Es geht vorbei – Einfach durchkommen

Eine Philosophin, eine Theologin und ein Psychiater über Hoffnung und Halt in der Corona-Krise: Aufräumen, Hamstern – viele stürzen sich in Aktivität, um Zeit zu füllen und Halt zu finden. Dabei hilft es auch, mit sich allein zu sein, sagt Philosophin Blöser. Und Psychiater Adli wünscht sich, dass wir mehr über die Zeit nach Corona sprechen.
Jana-Sophie Brüntjen (epd)
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Corona Krise durchhalten Ende
© Jerzy Górecki/Pixabay

Wer an einem sonnigen Tag aus dem Fenster schaut und Menschen beim Spaziergang zusieht, könnte für einen kurzen Moment den Eindruck vollkommener Normalität gewinnen – bis der Blick auf das Absperrband um den Spielplatz fällt, auf den geschlossenen Friseur gegenüber oder das Auto des Nachbarn, mit dem er seit zwei Wochen nicht mehr zur Arbeit gefahren ist. Und dann ist wieder die Gewissheit da, dass gar nichts normal ist, Menschen schwer krank sind und sterben, andere um ihre Existenz fürchten oder in der sozialen Isolation verzweifeln und das Gesundheitssystem stetig weiter an seine Grenzen kommt.

Gleichzeitig gibt die Krise vielen Menschen etwas, was normalerweise Mangelware ist: Zeit. Besonders in den sozialen Medien kursieren Listen mit Dingen, wie diese sinnvoll gefüllt werden kann. Hanna Jacobs, evangelische Theologin in Essen, sieht den Ansatz, aus der Krise gleich etwas Positives ziehen zu wollen, kritisch: "Das führt leicht zu einer Überforderung: Man hat das Gefühl, man muss jetzt ganz viel lesen, selbst kochen, sich weiterbilden und mit Leuten in Kontakt kommen und stellt so ganz viele Anforderungen an sich", sagt sie.

Das größte Ziel sei aber aus ihrer Sicht, einfach durch die Krise durchzukommen. Dabei dürfe auch Frustration zugelassen werden, sagt Jacobs: "Man darf sagen, dass es einen stört, dass die eigene Freiheit beschnitten wird und das Leben so anders ist und dass man darunter leidet und es nur aushält, weil man es halt muss."

Auch die Frankfurter Philosophin Claudia Blöser hinterfragt die Suche nach vermeintlich sinnvollem Zeitvertreib und verweist auf den französischen Denker Blaise Pascal (1623–1662): Für ihn kommt alles Unglück daher, dass Menschen nicht für sich in ihrem Zimmer bleiben können. Allein zu sein, führe zu Unzufriedenheit, weswegen sich die Leute dann eine Beschäftigung suchten. Diese Beschäftigungen hätten aber keinen anderen Zweck, als die Zeit vergehen zu lassen, ohne sich selbst zu fühlen, befand vor 400 Jahren Pascal.

In der sozialen Isolation befänden sich Menschen heute genau in dieser Situation, sagt Blöser: "Vielleicht können wir von Pascal die Idee mitnehmen, diese Zeit nicht mit vermeintlich sinnvollen Dingen zu füllen, sondern als Chance, zu erfahren, wie es ist, ohne Beschäftigungen und Routinen zu sein – also als Chance zur Selbsterkenntnis."

Der Abstand, den die Menschen momentan zu ihrem gewohnten Alltag haben, kann laut Blöser auch dazu dienen, über die Wünsche zur Nutzung der eigenen Zeit nachzudenken. "Abstand zu nehmen ist in der Philosophie oft als ein Aspekt der Freiheit beschrieben worden: Freiheit von etwas ermöglicht die Freiheit zu etwas – in diesem Fall zur eigenen und selbstbestimmten Gestaltung der Zeit", sagt sie. Die Gesellschaft könne zudem darüber nachdenken, welche positiven Gewohnheiten aus der Krise sie mit in die Zeit danach nehmen will – Entschleunigung etwa oder Solidarität.

Wie ein Mensch eine Ausnahmesituation bewältigt, ist stark von seinen Erfahrungen, Einstellungen und den verfügbaren Informationen abhängig. Das erklärt die psychologische These, dass nicht jede Krise ausschließlich negativ enden muss: Es kann sich auch die Ausgangssituation wiederherstellen oder sogar eine Verbesserung eintreten.

Das Prinzip Hoffnung ist dabei laut Stressforscher und Psychiater Mazda Adli von der Berliner Charité gerade in der momentanen Situation wichtig. "Wir brauchen Land in Sicht, damit wir diese riesigen Veränderungen ertragen können", sagt er. Um mit dem Stress der Krise umgehen zu können, brauche es eine Aussicht auf Entlastung und die absolute Gewissheit, dass es sich nur um eine vorübergehende Lage handelt. "Ich würde mir daher wünschen, dass wir viel mehr über die Zeit nach Corona sprechen", sagt er.

Die Menschen bräuchten zudem sogenannte Selbstwirksamkeitserfahrungen, "also das Gefühl, dass das, was sie tun, etwas bringt", erklärt Adli. All die verfügbaren epidemiologischen Daten und Zahlen müssten beispielweise so aufbereitet werden, dass die Leute unmittelbar sähen: Dadurch, dass sie ihren Aktionsradius verkleinern, stecken sich tatsächlich weniger Menschen an.

Theologin Jacobs gibt auch der Gedanke an die christliche Passionszeit – die zufällig deckungsgleich mit der Krise ist – Hoffnung. "Mir hilft es, daran zu denken, dass Jesus in der Wüste auch 40 Tage lang allein war, die soziale Isolation ein Weg ist, den ich mit ihm teile und dass Ostern nicht nur den Tod, sondern auch das Alleinsein überwindet – und das Leben immer siegt", sagt sie. Das Osterfest erinnert an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten nach seinem Leiden und Sterben am Kreuz.

In allen Religionen existierten solche Mechanismen oder Geschichten, wie Menschen mit Leid umgehen könnten, erklärt Jacobs. Religiösen oder spirituellen Menschen könne das dabei helfen, die aktuelle Krise besser zu deuten und weniger hilflos zu sein.

Zu hoffen, dass alles gut wird, geht auch ohne Vertrauen auf etwas Höheres, sagt Philosophin Blöser. Und die Hoffnung könne in manchen Fällen sogar helfen, das Gewünschte möglich zu machen, ist sie überzeugt: "Wenn man hofft, gut aus der Krise zu kommen, findet man eher Wege dafür, da die Hoffnung die Aufmerksamkeit auf gute Möglichkeiten lenkt."

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