzeptlosigkeit geprägt: einfach immer weniger von allem. Alternativen wurden und werden gedacht, müssten aber gesammelt, getestet und strategisch umgesetzt werden.

Die Strukturfragen aber kosten so viel Energie, dass wenig Zeit bleibt zu fragen: Was sollte ausprobiert werden? Wo müsste man investieren? Solche Wachstumskeimlinge sind unverzichtbar: Erstens, weil es unser Auftrag ist, Menschen zu erreichen. Zweitens, weil wir so lernen können, wie Kirche »funktionieren« kann. Drittens, weil sie einen Haltefaktor gegen den Sog der negativen Stimmungen bilden können.

Allen Aktivitäten, durch die der Glaube für Gleichgültige Bedeutung gewinnt, muss eine sehr hohe Priorität eingeräumt werden. Gemeinde darf nicht mehr als Einzelgemeinde gedacht werden, sondern als Netz von Akteuren in der Region. Letztlich brauchen wir etwas, was wir nicht machen können: den Geist Gottes. Einige dieser Ansätze berücksichtigen wir schon in der EKM. Bei anderen stehen wir am Anfang. Aber mit dem Anfang zu beginnen, war schon immer ein guter Ratgeber.

Dr. Thomas Schlegel leitet das Referat Gemeinde und Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM.

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