Kirche nach der Pandemie

Nach Corona: Sinkende Inzidenzwerte lassen ein Ende der Pandemie möglich erscheinen. Welche Aufgaben haben Christen jetzt? Wie können Zuwendung und Nähe wieder gelebt werden?
Von Ravinder Salooja
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© Foto: Relief von Lubo Michalko. Adam Ján Fige stock.adobe.com

Der/die Nächste ist mein Feind  – das ist wohl individuell gesehen die nachhaltigste Erfahrung in der Corona-Pandemie. Denn er/sie überträgt vielleicht das gefährliche Virus auf mich, durch den ich dann möglicherweise schwer erkranke. Also Abstand wahren!

Das stellt uns als Chri­stinnen und Christen sowie als Kirche vor ein großes Problem. Denn das Gebäude unseres Glaubens und unserer Religion ist – wie zum Beispiel auch im Judentum, Islam und in der Sikh-Religion – von Beginn an gemeinschaftsorientiert ausgelegt: Christus ruft uns in eine neue Gemeinschaft, in der die traditionellen sozialen Verpflichtungen und Hierarchien keine Rolle mehr spielen; zentral für die Weitergabe unseres Glauben ist, dass uns jemand die gute Nachricht verkündet; und wo auch immer wir hinkommen und anderen Christinnen und Christen begegnen, sind es keine Fremden, sondern Brüder und Schwestern, eine familiäre Verbindung also, die sich von touristischen Begegnungen sehr deutlich unterscheidet. Sichtbarster Ausdruck dieser Gemeinschaftsorientierung unseres Glaubens ist die Abendmahlsfeier, bei der wir aus einem Kelch trinken.

In Indien, dem Land unserer tamilischen Partnerkirche, ist physische Distanz kaum möglich. Dennoch ist die Gesellschaft von einem System sozialer Distanzierung geprägt: Die Verschränkung von jati (Geburtskaste, die den familiären Ort und den traditionellen Beruf bestimmt) und varna (das hierarchisch aufgebaute Vier-Kasten-System des brahmanischen Gesellschaftsideals) regelt bis ins Detail, wer mit wem vor allen Dingen keinen Kontakt haben darf. Am untersten Ende der Hierarchie standen und stehen die Dalits. Von ihnen nun wird immer wieder die Integrationsleistung des christlichen Glaubens hervorgehoben: »Ihr seid uns Dalits als Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnet. Ihr seid uns nahegekommen und habt uns berührt!«

Das entspricht dem, was wir über die Verbreitung des christlichen Glaubens in den ersten drei Jahrhunderten wissen: In der von oben nach unten hierarchisch gegliederten römischen Gesellschaft war besonders attraktiv, was die Christen so überzeugend gelebt haben: ihre tatkräftige Näch­stenliebe. 251 n. Chr. suchte eine Pest-Epidemie die nordafrikanische Stadt Karthago heim. Wer konnte, flüchtete aus der Stadt, um sein Leben zu retten. Nicht so die Christinnen und Christen: Ihr Glaube fand Ausdruck in der gelebten Liebe der Zuwendung zum Nächsten, und zwar unabhängig davon, ob er/sie zur christlichen Gemeinde gehörte oder nicht.

Der/die Nächste ist mein Feind – das ist die Erfahrung in der Pandemie. Dem steht gegenüber, was den christlichen Glauben für Außenstehende so attraktiv machte und was der Titel eines Buches über das Lukas-Evangelium auf den Punkt bringt: »Mein Feind ist mein Gast«, die Überwindung also der Distanz. Wir werden lernen, mit dem Virus zu leben. Aber wir müssen lernen, die Entfremdungs- und Distanzerfahrung der Pandemie zu überwinden und Nähe wieder zuzulassen.

Der virtuelle Leib Christi, der schon in Paulus’ Netzwerk von aufeinander bezogenen Gemeinden sichtbar wird, umfasst materielle Medien und körperliche Präsenz ebenso wie digitale Formen der Verbindung, erkennt die US-amerikanische Theologin Deanna A. Thompson. Nähe kann sich also auch medial vermittelt ereignen.

Entscheidend ist, dass die Verbindung als Zuwendung erfahrbar wird: Zuwendung insbesondere zu Menschen, die in Not sind, die leiden, die marginalisiert, also an den Rand gedrängt sind. Glaubwürdige Zeugen der Guten Nachricht sind wir in dieser Not-wendenden Zuwendung.

Pfarrer Ravinder Salooja ist Direktor des Ev.-Luth. Missionswerkes Leipzig

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