Nachlassende Gebetsscham

Von Michael Meyer-Blanck
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Vielerorts wird derzeit so häufig gebetet wie lange nicht. Noch vor wenigen Monaten wurden Gebetsgruppen ein wenig belächelt. Jetzt gibt es WhatsApp- oder Telefon-Gebetsgruppen, das Gebet mit dem Bischof um 12 Uhr, abends 19.30 Uhr Gebet mit Glockenläuten und Kerze im Fenster. Erleben wir eine neue Kraft des Betens?

Gewiss: Not lehrt nicht das Beten. Aber Not erinnert daran, dass es da etwas gibt in der kulturellen Praxis der Menschen, das tiefer reicht als unsere Angst und das höher ist als alle unsere Vernunft. Das Gebet ist die Sprache des Elementaren. Es spricht von dem wirklich Lebenswichtigen.

Es ist ja eine rundum staunenswerte Erfahrung des letzten Jahres, wie vieles in unserem luxuriösen Leben auf einmal nicht mehr sein muss. »Unser tägliches Brot«, das benötigt keine Fernreisen, keine Mobilitätssteigerung, keine weitere Selbstoptimierung und kein weiteres Wachstum. Was man wirklich nötig hätte, jetzt und in der kommenden Zeit: die eigenen Lieben sehen, mit ihnen sitzen und lachen, in einer großen Gruppe sein, ein rauschendes Fest feiern, ein bisschen Kultur live und eine – ruhig ganz bescheidene – Liturgie. Das alles wäre wunderbar und ist so fern. Darauf richtet sich die Sehnsucht der meisten Menschen.

Not lehrt nicht Beten. Aber vielleicht vermindert sie die für die Moderne, für die Zeit der letzten drei Jahrhunderte, so typische Gebets-Scham. Wer betet, stellt sich vor sich selbst und anderen als bedürftig und abhängig dar: Ich habe nicht alles im Griff. Normalerweise gibt man das nicht gern zu. Doch in Corona-Zeiten ist das anders. Bei drohender Lebensgefahr ist Beten denkbar, machbar und allgemein plausibel geworden. Die Scham lässt nach.

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