Wo geht es zum Frieden?

Kirche und Krieg: Der Ukraine-Krieg fordert auch die christliche Friedensethik heraus. Inwiefern sind militärische Mittel legitim? Es gibt unterschiedliche Positionen.
Von Stefan Seidel
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Der Ukraine-Krieg führt Kirchenleitende und Theologen zu unterschiedlichen Positionierungen. Der EKD-Friedensbeauftragte, Landesbischof Friedrich Kramer, und der EKD-Militärbischof Bernhard Felmberg mahnten: »Wir brauchen eine Friedensordnung, in der man sich auf das Recht verlassen kann. Dorthin müssen wir wieder kommen. Wir brauchen Wege zum ehrlichen Dialog, der zum Schweigen der Waffen führt.« Das Recht des Stärkeren dürfe nicht die Herrschaft des Rechts ersetzen.

Der evangelische Theologe Ulrich Körtner sieht die Stunde gekommen, sich von der bisherigen evangelischen Friedensethik abzukehren. Dem epd sagte er, der »Angriffskrieg der russischen Regierung gegen die Ukraine« nötige dazu, die »Grundpositionen der evangelischen Friedensethik der letzten Jahrzehnte noch einmal zu überdenken.« Diese hätten sich in den letzten Jahren in »Richtung eines prinzipiellen, um nicht zu sagen radikalen Pazifismus« entwickelt. »Ich glaube, dass diese Position in Zukunft nicht mehr haltbar ist«, so Körner. Die evangelische Kirche begebe sich in Gefahr, sich mit ihrer bisherigen Friedensethik in eine Form von »Sektenmentalität« hineinzubegeben. Martin Luther habe zwar Angriffskriege verurteilt, Verteidigungskriege aber gerechtfertigt, so der Theologe. In der gegenwärtigen Situation gebe es zudem wieder die »Kategorie des Feindes«. Die gegenwärtige russische Regierung betrachte den Westen ganz klar als Feind: »Es wäre naiv, diese zu umarmen und zu sagen: Ihr seid nicht unsere Feinde.« Demokratien müssten auch wehrhaft sein, betonte Körtner.

Der Friedenstheologe Joachim Garstecki hält zwar im Moment den militärischen Einsatz zu Verteidigungszwecken für ethisch geboten, sieht allerdings die bisherige christliche Friedensethik keinesfalls auf dem Holzweg. So sieht er die Anwendung oder Unterstützung militärischer Gewalt nur für den Ausnahmezustand der akuten Notwendigkeit von Leidverhinderung legitimiert. »Wenn es um die Abwendung von Unheil und Gewalt geht, ist auch die Anwendung von Gegengewalt zu rechtfertigen«, sagte Garstecki gegenüber dem SONNTAG. Manchmal müsse zu militärischer Gewalt gegriffen werden, um dem Aggressor in den Arm zu fallen. Allerdings sei insbesondere mit Blick auf die Politik nuklearer Abschreckung die »Absage an Geist, Praxis und Logik der Abschreckung«, die die DDR-Kirchen formulierten, unvermindert geboten. »Die Abschreckung mit atomaren Massenvernichtungsmitteln, die auf die unterschiedslose Vernichtung des Gegners mittels Atombomben oder -raketen abzielt, falls die Abschreckung versagt, um auf diese Weise einen Konflikt final zu entscheiden, ist weiter vehement abzulehnen«, so der Theologe. Hier käme es nicht auf eine Abmilderung friedensethischer Konsequenz der EKD an, sondern auf deren Verschärfung. Die EKD sei aber von ihrer Distanzierung von der Strategie der atomaren Abschreckung in ihrer Friedensdenkschrift 2007 abgerückt (Drohung mit Nuklearwaffen friedensethisch nicht mehr legitim). Mittlerweile sei man nicht mehr so deutlich, da man »sicherheitspolitisch anschlussfähig« bleiben wolle, so Garstecki. Dabei solle die Kirche doch vor allem anschlussfähig bleiben an das Evangelium des gewaltlosen Jesus.

Einen weiteren Impuls trägt der indische christliche Theologe Sebastian Painadath SJ in das Gespräch ein, indem er auf die Bedeutung des Gebets für den Frieden verweist. »Beten für den Frieden bedeutet nicht, einen von all dem Leid unbetroffenen Gott zu informieren, sondern heilende Schwingungen zu schicken«, sagt er dem SONNTAG. Die göttliche Gegenwart sei »Schwingung, Liebesschwingung, Geist, alles belebender Atem«. Der göttliche Geist sei auch mit betroffen. »In dieser Betroffenheit ist ›Gott mit uns‹ als ein mitleidender und alles neu schaffender Gott«, so Painadath. An dieser göttlichen Neuschaffung teilzuhaben, sei der Sinn des Betens. Aber dafür müsse das Beten mit einer Betroffenheit geschehen. »Wenn viele Menschen, von allen Religionen, heilende Schwingungen schicken, muss eine Veränderung geschehen«, so der Theologe.

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