Streitfall Ausreise

Kirche in der DDR: Die vor 61 Jahren errichtete Berliner Mauer ist ein Symbol der Unfreiheit. Die Ausreise gen Westen war zum Teil auch für Pfarrer ein Ausweg. Doch das hatte einen hohen Preis.
Von Markus Wetterauer
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© Foto: Norbert Michalke/epd-bild; Montage: so

Gehen oder bleiben? Die Frage betraf auch evangelische Pfarrer in der DDR. Sie standen zwischen Anpassung an die SED-Diktatur und Widerstand dagegen. Doch eine Ausreise in den Westen hatte oft schwerwiegende Folgen. Das zeigte vor einiger Zeit ein Diskussionsabend im Augustinerkloster zu Erfurt.

Es war keine Massenflucht. Zwar haben immer wieder Pfarrer die DDR verlassen. Aber es waren weit weniger als etwa Ärzte, Ingenieure oder Lehrer, die vor dem Bau der Mauer 1961 zu Tausenden flüchteten. Genaue Zahlen gibt es bisher nicht, erläutert Deborah Haferland, die an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg dazu forscht. Sie schätzt, dass sich etwa ein bis drei Prozent der Pfarrer mit dem Gedanken an eine Ausreise trugen. Vor dem Mauerbau dürften es mehr Fälle von sogenannter Republikflucht gewesen sein. Trotz der eher niedrigen Zahlen ergab sich für die Kirchen in der DDR dadurch ein ernstes Problem. Denn der ohnehin bestehende Mangel an Pfarrern verschärfte sich noch.

Gründe für Flucht und Ausreise waren vielfältig. Oft genug übte die Stasi erheblichen Druck auf die Pfarrer aus. Der Kirchengeschichtler Friedemann Stengel von der Uni Halle-Wittenberg erinnert daran, dass ein wichtiges Ziel der SED schon seit Anfang der 1950er-Jahre »darin bestand, Kirche ganz zum Verschwinden zu bringen«. Jeder Pfarrer, der ging, sei folglich von den Machthabern als »Teilsieg« verbucht worden.

Bei der Ausreise von Pfarrern stellten sich aber auch immer kirchenrechtliche Fragen, wie Haferland erklärt. Schon früh gab es Regelungen, dass DDR-Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter nicht ohne Weiteres in einer westdeutschen Landeskirche arbeiten konnten. Dazu musste die Heimatkirche eine »Freigabe« erteilen. Oft genug ist das aber nicht passiert. Die Kirchen in der DDR wollten so eine dauerhafte Ausreise-Bewegung von Pfarrern, Kirchenmusikern oder Vikaren und damit ein »Ausbluten« verhindern. Die Kirchen im Westen Deutschlands wiederum trugen die Linie der Kirchen im Osten oft mit. Nach Angaben von Friedemann Stengel vereinbarten beispielsweise die Evangelischen Kirchen der Union in Ost und West, dass ausgereisten Pfarrern ihre Ordinationsrechte für zwei Jahre entzogen werden. Das bedeutete: So lange konnten die Pfarrer aus der DDR nicht arbeiten. »Einige Pfarrer haben das erst erfahren, als sie schon im Westen waren«, so Stengel. In der Regel mussten die Ordinationsurkunden abgegeben werden, wie im Fall des Südthüringer Pfarrers Hans Günther. »Günther hat in den Niederlanden mit knapp fünfzig ein theologisches Zusatzstudium machen müssen, um die Ordinationsrechte wieder zu erwerben, die ihm von Thüringen aus aberkannt worden waren«, wie Stengel herausfand.

Allerdings war das Vorgehen der einzelnen Landeskirchen nicht immer einheitlich – weder im Osten noch im Westen. Manchmal durften ausreisende Pfarrer ihre Ordinationsrechte auch behalten. In anderen Fällen wurden sie zwar für zwei Jahre aberkannt, sie durften aber trotzdem in einer Westkirche arbeiten.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat sich in ihrem Bußwort von 2017 des Themas angenommen. Darin bittet die Kirchenleitung um Vergebung für Fälle, in denen ihre beiden Vorgängerkirchen Pfarrer aus politischen Gründen drangsaliert und disziplinarisch belangt oder fallengelassen haben: »Dazu gehört auch, dass Pfarrerinnen und Pfarrern und anderen kirchlichen Mitarbeitern, die in schwerer politischer Bedrängung keinen anderen Weg als die Ausreise aus der DDR gesehen haben, die Freigabe zum Dienst in westdeutschen Kirchen verweigert worden ist.«

Für Friedemann Stengel sind auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR noch viele Fragen offen: Darf nur das Bleiben in der DDR als Treue zum Glauben gesehen werden? Mussten deshalb die Geher bestraft werden? Aber auch, wie sich Gehen oder Bleiben auf die Familien ausgewirkt hat und zum Teil noch auswirkt. Deborah Haferland sieht hinter all dem nicht zuletzt die Frage, ob und wie man als Christ in der DDR leben konnte.

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