Heimweh nach Gott

Gottsuche: Nach dem großen Verlust der Religion in der Moderne merkt der Mensch heute, wie schwer ein Leben ohne Heimat in Gott ist. Doch wo und wie kann das Göttliche wiedergefunden werden? Es eröffnen sich Sackgassen und neue Wege.
Von Stefan Seidel
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Nach der Leere, Stefan Seidel
© seleznyov – stock.adobe.com

In mancherlei Hinsicht war und ist die Corona-Pandemie eine Offenlegung der schwierigen Situation des Menschseins in der heutigen Zeit. Nachdem die vordergründigen Hauptherausforderungen im medizinischen und organisatorischen Bereich halbwegs gemeistert wurden, tritt immer drängender die tiefere Bedürftigkeit des Menschen zutage: Was kann dem Bedrohtwerden durch ein gefährliches Virus an inneren, mentalen und spirituellen Kräften entgegengesetzt werden?

Hier offenbart sich eine dramatische Leerstelle des modernen Menschen: nach der großen Verabschiedung der Religion steht der Mensch oft mit leeren Händen vor den Ungewissheiten seiner Existenz: Wie die Angst vor dem Tod zähmen? Wie vertrauen angesichts des Ungewissen? Es zeigt sich: die Moderne hat dem Menschen nicht nur mehr Selbstbestimmung und Freiheit gebracht, sondern auch eine eigentümliche Leere, ein Gefühl des Ausgeliefertseins angesichts des Unbeherrschbaren. Spiegelbildlich dazu wächst eine unbestimmte Sehnsucht nach einer Wiederbeiheimatung im größeren Ganzen – eine Sehnsucht nach Gehaltensein von größeren Kräften, die früher Gott genannt wurden; dass man geborgen sei im unnennbaren Hintergrund der Welt. Viele dieser heutigen Versuche der Rückbindung an das größere Ganze erweisen sich allerdings als Sackgassen. Die Trö­stungs- und Heilungsversuche der Esoterik sind nicht selten bloße Konsum­angebote und die felsenfesten Gewissheiten des Fundamentalismus oft nur Festnagelungen Gottes auf eigene Vorstellungen.

Eigentlich könnte in dieser Zeit die Stunde der Kirche gekommen sein – dieser letzten großen Hüterin der alten Geheimnisse Gottes. Doch: die Kirchen leiden an nicht enden wollendem Aderlass. Die Wucht der Säkularisation hat sie so stark erfasst, dass nur noch Rückzugsgefechte und eine Verwaltung des Kleinerwerdens möglich scheinen. »Alle Kirchen stehen heute wie entlaubte Bäume in unserer postmodernen Landschaft«, schrieb einmal der Theologe Johann B. Metz. Ihre alten Wahrheiten, ehrfurchtsvoll verschlüsselt in Dogmen und Lehrsätzen, sind für viele nicht mehr entschlüsselbar. Die meisten Zeitgenossen scheinen ohne Gott auszukommen und haben die Glaubenslosigkeit oft bereits seit mehreren Generationen vererbt bekommen. »Religion ist für mich wie eine Fremdsprache, die ich nicht beherrsche«, sagte einmal der ostdeutsche Schriftsteller Thomas Brussig. Die Kirchen müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich ihre Wahrheiten nicht mehr von selbst erschließen und das bloße Festhalten am Katechismus ein möglicherweise nicht mehr angemessener Weg ist. Es könnte also ein Punkt in der langen Religionsgeschichte auch des Christentums erreicht sein, an dem es um einen neuen Aufbruch zu Gott geht, um ein neues Tasten, ein neues Suchen, ein neues Versuchen des Ausgreifens und Sich-Festmachens in jenem Raum, der das Göttliche genannt wird.

Die dramatische Erfahrung des gemeinschaftlichen Kontrollverlustes in der Zeit der Corona-Pandemie, das plötzliche nackte Ausgeliefertsein an die Möglichkeit des Todes hat die Notwendigkeit dieses neuen Aufbruchs zu Gott aufgezeigt. Was trägt, wenn eigene Kontroll- und Bewältigungsmöglichkeiten aus der Hand geschlagen sind? Wie lässt sich eine vertrauende Beziehung zum Ungewissen finden? Es könnte sich lohnen, Gott neu zu suchen – in der Welt, in Lebenserfahrungen, in neuen Worten, in ungewöhnlichen Bildern, in neuen Formen. Und sich dabei erfassen zu lassen von einer größeren Liebe – zum Beispiel in den Dichtungen Silja Walters oder einem Mitleid, das einen trifft. Da »spricht« Gott plötzlich wieder in einem Augen-Blick der Begegnung mit einer leidenden Kreatur oder einem Dichter-Wort.

So kann es sein, dass einem die Wirklichkeit der Auferstehung aufgeht in einem Gedicht, das einem Traumfetzen gleich in die Seele dringt und neue Welten eröffnet. Wie zum Beispiel diese Verse Silja Walters: »Rühr dich nicht,/solange die Auferstehung/hinter den Fliederbüschen/steht,/auch wenn der Garten/Feuer fängt,/weil der Himmel/ ausfließt/aus ihrem zerrissenen Herzen.//Rühr dich nicht,/wenn sie zu dir herauskommt./Nichts verbrennt/als dein Tod.«

Kann damit ein neues Vertrauen auch in die Ungewissheit des eigenen Sterbens gestiftet werden? Zumindest eröffnet sich wieder eine Begegnungs­fläche mit dem Göttlichen, das in der Tiefe der Wirklichkeit wartet und oft vom Oberflächlichen verdeckt wird. Da bricht plötzlich ein Horizont auf und mitten im Leben scheint ein größeres Ganzes auf.

Es könnte sein, dass Gottes Spuren heute auch im »weltlichen« Bereich zu finden sind – als Spuren einer größeren Liebe. Diese könnten heimführen zu den guten Mächten, die unsichtbar sich um uns breiten (Dietrich Bonhoeffer). Es könnte sein, dass dieses größere Ganze darauf wartet, neu entdeckt zu werden – an ungewohnten Orten, in neuen Worten, im Lieben. Dort kann sich eine Tür öffnen und das Heimweh und die Angst können enden. Das wäre auch die alte Verheißung der Bibel, dass Gott die Liebe ist und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und: Furcht ist nicht in der Liebe (1. Johannes 4,16 f.).

Diese Gedanken werden weiter ausgeführt im neuen Buch von Stefan Seidel: Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft. Claudius Verlag München 2020, 160 S., 18 €.

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