Jauchzet, frohlocket!

Weihnachtsklang: Auch und gerade in diesem Jahr ist die Musik Bachs ein Geschenk an uns, die Weihnachtsgeschichte in unser Herz zu lassen.
Von Michael Maul
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© Foto: Beto G – stock.adobe.com

Sie haben das Weihnachtsoratorium schon hin und wieder gehört oder gar mitgesungen? Hand auf’s Herz: Dann ist es für Sie sicherlich ein Ding der Unmöglichkeit, die Weihnachtsgeschichte zu lesen oder zu hören, ohne dass in Ihnen gleich die Töne erklingen, mit denen Bach sie im Weihnachtsoratorium in Noten kleidete. Kleiner Test: »… und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebä-hä-ren sollte, schrumms, schrumms.«

Ja, selten sind in der Musikgeschichte Gegenstand und dessen musikalische Ausgestaltung derart eins geworden, wie bei der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und Matthäus und dem inzwischen 287 Jahre alten Weihnachtsoratorium des Leipziger Thomaskantors und »Spielmann Gottes« Johann Sebastian Bach. Und deshalb gehört das »Jauchzet, frohlocket« für viele zum Weihnachtsfest wie der Tannenbaum, der Schwibbogen und der Festtagsbraten.

Im letzten Jahr schrieb mir der emeritierte Papst Benedikt XVI. ein Grußwort für unser Leipziger Bachfest, das unter dem Motto »Erlösung« stand und in dem wir die Lebensgeschichte Jesu von Nazareth in Bachs Musik nacherzählt haben. Benedikt machte auf das Phänomen des Kulturchristentums aufmerksam. Will heißen: »dass der Glaube, dem Bach als Musiker treulich gedient hat«, inzwischen vielerorts »erloschen ist und nur noch als kulturelle Kraft weiterwirkt.« Benedikt kann dieser Entwicklung auch eine positive Seite abgewinnen: »Die herrliche Musik von Bach selbst rührt uns zutiefst an und verherrlicht Gott auch, wo er nicht förmlich durch den Glauben anwesend ist.« In der Tat: In »normalen« Zeiten lockt das Weihnachtsoratorium im Dezember Menschen über alle kulturellen und konfessionellen Grenzen hinweg in die Kirchen und Konzerthäuser. Es entschleunigt uns in nur zwei Stunden vom (Vor-)Weihnachtsstress, ohne »missionarische Absicht« und dennoch, ganz im Sinne Bachs, »Soli Deo Gloria«, denn es transportiert und vermittelt zeitlos eine ebenso zeitlose Botschaft.

In diesem Jahr wird vielen dieser Moment des Innehaltens fehlen. Der gegenwärtige Verlauf der Pandemie hat unzählige Aufführungen des Werks vereitelt. Und dennoch – oder gerade deshalb? – ist Bachs Musik allgegenwärtig in uns. Jeder kann sich sein eigenes Weihnachtsoratorium präsentieren, Hilfsmittel gibt es genug: CD, Stream, Partitur. Wer sich darauf einlässt, dem ist auch ohne Live-Erlebnis »Erbauung« (so hätte es Bach gesagt) garantiert.

In dem Bach-Kantaten-Podcast, den ich mit Bernhard Schrammek seit letztem Jahr allwöchentlich für den MDR produziere, fragen wir uns oft: Was ist der besondere Moment einer bestimmten Komposition? Nun, einer der ganz besonderen im Weihnachtsoratorium ist für mich Bachs Variante von Paul Gerhardts Choral »Ich steh an deiner Krippen hier«. Es ist der vielleicht intimste, privateste Moment im ganzen Werk. Denn nachdem die heiligen drei Könige hier unmittelbar zuvor dem Jesuskind an der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe überreicht haben, beantwortet Gerhardts Choral für uns Zuhörer die Frage, was jeder Einzelne Jesus schenken sollte: »Ich komme, bring’ und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel’ und Mut, nimm alles hin, und lass dir’s wohlgefallen.« Eingekleidet in Bachs schlichten und dennoch magischen vierstimmigen Satz, gräbt sich Gerhardts wunderbarer Text als Quintessenz von Bachs ganzer musikalischer Predigt nun schon seit Generationen tief in die Herzen seiner Zuhörer ein. Und deshalb gilt für das Weihnachtsoratorium im Besonderen, was Papst Benedikt in seinem Grußwort über die phänomenale Wirkung von Bachs Kirchenmusik insgesamt schrieb: »So dürfen wir uns alle, Christen wie Nichtchristen, Gläubige wie Nichtgläubige, dankbar von der Schönheit berühren lassen, wissend, dass sie uns den rechten Weg weist.« Frohe Weihnachten!

Prof. Michael Maul ist Intendant des Bachfestes Leipzig.

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