Kirche, was nun?

Reformation heute: In Zeiten der Schrumpfung stellt sich die Frage nach Gestalt und Aufgabe der Kirche der Zukunft. Entscheidend wird sein, auf den Geist Gottes zu vertrauen.
Von Altbischof Jochen Bohl
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Der »Leib Christi« (1. Kor 12) bewegt sich in eine Zukunft hinein, deren Umrisse deutlich erkennbar sind, während der Auftrag unverändert bleibt das Evangelium von Gottes Barmherzigkeit durch Wort und Tat zu bezeugen. Daraus folgt die Aufgabe, der Kirche eine Gestalt für das Kommende zu geben, die es ihr erlaubt, trotz ihrer anhaltenden Schwächung dem Auftrag gerecht zu werden. Bildlich gesprochen: den Mantel, der ihn kleidet, an den schmaler gewordenen Leib anzupassen. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsaufgabe; sie ist allen gestellt, die der Kirche angehören, den Kirchenleitungen nur zuerst.

Das Befinden nicht weniger in der Kirche wird von Vergeblichkeitserfahrungen beeinflusst; wer sich mit seinen Kräften und Begabungen dafür einsetzt, dass Menschen dem Evangelium begegnen, und dennoch erleben muss, dass die Gemeinde und die Kirche kleiner werden, kann darüber müde werden oder wird gar erleben, dass sich ein Schatten auf die Seele legt. Der Eindruck, das eigene Bemühen sei vergeblich, kann unabweisbar werden und stark belasten. Insofern liegt in den Schrumpfungsprozessen unserer Kirche und der Aussicht, dass sie sich weiter fortsetzen werden, eine Gefährdung sowohl für das Kirche-Sein als auch für das Leben der Gläubigen in ihr.

Die Situation kann in einem geistlichen Sinn nicht anders als Versuchung verstanden werden. Der Apostel Paulus kennt das geistliche Gegenmittel: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit« (2. Tim 1,7). Dieser Geist hilft der Verheißung zu trauen, die der Kirche gegeben ist, nämlich dem Versprechen, dass der Herr sie auf ihrem Weg begleitet. Es gilt auch in Zeiten abnehmender Kräfte. Letztlich prägt das geistliche Leben die Kirche und erst recht ihre Zukunft. Die spirituelle Dimension wird wohl entscheiden, ob es der Kirche angesichts der anstehenden Entwicklungen gelingen wird, handlungsfähig zu bleiben und ihrem Auftrag zu folgen, »durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk« (Barmer Erklärung).

Die Kirche wird kleiner, ihre Möglichkeiten dementsprechend geringer, Rückbau steht an. Den absehbaren Wandel zu gestalten, ist keine angenehme Aufgabe. Und doch trägt sie eine Verheißung in sich, weil sie Gemeinden wie Kirchen die Chance gibt, den reformatorischen Kern ihres Auftrags neu in den Blick zu nehmen. Also nicht dem Vergangenen nachzutrauern, das nicht länger sein wird. Sondern anzustreben, was in der Zukunft dem Lauf des Evangeliums dienen kann und darauf zu vertrauen, dass Glauben unter allen Umständen geweckt wird.

»Kirche der Freiheit« ist eine oft gebrauchte Charakterisierung der evangelischen Konfession, die auf Luthers Hauptschrift am Beginn der Reformation zurückgeht – man wird sie als Auszeichnung verstehen dürfen. Nun kommt die Zeit der Freiwilligkeitskirche und auch sie wird für den besonderen Beitrag der Reformation stehen: die Menschen an die andere Dimension und den weiten Horizont der Liebe Gottes zu erinnern, die vor Selbstvergötzung bewahrt. Ihnen die Begegnung mit dem Glauben an den auferstandenen Christus zu ermöglichen, in dem Hoffnung und Vertrauen wachsen. Das evangelische Verständnis von Freiheit vorzuleben, das die Freien an ihre Mitmenschen bindet und ihren Einsatz für Barmherzigkeit und Gerechtigkeit trägt.

Die Kirche wird schwächer werden als sie gewesen ist, aber das muss kein Schade sein. Damit er sich nicht überhebt, hat Christus den Apostel Paulus einmal so angesprochen: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit« (2. Kor 12,9).

Auszug aus dem neuen Buch von Jochen Bohl: Was nun? Kirche im Wandel. Evangelische Verlagsanstalt 2021, 128 S., 15 Euro.

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