Aus der Kirche auf die Straße

Der Umbruch 1989/90 ist nicht auf ein einzelnes Momentum verkürzbar. Wichtigste Voraussetzung war das stetige Wirken kleinteiliger Bürgerrechtsbewegungen, wie der kirchlichen Umweltgruppen.
Von Frank Lange
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Umweltsituation in der DDR
© Steffen Giersch

Einen wesentlichen Missstand stellte die Umweltsituation in der DDR dar. Besonders im Uranbergbau wurde das ökologische Defizit zwischen Anspruch und Wirklichkeit als Auslöser des Umbruchs deutlich. Im Vergleich zu staatlich organisierten Umweltverbänden stellten kirchliche und kirchennahe Umweltgruppen eine absolute Minderheit dar. 1988 registrierte die Staatssicherheit landesweit 39 Umweltgruppen. Man schätzte ihre Personenzahl auf 550 bis 850. Die wenigen unabhängigen Umweltgruppen waren im Land verstreut, oft an Brennpunkten enormer Umweltbelastungen.

Die Probleme der Republik betrafen Luftverschmutzung, Gewässerverunreinigungen, verfallende Innenstädte. Die latente Umwelt-Gleichgültigkeit der Bevölkerung nahm unter diesen Bedingungen ab. Insbesondere der Uranbergbau der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut stellte für Außenstehende und selbst für die meisten Beschäftigten ein Tabu dar. Ähnlich dem flächenintensiven Braunkohleabbau bedeutete die Urangewinnung eine totale Devitalisierung von Landschaft, Wasserhaushalt, Atmosphäre und die Zerstörung von Lebenskultur, etwa durch Umsiedlungen. Radioaktive Halden und Deponien mit Millionen Kubikmetern stark radioaktiver Erzschlämme strapazierten dicht besiedelte Lebensgemeinschaften.

Bezeichnenderweise richtete sich Kritik lange Zeit gegen sichtbare Probleme wie Smog oder Vogelsterben und weniger gegen die unsichtbare Strahlenbelastung. Aber der radioaktive GAU von 1986 in Tschernobyl löste schrittweise ein Umdenken aus. Die nun entstehenden kirchennahen Umweltbibliotheken in Berlin, Zwickau oder Gera konnten vorerst nicht zur Aufklärung beitragen. Erst Michael Beleites’ Arbeit »Pechblende«, die mit Unterstützung des Kirchlichen Forschungsheims Wittenberg erschien, löste einen Informationsschub aus.

Ende der 1980er-Jahre thematisierten Umweltgruppen die Uranbergbauproblematik direkter. Unter ihnen der kirchliche ökologische Arbeitskreis Dresden, der eine Umstrukturierung des damals aktiven Uranbergbaus Dresden-Gittersee beabsichtigte; der Kirchliche Umweltkreis Ronneburg mit Bezug auf das thüringische Bergbaugebiet oder auch die Kirchliche Umweltgruppe Neukirchen, die die starke Verbreitung von radioaktiven Baumaterialien aus Uranhalden im Erzgebirgsvorland thematisierte. »Mit der unabhängigen Verbreitung von Umweltinformationen bildete sich vielerorts eine kritische Öffentlichkeit heraus, die sich immer mehr zu einem Potenzial der politischen Opposition entwickelte«, betont Michael Beleites.

Dass die Anbindung der Oppositionellen in vielen Fällen an die Kirche erfolgte, wurde mit dem einzig dort möglichen Freiraum begründet. Dies stand im Zusammenhang mit dem ökumenischen Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, aus dem sich eine christliche Basisbewegung für Frieden und Schöpfungsbewahrung entwickelte. Dieser in der DDR ausgelöste Konsultationsprozess gestaltete sich vielfältig und fantasiereich: Friedensseminare, Friedensdekaden, Ökoseminare, synodale Beschlüsse zum Umweltschutz.

Ab 1988 füllten sich die Kirchen mit unzufriedenen Menschen. In den Andachten waren die Umweltschäden sehr präsent, wobei gerade beim Uran höchste staatliche Aufmerksamkeit garantiert war. Mit den wöchentlichen Friedensgebeten und den sich anschließenden Demonstrationszügen begann die politische Wende. Bereits die ersten Demonstrationen 1988/89 hatten in vielen Regionen einen direkten Umweltbezug. Allerdings verdrängte nach dem 9.  November das Thema »Wiedervereinigung« ziemlich schnell die ursprünglichen Ziele.

Der Autor ist Gründungsmitglied des Kirchlichen Umweltkreises Ronneburg.

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