Das elfte Gebot

Was ist noch konservativ? Rosemarie Stange in Schneeberg sieht sich als konservativ und bibeltreu. Sie möchte bewahren. Veränderungen aber begegnet sie mit viel Liebe.
Von Andreas Roth (Text) und Steffen Giersch (Fotos)
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  • Rosemarie Stange Schneeberg

    Konservativ offenherzig: Rosemarie Stange steht vor ihrem Haus in Schneeberg. Die Christin bezeichnet sich selbst als konservativ und bibeltreu. Mit rechten Parteien sieht sie keine Schnittpunkte. © Steffen Giersch

  • In der Gebetsecke von Rosemarie Lange steht unter anderem ein Kreuz mit Dornenkrone. Hier betet sie sowohl für Querdenker als auch für die Regierung. © Steffen Giersch

  • An der Wand hängen hinter den Bergmännern Bilder der Familie – Zeichen für Tradition, Segen und Bewahrung. © Steffen Giersch

Die kleine Kammer unterm Dach versammelt viele Zutaten für etwas, das man landläufig konservativ nennt. Zwei geschnitzte Bergmänner auf dem Schrank; Fotos einer großen Familie mit Vater und Mutter, Kindern und Enkeln; ein im Bau begriffener erzgebirgischer Weihnachtsberg. Aber wenn Rosemarie Stange hier betet, fällt ihr Blick auf etwas anderes. Auf ein zerbrechlich wirkendes, kleines Kreuz, sie hat es von ihren Großeltern. Daran hängt eine Dornenkrone.

»Konservativ«, sagt Rosi Stange, »bedeutet für mich in erster Linie bibeltreu. Und in zweiter Linie das elfte Gebot, das uns Gott gegeben hat: die Liebe.« Konservativ ist ein Begriff unter Druck. In Politik und Medien gelten Konservative oft nur noch als versprengte Gestrige, die man milde oder streng dem Fortschritt zuführen müsse. Und die überdies im Verdacht der Offenheit nach ganz rechts stehen. In der sächsischen Landeskirche wurde die Debatte um gleichgeschlechtliche Partnerschaften, um Migration und Pegida und zuletzt um Landesbischof Carsten Rentzing und seine Vergangenheit teils erbittert geführt. So dass die Landessynode Ende 2019 die Kirchenleitung wie auch die Gemeinden aufforderte, eine »Diskussion über die Unterscheidung von wertkonservativem Christsein und Rechtsextremismus zu führen«.

Manche Konservative fühlen sich in die rechte Ecke gestellt. Rosi Stange nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es in ihrer Kirchgemeinde hoch oben im erzgebirgischen Schneeberg ohnehin recht konservativ ist. Vielleicht liegt es daran, dass die 69-Jährige dieses Wort »konservativ« nicht als Schlagwort benutzt. Oder es liegt an dessen Kern: konservativ heißt bewahrend. Und daran, was Rosi Stange bewahren will.

Jeden Freitag ab 15 Uhr steht ihr Haus in einer verwinkelten Gasse von Schneeberg offen. Für Menschen mit Sorgen. Dann sitzen sie mit Rosi Stange in ihrer kleinen Stube gegenüber vom Kachelofen, und Rosi Stange hört zu, betet mit ihnen, manchmal hat sie auch einen Ratschlag. Ihre Augen lächeln warm.

Konservativ ist für Rosi Stange, dass sie nicht nur das Haus ihrer Vorfahren übernommen hat, wo ihre Großeltern eine Buchbinderei und ihre Eltern ein Friseurgeschäft betrieben. Sondern auch den Glauben. Und dass sie in der DDR deshalb nicht Mathematik studieren durfte, trotz bester Noten.

Konservativ ist für Rosi Stange, dass ihr Mann, als er zum Reservistendienst an der Mauer eingezogen wurde, sich verweigerte: Du sollst nicht töten. Sieben Monate Gefängnis. Einmal aller vier Wochen durfte Rosi Stange ihn besuchen, die große Tochter war da ein Jahr alt und die zweite wurde während dieser Zeit geboren. Doch zu Weihnachten bekam sie in dieser Zeit einen anonymen Umschlag mit Geld zugesteckt und auch sonst viel Hilfe. Als ihr Mann aus der Haft heimkehrte, spielte der Posaunenchor im Garten. Und weil sie keine Karriere machen durfte, hatte sie Zeit für ihre Töchter und die Pflege ihrer Eltern. »Im Nachhinein sage ich: Gott hat es gesegnet.«

Der Segen ist eingefangen auf den Fotos in der Dachkammer gegenüber von Rosi Stanges Gebetsecke: Drei Töchter, dazu Schwiegersöhne, vier Enkel. Eine von ihnen lebt mit ihrer Familie eine Etage tiefer im gemeinsamen Haus. Heute gibt es auch für sie einen köstlichen Kartoffelauflauf zu Mittag, sein Geruch zieht schon die Treppe herauf.

Andere Familien leben anders. Sehr anders. Manche Eltern getrennt, manche mit neuen Partnern, alleinerziehend oder Patchwork. Oder mit zwei Vätern oder zwei Müttern. Rechte Populisten und Extremisten halten das traditionelle Familienbild als Norm dagegen. Von dieser Seite stellt eine Arbeitsgruppe der sächsischen Kirchenleitung, die die Grenze zwischen »konservativ« und »rechtsextrem« vermessen sollte, eine »absichtsvolle Annäherung an wertkonservative Chri­sten« bei den Themen Familie, Gender und Abtreibung fest.

Rosi Stange sieht keine Schnittpunkte mit rechten Parteien. »Überhaupt keine.« Zu den Demonstrationen von Rechten und Querdenkern im nahen Aue und Zwönitz sagt sie: »Das ist nicht konservativ, die wollen doch eine Konfrontation und nicht gemeinsam einen guten Weg.« Rosi Stange betet lieber: für die Entwickler der Impfstoffe, für die Regierenden, auch für die Querdenker. Als vor Jahren Flüchtlinge nach Schneeberg kamen und Rechtsextreme mit Fackeln durch die Kleinstadt liefen, bastelte sie mit anderen Helfern während eines Gottesdienstes mit Kindern aus dem Asylbewerberheim im Kirchgemeindehaus.

So hält sie es auch mit den Familien, die anders sind als ihre. »Auch wenn ich denke: Das ist nicht Gottes Vorstellung von Familie – aber die meisten haben es sich doch nicht ausgesucht. Wenn jemand einen anderen Weg geht, habe ich ihn trotzdem lieb und kann trotzdem Gemeinschaft haben mit ihm.« Auch dafür lädt sie mit ihrer Familie und anderen Gemeindemitgliedern seit gut neun Jahren, wenn nicht gerade Corona herrscht, an einem Sonntag pro Monat ins Schneeberger Kirchgemeindehaus zum »Sonntagstreff« ein. Für Kranke und Gesunde, Familien und Alleinstehende, Gläubige und Zweifler. Auch Wege, die anders sind, denkt Rosi Stange manchmal, haben ihren Sinn. »Manches werden wir erst in der Ewigkeit erfahren.« Die Grenze zwischen »konservativ« und »rechtsextrem« verläuft für sie da, wo die Liebe endet.

Es ist eine Grenze, die manchmal schwer zu finden ist. Das war so, als Rosi Stanges Patentochter heiraten wollte. Eine Frau. »Das ist für mich nicht biblisch – aber ich will sie auch nicht verletzen«, es quälte sie. Dass ihre Kinder am gleichen Termin zur Taufe eines ihrer Enkel einluden, war für sie ein Geschenk Gottes, es befreite sie von diesem Zwiespalt. Zunächst.

Wenig später lud sie mit ihrem Mann ihre Patentochter zum Essen ein. Und auch deren Frau. Die erzählte aus ihrem Leben, von vielen Tiefen. Und Rosi Stange sah staunend das Vertrauen und die Freude in ihren Augen und den Stolz auf das, was Gott dem Paar geschenkt hatte. Als die Frauen aus ihrem gemeinsamen Zuhause ausziehen mussten, bot ihnen ihr Vermieter für geringe Miete ein anderes kleines Häuschen an. »Das ist so unvorstellbar, aber so ist Gott«, denkt Rosi Stange. » Das Größte von Gott ist die Liebe.«

Sie betet jeden Tag für ihre Patentochter und deren Frau. Sie betet ohne Absicht, nur: »Segne sie«. Sie weiß: »Gott ist nicht so gesetzlich.«

Vielleicht hat das, was Rosi Stange bewahren will, auch mit ihrem Herzen zu tun. Wahrscheinlich sogar. Ein Virus hatte ihr Herz vor etlichen Jahren befallen. Ein Arzt sagte ihr, jeder Atemzug könne ihr letzter sein. Und ihre Kinder waren noch klein. Doch sie spürte, wie Gott sie festhielt. Sie bewahrte.

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