Es muss einen Aufschrei geben

Sexueller Missbrauch: Seit zehn Jahren wird offener über Missbrauch gesprochen. Es gibt eine neue Sensibilität – und doch noch viel zu tun.
Von Christine Bergmann
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Gemeinsam gegen sexuellen Missbrauch: Bundesfamilienministerin a.D. Christine Bergmann (3.v.l.) mit der Unabhängigen Kommission der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. © Foto: Anja Müller

»Was ich erlebt habe, sollen andere nicht erleben.« Viele Betroffene sagen das immer wieder an den Hilfetelefonen, in Gesprächen mit Beratungskräften, in den vertraulichen oder öffentlichen Anhörungen der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch. Sie sprechen über das Leid, das sie als Kinder und Jugendliche erfahren haben. Und über die oft lebenslangen Folgen. Sie schreiben ihre Geschichte auf. Es ist ihre Botschaft an eine Gesellschaft, die versagt hat, als sie Hilfe brauchten, an eine Gesellschaft, die nicht gehört, nicht gesehen, nicht gehandelt hat. Und an eine Gesellschaft, in der die Täter geschützt wurden und die Opfer allein gelassen.Es ist zehn Jahre her, seit das öffentliche Sprechen von Betroffenen eine längst fällige Debatte über sexuellen Missbrauch in Institutionen und Familien in Gang gebracht hat. Das Ausmaß schockierte die Gesellschaft ebenso wie das jahrzehntelange Verschweigen und Vertuschen der Taten. Die Gesellschaft musste sensibilisiert werden und lernen, dass es überall, wo mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird, in den Schulen, den Kirchen, den Sportvereinen und vor allem in den Familien zu Übergriffen, zu sexualisierter Gewalt kommt. Kinder mussten in Zukunft besser geschützt werden.

Wie verhält man sich bei einem Verdacht, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte? Muss ich zur Polizei gehen oder zum Vereinsvorstand? Beides sehr unangenehm, wenn ich es nicht beweisen kann. Trotzdem: Nichthandeln geht nicht! Und Handeln ist möglich. Ich verweise an Beratungseinrichtungen und vor allem an das »Hilfetelefon Sexueller Missbrauch« beim Unabhängigen Beauftragten, an das sich alle anonym und kostenfrei wenden können, um sich Rat zu holen. Ein Beratungs-Team mit viel Erfahrung im Umgang mit sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen berät und informiert unter der Nummer: (0800) 22 55 530.

Ja, es gibt viel Engagement, vor allem im Bereich der Prävention, denken wir an die Schutzkonzepte in den Schulen. Gesetze zum Kinderschutz wurden beschlossen. Die beiden großen Kirchen haben Leitlinien entwickelt, Ansprechstellen geschaffen. Aber insgesamt kann die Bilanz nicht zufriedenstimmen. Zu viel blieb offen, vor allem im Bereich der Hilfen für Betroffene. Und zu wenig hat die Gesellschaft realisiert, dass sexueller Missbrauch kein Thema der Vergangenheit ist. Wir können nicht sagen: Wir haben doch aufgearbeitet und nun ist es gut. Neue Formen der sexualisierten Gewalt nehmen erschreckend zu wie Kinderpornografie und Cybergrooming, das Heranmachen an Personen im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte. Wir wissen: Die wenigsten Fälle werden angezeigt. Wenn wir über Häufigkeiten reden, dann kann man unter Bezug auf die von der WHO genannten Zahlen von 1–2 Kindern pro Schulklasse sprechen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Da müsste ein Aufschrei durch die Gesellschaft gehen und das Thema auf der politischen Prioritätenliste ganz oben stehen. Das ist leider nicht der Fall.

Die Folgen des Sprechens über den Missbrauch in der eigenen Familie beschrieb eine Betroffene so: »Man verliert seine ganze Familie, wenn es jemand aus der Familie war. Man wird ausgestoßen und muss erst einmal ganz allein klarkommen.« Jede einzelne Geschichte zählt. Wir als Kommission nehmen die Botschaften auf, sie bilden die Grundlage für unsere Empfehlungen an Politik und Gesellschaft. Wir sind immer wieder beeindruckt von der Stärke, mit der viele Betroffene »ihren Rucksack ein Leben lang schleppen«, wie es eine Frau einmal sagte. Er kann leichter werden, wenn die Verantwortung der Institution klar benannt wird, Taten aufgedeckt und Täter und Mitwisser benannt werden, also wirklich aufgearbeitet wird. Betroffene haben ein Recht auf Aufarbeitung. Damit haben sich Institutionen bisher sehr zurückgehalten, meist war der permanente Druck von Betroffenen-Initiativen nötig. (Text gekürzt)

Die Autorin war Bundesfamilienministerin und gehört zur Unabhängigen Kommission der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

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