Der Sprung des Glaubens

Johannistag: Auf der Höhe des Jahres erinnert die Kirche an das Ende und die Vergänglichkeit. Doch wie von Ferne und als Vorschein dringt die Hoffnung auf Gottes Ewigkeit herein. Eine Bildbetrachtung.
Von Stefan Seidel
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© Renate Wähnelt

Wenn das Licht am längsten scheint, zum Johannistag, versammeln sich die Christen auf den Friedhöfen und bedenken, dass sie sterben müssen. Denn: »Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen« (Martin Luther). Auf der Höhe des Jahres kündigt sich die Endlichkeit an. Doch der Blick geht durch das Ende hindurch und über die Gräber hinaus: Das Licht, das Christus gebracht hat, leuchtet den Weg in die erlöste Ewigkeit. Selbst im Tod sind wir umfangen von seinem Licht – so ist es verheißen.

Auf ganz eigene Weise hat diese Botschaft SONNTAG-Mitarbeiterin Renate Wähnelt in dem Titelfoto ausgedrückt, mit dem sie soeben den 3. Preis des Fotowettbewerbs der Stiftung Kirchenbau gewonnen hat. In der Samariterkirche der Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg hat sie ein sehr besonders Lichtspiel eingefangen: Die von der Künstlerin Ilse Fischer (1900–1979) geschaffenen Glasfenster leuchten im Morgenlicht und erscheinen wundersam verwandelt wieder als leuchtendes Abbild an der Wand. Dargestellt ist die Heilung des Gelähmten durch Jesus, flankiert von zwei Engeln. Das Licht von Osten, das Auferstehungslicht, verwandelt das Irdische, das Gebrochene, das Gebeugte, Gelähmte und erlöst es zu seiner ewigen Seinswahrheit: dem unendlichen Geborgensein in Gott. Von der Auferstehung Christi, von Ostern her erscheint alles in einem neuen Licht. »Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her« (Jochen Klepper). Diese Wahrheit feiert die Fotografie von Renate Wähnelt.

Die Farbspiele des Glasfensters im Morgenlicht zeigen: Die Kraft des Lichtes Gottes vermag alles zu durchdringen und in unfassbarer Weise neu zu machen. In dem lichten Abbild des Fensters an der Wand sind zwar noch die Umrisse des Ursprungs erahnbar, aber die Form ist verschwommen, die Wirklichkeit verwandelt. So auch die Auferstehungshoffnung: Die Existenzweise der Ewigkeit ist nicht zugänglich und klar erkenn- und benennbar. Wäre sie es, wäre sie nicht göttlich, sondern irdisch – und damit vergänglich.

Aber es sind uns Bilder gegeben. Das größte ist Christus, der Lichtbringer, der Überwinder, der Erlöser. Er sagte von sich: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Joh. 8,12). Es ist das Licht, das heute als Vorschein da ist, als Erfahrungen von Glaube, Liebe und Hoffnung, als das, was das Leben licht macht und vom Ende der Nacht kündet.

Doch um in die tragende Gewissheit dieses Lichtes zu kommen, bedarf es eines Sprungs. Die Auferstehungswirklichkeit bleibt eine entzogene Wirklichkeit. Sie leuchtet eben nicht so hell und klar und fassbar wie das sonnendurchtränkte Glasfenster selbst, sondern ist allenfalls – in Momenten – fassbar als Ahnung, als Hoffnung, als Spur, als Schimmer. Unscharf und unverfügbar. Zwischen dem leuchtenden Glasfenster und dem schimmernden Abbild an der Wand ist eine Distanz, gewissermaßen ein Graben. Das, was wird, ist nicht aussagbar und fassbar mit den Mitteln dessen, was ist. Es ist, wie es Paulus gesagt hat: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht« (1. Kor. 13,12). Und so bleibt nichts als der Sprung in den Glauben, wie ihn Sören Kierkegaard einmal beschrieben hat: Dass der Mensch in seiner Freiheit nicht in die Angst vor dem unendlichen Nichts stürzt, sondern in das Vertrauen in den ewigen Gott springt. Das ist auch ein Sprung über die Grenzen der Verzagtheit und des Kleinglaubens.

Und so lädt das Kirchenfoto Renate Wähnelts dazu ein, den »Lichtsprung« des Glaubens zu vollziehen und staunend auf dieses leuchtende und verschwommene und verrückte Abbild des biblischen Fensters zu schauen. Das Licht scheint wie abzubrechen, aber nur, um an einer ferneren Stelle plötzlich wieder aufzutauchen. So können wir vom Vorschein des Lichtes Christi zehren und mit Arthur Schopenhauer vertrauen, der sagte: »Ich glaube, dass, wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Licht stehen, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.« Mitten im Tod sind wir vom Licht des Ewigen umfangen.

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