Wer ist unser Gott?

Gott und die Religionen: Die Feier der Dreifaltigkeit Gottes zu Trinitatis wirft die Frage auf: Glauben Christen, Juden und Muslime an denselben Gott? Dabei ist es wichtig, daran zu erinnern: Gott zeigt sich in unterschiedlichen Weisen auf der Welt – und ist immer größer als unsere Bilder von ihm.
Von Wolfgang Huber
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Gott Trinitatis Dreifaltigkeit Dreieinigkeit
© Birgit Münch/stock.adobe.com

Die christliche Theologie kennt keinen »christlichen Gott«. Sie kennt nur eine christliche Rede von Gott. Sie spricht davon, um gleich zu Beginn deutlich zu machen, dass Gott größer oder anders ist als unsere menschliche Rede von ihm, die christliche Rede eingeschlossen.

Die Frage nach dem »christlichen Gott« ist eine Reaktion auf die Erfahrung religiöser Vielfalt. Weil wir uns als Christen zu Gott bekennen in einer Situation, in der Menschen anderen Glaubens – zum Beispiel Muslime – sich ihrerseits zu Gott bekennen und Menschen ohne Glauben sich dazu bekennen, dass es Gott nicht gibt, stellt sich die Frage, ob Christen, Muslime oder Menschen anderen Glaubens und Menschen ohne Glauben denselben Gott meinen, wenn sie sich zu ihm bekennen oder sich dazu bekennen, dass es ihn nicht gibt. Dabei gilt es zu beachten, dass die Vorstellung, das jüdische, christliche und islamische Gottesbild bezöge sich auf »verschiedene« Götter, dem Bekenntnis aller drei Religionen widerspricht.

Die Rede vom »christlichen Gott« ist vielmehr eine Aussage über die Beziehung zu Gott, die wir als Christen haben. Sie reflektiert die Tatsache, dass wir als Menschen von Gott nicht anders reden können, als dass wir über unsere Beziehung zu Gott reden. Wir tun das in der Hoffnung, dass Gott eine Beziehung zu uns bereits aufgenommen hat, bevor wir unsere Beziehung zu Gott reflektieren. Diese Hoffnung hat für Christen einen Namen, nämlich Jesus Christus. Die Rede vom »christlichen Gott« hat also darin – aber auch nur darin – einen guten Grund, dass sie eine Beziehung beschreibt und ein Vertrauen zur Sprache bringt: Gott hat in Jesus Christus eine Beziehung zu uns aufgenommen, bevor wir versuchen, unsererseits in eine Beziehung zu ihm zu treten.

Die Rede vom christlichen Gott bedeutet im Kern, dass wir Gott nicht vom Menschen her, sondern den Menschen von Gott her verstehen.

Doch wie verhält sich diese christliche Rede von Gott zur Vielfalt der anderen Religionen? Hier ist eine »überzeugte Toleranz« ein angemessener Umgang. Darin klingt zweierlei an: zum einen die Einsicht, dass Toleranz und eigene Überzeugung sich nicht ausschließen; Toleranz meint nicht Beliebigkeit. Und zum anderen die Einsicht, dass für den christlichen Glauben Toleranz kein Zugeständnis an Zeitgeist oder Opportunität darstellt, sondern sich aus einer Glaubensüberzeugung ergibt, nämlich der Gottebenbildlichkeit und damit der gleichen Würde aller Menschen – unabhängig von ihrer jeweiligen religiösen Überzeugung.

Der evangelische Theologe Martin Stöhr stellte einmal fest: »Wer aus dem gemeinsamen Bezug auf Abraham auf eine Unterschiedslosigkeit der drei ›abrahamitischen‹ Religionen schließt, übersieht, dass der Eine Gott, zu dem alle drei auf verschiedene Weise beten, sich unterschiedlich in der Welt profiliert: durch Mose, den Führer aus der Sklaverei, den ›Gesetz‹geber und Propheten; durch Jesus, dessen Leben, Botschaft und Geist die messianische Zeit eröffnen, durch Mohammed, den Propheten und Leiter auf dem Weg der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.«

Der eine Gott profiliert sich unterschiedlich in der Welt – das ist eine ungewohnte Ausdrucksweise dafür, dass Gottesbilder der sogenannten monotheistischen oder abrahamitischen Religionen höchst unterschiedlich sind. Aber das rechtfertigt es nicht, von unterschiedlichen Göttern zu sprechen. Es gibt zwar ein christliches Gottesbild, aber es gibt keinen »christlichen Gott«. Denn Gott ist größer als unsere Gottesbilder.

Bischof i. R. Wolfgang Huber (78) war von 2003 bis 2009 EKD-Ratsvorsitzender.

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