Die Leidenden im Mittelpunkt

Jahreslosung: Der Ruf zur Barmherzigkeit steht über dem neuen Jahr 2021. Gott ermutigt zu einem Leben in Nachsicht, Güte, Erbarmen und Liebe.
Von Landesbischof Tobias Bilz
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Jahreslosung 2021
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Ein neues Schuljahr begann. Das bedeutete für mich 1974, dass ich einen neuen Klassenlehrer bekam. Ein schmerzhafter Einschnitt für den Grundschüler damals, denn ich hatte meine bisherige Klassenlehrerin gemocht. Der Neue aber stellte sich mit folgenden Worten vor: »Bei jeder Klasse, die ich übernehme, gebe ich ein Motto für die gemeinsame Zeit aus. Mein Leitsatz lautet: Wie ihr mir, so ich euch!« Die folgenden Sätze ließen keinen Zweifel aufkommen. Er wird uns gnadenlos danach behandeln, wie wir uns ihm gegenüber verhalten. Gehorsam wird Güte zur Folge haben, Widerstand dagegen Strenge. Es war, als ob ein kalter Wind durch das Klassenzimmer wehte.

Die Jahreslosung bringt mit der Barmherzigkeit eine Grundhaltung Gottes in den Fokus, mit der er diese Welt leitet. Sie atmet einen anderen Geist und ermutigt zugleich dazu, sich mit dem eigenen Verhalten darauf einzulassen. Barmherzigkeit löst bei uns Assoziationen aus. Barmherzige Menschen sind gütig und mit den Schwächen anderer nachsichtig. Sie kümmern sich besonders um die, denen es schlecht geht. Das tun sie, weil deren Leid sie im Herzen berührt. Sie sorgen auch für Zusammenhalt und Interessensausgleich. Barmherzigkeit ist also eine innere Haltung, die sich im Verhalten ausdrückt. Die Jahreslosung – das ergibt sich aus dem Zusammenhang – stellt zwei konkrete Eigenschaften der Barmherzigkeit in den Vordergrund: Barmherzige verzichten darauf, andere zu beurteilen und sind bereit, selbstlos zu geben. Uns dämmert, dass dahinter eine höchst anspruchsvolle Haltung steckt. Andere zu beurteilen, das ist so selbstverständlich wie essen, trinken und schlafen. Darauf sollen wir verzichten? Beim Geben wird es noch stärker. Jesus meint, dass wir auch dem Undankbaren geben sollen und denen, die unseren moralischen Standards nicht entsprechen. Gebt, wenn ihr gebeten werdet! Das ist die Aufforderung. Denkt nicht darüber nach, ob das wirklich gerechtfertigt ist. Die Herausforderung steht uns nun deutlich vor Augen.

Wie aber sollen wir uns dazu überwinden? Jesus lenkt unseren Blick auf Gott, den er Vater nennt. Dieser Gott macht keine Unterschiede: unabhängig davon, ob jemand es verdient hat oder nicht, darf er leben und die Güter dieser Welt genießen. Niemand muss befürchten, dass ihn oder sie bei einem Fehlverhalten der »Schlag« trifft. Gott hält aus, trägt geduldig, lässt sich nicht hart machen. Er gibt Raum und Zeit, täglich und jährlich als Chance für Besserung und vor allem für Barmherzigkeit. Welche Übungsfelder werden uns im neuen Jahr aufgegeben, um barmherziger zu werden? Ich sehe vor mir, dass wir in den vorhandenen und kommenden Spannungen zur Rücksicht miteinander aufgefordert sind. Besser noch einmal hinschauen und nachfragen, als das schnelle Urteil zu fällen. Im Zweifel lieber ruhenlassen oder klären als hinter dem Rücken zu reden. Unterstützen statt wegsehen, die Leidenden wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, sich selbst vergessen, statt sich vom Verhalten anderer abhängig zu machen. Wir werden Mühe damit haben, da bin ich mir sicher. Wie gut, dass wir einen fehlerfreundlichen Gott haben.

Die Zeit mit dem neuen Klassenlehrer war keine gute Zeit. Er ist mir vor allem darin ein Vorbild geworden, wie ich es nicht machen möchte. Weil ich selbst immer wieder Neuanfänge brauche, möchte ich nicht gnadenlos sein. Weil mich Gottes Barmherzigkeit zu einem alternativen Lebensstil ermutigt, will ich anderen gegenüber auch ein Ermutiger sein.

Ein neues Jahr beginnt. Wir werden es mit gemischten Gefühlen angehen. Vorsichtig und hoffnungsvoll, mit den Lasten und Möglichkeiten, die wir mitbringen und in Erwartung guter und weniger guter Tage. Wenn aber zuerst die Barmherzigkeit ausgerufen wird, können wir mit einer positiven Persp­ektive in das Neue starten.

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