Schaut hin!

Kirchentag: Pandemiebedingt findet der 3. Ökumenische Kirchentag vom 13. bis 16. Mai nur im Internet statt. Trotzdem soll vom größten kirchlichen Laientreffen wieder ein Zeichen ausgehen. Was bedeutet das Leitwort »schaut hin« jetzt?
Von Beatrice von Weizsäcker
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ökumenischer kirchentag
© OeKT

Als das Präsidium das Leitwort wählte, war alles noch normal. Es gab kein Corona und keine Einschränkungen. Wir freuten uns auf die Vielen, die nach Frankfurt kommen würden, um hier zu debattieren, zu beten und zu feiern. »Schaut hin« ist ein gutes Leitwort, fanden wir. Und auch die Reaktionen waren recht passabel. Was lässt sich nicht alles anschauen und bestaunen! Wo muss man nicht überall hinschauen – in der Gesellschaft und der Kirche. Und nun ist alles digital. Es gibt nichts mehr zu sehen. Was heißt »schaut hin« denn jetzt noch überhaupt?

Schaut hin … – ist ein politisches Gebot, natürlich, auch in der virtuellen Welt. Weil vieles ungewiss ist und sehr umstritten und überdies noch Wahlkampf ist. Da teilt man gerne mal hart aus, da weiß man schnell moralisch alles besser, da wuchern Verleumdungen und Hass-Rede, obwohl die Pandemie uns doch zusammenschweißen müsste. Das ist nicht gut fürs Hinhören und Hinschauen.

Schaut hin … – ist eine Bitte an die Kirchen, na klar, auch das, egal ob virtuell oder analog. Weil viel im Argen liegt, in beiden großen christlichen Kirchen. Da ist zu allererst der Umgang mit sexualisierter Gewalt an Schutzbefohlenen (in beiden Kirchen), wer wollte das bestreiten. Auch die Frage der Segnung homosexueller Paare spielt eine Rolle. Und schließlich gibt es das Thema der gemeinsamen Feier der Eucharistie / des Abendmahls. Aber: Der Ökumenische Kirchentag ist nicht die Kirche, sondern eine Bewegung von Laien, mögen die Strukturen bei Katholiken und Protestanten auch unterschiedlich sein. Auf die Laien kommt es also an, auf uns. Und was sagt das Leitwort uns? Was kann es sagen?

Schaut hin … – ist ohne Bezug zu Gott und Jesus beliebig. Als Leitwort des Ökumenischen Kirchentags verkommt das bloße »schaut hin« leicht zur Floskel. Der Ökumenische Kirchentag darf kein virtueller Wahlkampf im Kirchentagsmäntelchen werden. Wo, wenn nicht hier werden Auseinandersetzungen im Geist der Achtung und des Respekts, der Geduld und Toleranz erwartet? Darum kann, ja muss man den kontroversen Debatten einen guten Geist wünschen, vielleicht sogar den Heiligen Geist.

Ich wünsche mir allerdings mehr als das. Ich wünsche mir im Leitwort »schaut hin« mehr Gott. Schau hin …ist meine Bitte an Jesus, wenn ich alles vor ihn hinlege. Mein Herz und mein Leben, diese Stadt und unsere Welt. Und den Ökumenischen Kirchentag natürlich auch.

Schaut hin … sagt Jesus uns, und dabei zeigt er seine Wunden. Denn nicht unverwundet erstand er auf, sondern als Gekreuzigter. Darum vertrauen wir darauf, dass er Verletzungen kennt, den Schmerz, die Trauer und den Tod. Darum glauben wir, dass er für uns gestorben ist.

Schaut hin … sagt schließlich Gott. Schaut hin und handelt, geleitet vom Glauben und dem Vorbild Jesu. Schaut hin und handelt, mit offenen Augen und weiten Herzen. Schaut hin und handelt für die Stadt und den Erdkreis.

Schaut hin und handelt als Geschwister im Glauben an den Gott, der hinschaut, der die Herzen der Menschen durchschaut, der den Notleidenden hilft und uns sucht.

Gott schaut uns an und sagt: »schaut hin«, egal ob wir katholisch oder evangelisch sind. Das Leitwort gilt auch jetzt, da der Kirchentag digital sein muss und es angeblich nichts zu sehen gibt. Denn das stimmt nicht.

Beatrice von Weizsäcker ist Journalistin und Juristin. Sie ist Mitglied des Präsidiums des 3. Ökumenischen Kirchentags 2021. Dieser findet vom 13.–16. Mai digital und kostenfrei statt. Programm und Informationen unter: https://www.oekt.de

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