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»Von Natur aus überlegen«

Rassismus: Feindselige Blicke, Beleidigungen oder Schlimmeres sind für Menschen mit dunklerer Haut in Sachsen Alltag – seit den Erfolgen von AfD und Pegida um so mehr.
Andreas Roth
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Rassismus in der Straßenbahn: Der Oscar-prämierte deutsche Kurzfilm »Schwarzfahrer« (1992) nimmt die alltägliche Ausgrenzung mit Humor aufs Korn. © Foto: dpa - Bildarchiv

An einem normalen Oktobermorgen wird ein 18-Jähriger in einer Dresdner Straßenbahn von sieben Männern in den Nacken geschlagen und verfolgt. Weil seine Haut dunkel ist, er stammt aus dem Benin. Für Menschen wie ihn gehören sie zum sächsischen Alltag: aggressive Blicke, Beleidigungen, dass Menschen sich im Bus von ihnen wegsetzen – oder Füße demonstrativ auf dem Sitz bleiben.

»Eine Frau mit Migrationshintergrund kann hier in Bautzen nur mit viel Glück durch die Stadt laufen, ohne angepöbelt zu werden«, sagt Michael Beyerlein, Koordinator der evangelischen Flüchtlingsarbeit in der Oberlausitz und selbst mit einer aus Afrika stammenden Frau verheiratet. »Der Rassismus im Alltag wächst und gedeiht. Durch das Wahlergebnis der AfD treten die Rechten jetzt offener auf.« In Ostsachsen gewannen sie zur Bundestagswahl drei Direktmandate.

Auch die Beratungsstellen für Opfer von Fremdenfeindlichkeit beobachten diesen Anstieg. »Seit dem Aufkommen von Pegida 2014 treten gerade hier in Sachsen Anfeindungen und Hetze noch viel offener zutage und gehen rassistische Sprüche leichter über die Lippen«, sagt Andrea Hübler, die in der Beratungsstelle RAA Sachsen Betroffene berät und in der Arbeitsgemeinschaft Kirche für Demokratie mitarbeitet. Eine Statistik über rassistische Beleidigungen und Diskriminierung gibt es nicht. Und die meisten Betroffenen zeigen sie nicht an – aus Scham, aus Gewöhnung.

Gezählt werden aber rassistische Gewalttaten. In den letzten drei Jahren stieg ihre Zahl in Sachsen deutlich an: 306 zählten die Opferberatungsstellen von RAA 2016, im Jahr davor waren es 285. Die meisten der von ihnen regi­strierten rechtsextremen Gewalttaten wurden in Dresden verübt, aber auch Leipzig und die Region Bautzen waren Brennpunkte.

Im Vergleich mit anderen Bundesländern liegt Sachsen in der Statistik der Opferberatungsstellen an der traurigen Spitze. »Auch wenn es in Berlin und Hamburg ebenso Rassismus im Alltag gibt«, sagt die Dresdner Opferberaterin Andrea Hübler, »und es sich definitiv um ein gesamtdeutsches Problem handelt«.

Doch in Sachsen ist es besonders groß. Das zeigt der »Sachsen-Monitor«, eine von der sächsischen Landesregierung 2016 in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage. 18 Prozent der Befragten glauben, dass Deutsche »anderen Völkern von Natur aus überlegen« seien. Bei Sachsen, die pessimistisch in die Zukunft schauen oder das Leben in Deutschland als »ungerecht« empfinden, ist diese rassistische Meinung noch stärker verbreitet – und auch bei Kleinstädtern. 58 Prozent aller befragten Sachsen finden auch, dass Deutschland »in einem gefährlichen Maß überfremdet« sei. Auch hier ist die Zustimmung unter Hoffnungslosen, auf dem Land wie auch unter weniger Gebildeten noch höher. Andere Stu­dien zeigen ähnliche Ergebnisse.

Die Folgen von Rassismus für die Opfer sind weniger gut erforscht. »Das greift das Selbstwertgefühl an und bedeutet eine starke psychische Bela­stung, die sich zu Angststörungen und Panikattacken auswachsen kann«, sagt Opferberaterin Andrea Hübler.

Was jeder gegen Rassismus tun könne? »Es ist denkbar einfach«, meint die Beraterin: »Immer und überall den Mund dagegen aufmachen – und sich mit den Betroffenen solidarisieren. Um Rassisten nicht das Feld zu überlassen.«

Statt Verständnis für AfD-Wähler fordert das auch der Bautzener Michael Beyerlein von seiner Kirche. »Sie soll endlich klar Stellung beziehen«, sagt der Flüchtlingshelfer, der einst selbst Republikaner war. »Der alltägliche Rassismus wird auch in unserer Kirche meist totgeschwiegen – es gehen ja tiefe Gräben durch die Gemeinden.«

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