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Gott bittet um Asyl

12 400 Flüchtlinge suchen in diesem Jahr in Sachsen Schutz – jeder ein einzelnes Schicksal. Ist das zu viel für uns? Es ist nie zu viel, sagt die Bibel, denn Gott selbst ist ein Fremder.
Andreas Roth
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Der Mann kam mit Frau und Neffen in das fremde Land. Sie hatten keinen Krieg im Rücken, wurden nicht um ihres Glaubens willen verfolgt. Es war der Hunger, sie waren Wirtschaftsflüchtlinge. Nur Wirtschaftsflüchtlinge, würden viele heute sagen, können und müssen wir all die Hungerleider dieser Welt denn aufnehmen? Die Ägypter damals taten es. Hätten sie die Fremden abgeschoben, gäbe es heute vielleicht keine Bibel, kein Volk Israel, kein Evangelium. Der Mann hieß Abraham.

Der jüdische Glaube ist samt seiner jüngeren Schwester, dem Christentum, ein Flüchtlingsglaube. Unbehaust, unterwegs, oft genug in der Geschichte verfolgt. Auch Abrahams Enkel Jakob floh mit seinen Söhnen vor dem Hunger ins reiche Ägypten. So erzählt es die Bibel. Und sie hat dieses Flüchtlingsschicksal nie vergessen, es hat sich tief in ihre Moral eingeschrieben.

»Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken«, so steht in den Gesetzen, die Mose von Gott empfing (3. Mose 33). »Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.«

Wie ein Echo zieht sich diese Mahnung durch das Alte Testament. Denn dass Flüchtlinge immer wirtschaftlich und rechtlich in Gefahr waren, das wusste das Volk Israel selbst nur zu gut. Ihr Schutz war in biblischer Zeit durchaus alles andere als eine Selbstverständlichkeit – in Mesopotamien beispielsweise kümmerten sich die Gesetze nicht um sie. Israel ging sogar noch einen Schritt weiter: Nicht nur passiv dulden sollte das Volk die Fremden, sondern ihnen aktiv unter die Arme greifen. Auch finanziell. Auf den Feldern und in den Weinbergen sollte etwas für die Fremdlinge übrig gelassen werden (3. Mose 19,10), alle drei Jahre sollte sogar ein Zehntel der Ernte für die Flüchtlinge, Waisen, Witwen und Leviten in der Stadt gespendet werden (5. Mose 14,28).

Soweit der Anspruch. Die Wirklichkeit freilich sah auch in Gottes Volk oft anders aus. Egoismus ist kein modernes Phänomen. Angst vor dem Fremden auch nicht. Das ist menschlich.

Doch Gott will mehr. Deshalb forderten die Propheten immer wieder in scharfen Worten Recht und Gerechtigkeit für die Fremdlinge von den Gläubigen. »Aber sie machten ihre Herzen hart wie Diamant, damit sie nicht hörten das Gesetz und die Worte, die der Herr Zebaoth durch seinen Geist sandte durch die früheren Propheten«, schrieb der Prophet Sacharja, als das Unheil in Form der babylonischen Unterwerfung des Volkes Israel hereingebrochen war. »Daher ist so großer Zorn vom Herrn Zebaoth gekommen.« (Sacharja 7,12). Denn am Ende, daran lässt die Bibel keinen Zweifel, ist es Gott selbst, der die Sache der Flüchtlinge zu seiner Sache macht (Psalm 146,9).

Mehr noch: Als Gott selbst in Jesu Mensch wird, erzählt der Evangelist Matthäus seine Geschichte als die Geschichte eines Flüchtlings. In Jesu Stammbaum tauchen die Flüchtlinge Abraham, Jakob und Ruth aus dem Alten Testament auf, Jesus selbst muss als Neugeborener mit seinen Eltern vor den Mordplänen des Königs Herodes nach Ägypten fliehen (Matthäus 2, 13).

Die historische Wahrheit daran ist schillernd, theologisch aber ist sie eindeutig. Jesus erklärt sie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter und später in seiner Rede über das Weltgericht des Menschensohnes (Matthäus 25). »Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen«, wird er zu den Gerechten sagen, die das ewige Leben erben. »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.«

Wer diese unbehausten Fremden nicht aufnimmt, der lässt auch Gott draußen vor der Tür.

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182 Lesermeinungen zu Gott bittet um Asyl
Johannes schreibt:
06. November 2014, 0:16

Danke, Andreas Roth! Ich muss nächstens im mdr zu Toleranz und Asyl und Ähnliches reden. Der Beitrag stärkt mich.
J.Lehnert

L.M. schreibt:
06. November 2014, 9:57
L.M. schreibt:
06. November 2014, 10:22

PEGIDA wird man sich merken müssen (im Gegensatz zu HOGESA). Hier nochmal aussagekräftiger: http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/item/5002-sie-wissen-was-s...
Ich sehe dort erstmal nichts unchristliches.

Aufrechter schreibt:
06. November 2014, 17:07

Danke Verehrtester, Sie haben mir die Lachnummer dieser Woche beschert mit Ihren wertvollen Links zu dieser quality-weppsite! PEGIDA - ich fass´es nicht! Schon HOGESA erinnert mich ja an "Hotel-, Gewerbe- und Sanitärausstatter" und nun noch die? Haben die sich auch fein mit der PAGODA (Politische Analphabeten gegen Orientalisierung der Alpenrepubliken) abgestimmt und koordiniert? Wirklich (be-)merkenswert, indeed!
Und wenn nichts Unchristliches dabei ist, dann ist es ja schon geadelt, gell? Kann aber auch absolut nichts Christliches erkennen, jawoll!

Beobachter schreibt:
07. November 2014, 16:20

Lieber L.M.,
danke für diese Links, in der Qualitätspresse" kam das kaum vor oder wurde, wie üblich, in die rechte Ecke gedrängt.
Ihrem Vorredner werden Sie damit allerdings sicher keinen Gefallen getan haben?

Doppelguenther schreibt:
07. November 2014, 20:06

Guenther nu kuck (und Gott zum Gruße, verehrter Aufrechter!), da hat ja mal wieder einer die Brandfackel in die Hand genommen. Löblich, löblich. Gott bittet um Asyl -- kriegt er in Dresden aber nich, wenn's nach dem Demonstratiönchen ginge. Hab mich mal ein bißchen kundig gemacht:

"Der Missbrauch der Tradition der Montagsdemo und der schwarz-rot-goldenen Fahne ist widerlich. Nicht nur das: Wer für den Umgang mit Medien einen Maulkorberlass verhängt, darf sich schon fragen lassen, warum, und muss sich über eine gewisse Penetranz derselben nicht wundern. Allen Beteuerungen zum Trotz ist der Vorwurf von Jagden auf irgendwie "links" Aussehende im Umfeld der Demos nicht aus dem Weg geräumt, einschlägig vorbestrafte rechtsextreme Gewalttäter fühlen sich hier sehr wohl, die Muslimhasser von PI schrauben die Zahl der letzten Demo-Teilnehmer schon mal auf 1500 hoch, und v.a.: der sich gemässigt gebende Bachmann hat im Netz keinerlei Berührungsängste mit rechter Propaganda aller Art. Seine Kommentare und die seiner Anhänger belegen eindeutig, dass es nicht um die Bekämpfung des Islamismus geht, sondern Beleidigungen von Muslimen an sich, aber auch schon mal die von Polen und Juden kein Problem für ihn sind... Man braucht auch nur mal genauer Symbolik und Sprüche auf der Demo zu betrachten. Die 800 oder 1000 vom Montag scheint das aber nicht besonders zu stören... "

Tjo, ne, dem is wohl nix hinzuzufügen -- außer einem kräftigen JAWOLL! Die angeblichen Bläulinge sind also auch bloß bräunlich.

Britta schreibt:
07. November 2014, 21:41

1. Als Jakob mit seinen Söhnen nach Ägypten floh, hatte er dort einen Ernährer...
2. Die Ägypter damals hatten ganz bestimmt nicht alle Hungerleider der Welt aufgenommen, sie hatten sogar sehr ertragreich Handel geführt mit Mangelware...
3. Es kann sich nämlich zu keiner Zeit irgendein Land erlauben, alle Hungerleider der Welt aufzunehmen, will es nicht selbst zugrunde gehen, deshalb gibt es Kriege! (Vielleicht hängt das auch mit der von Paul erwähnten Unmöglichkeit des Christentums zusammen.)
4. Ist in der Bibel auch nicht davon die Rede, fremden Glauben zu dulden, bei denen, die als Fremdlinge ins Land kommen, und schon gar nicht, diesen als gleichberechtigt neben dem jüdischen stehen zu lassen - oder was hat Salomo ins Unglück gestürzt? Es war in der Bibel selbstverständlich, daß der Glaube an den Gott der Juden Leitkultur ist, wenn das vernachlässigt wurde, brach großes Unheil über Israel aus.
5. Von den genannten biblischen Flüchtlingen sind Jesus und seine Familie die wahren Flüchtlinge (vor gewaltsamer Gefahr für Leib und Leben) - Zufall?
6. Wenn alle Flüchtlinge, die in Erwartung eines besseren Lebens nach Deutschland (und nicht nach Polen, Tschechien, Rumänien etc.) kommen wollen, da ein weltweit einzigartiges Sozialsystem einen besseren Lebensstandard verspricht, als jemals in ihrem Heimatland zu erarbeiten ist, dann schwinden auch die Kapazitäten für jene, die wie Jesus' Familie auf der Flucht sind! Daher Psalm 37, 3!
7. Ich persönlich finde es unseriös, mit Verweis auf antike Migrationsbewegungen und der biblischen Barmherzigkeit von Christen das Gutheißen undifferenzierter Zuwanderung zu fordern. Denn das kann mit der biblischen Gastfreundschaft nicht gemeint sein, sonst gäbe es keine jüdische Kultur mehr, weil diese dann schon in der Antike von anderen Kulturen verdrängt worden wäre.
8. Es sollte selbstverständlich sein, wirklich Verfolgte aufzunehmen, aber zum Schutz dieser und sich selbst kann in der Praxis nicht jeder Wirtschaftsflüchtling aufgenommen werden. Daher müssen die bestehenden Gesetze auch ohne Ansehen der Person exekutiert werden! Straffällige Zuwanderer, die z.B. andere Flüchtlinge oder die einheimische Bevölkerung angreifen, müssen sofort ausgewiesen werden, es kann z.B. nicht sein, daß vor Muslimen geflohene Christen hier von (ebenfalls zugewanderten) Muslimen terrorisiert werden, wie das wiederholt der Fall war!

Beobachter schreibt:
07. November 2014, 22:22

Von ganzem Herzen volle Zustimmung!
Amen!

Aufrechter schreibt:
09. November 2014, 11:49

Dieser steilen Thesen und der mit absoluter Überzeugungskraft wegen vorgebrachten Behauptungen liebe und schätze ich so viele Ihrer Beiträge, Verehrteste, wirklich!
Es ist nur leider so, dass die bpb und das Heidelberger institut für Konfliktforschung ca. 35 derzeitige bzw. andauernde militärische oder kriegerische internationale Auseinandersetzungen listen und dokumentieren. Soweit ich da lesen kann, hat kein einziger dieser Konflikte seine Ursache in Flüchtlingsbewegungen oder in der massenhaften Aufnahme von Flüchtlingen. Fast alle dieser Gewaltherde hat jedoch Flüchtlinge und Flüchtlingsströme produziert. Klingt komisch jetzt im Vergleich zu Ihrer These nummero drei, ist aber so! Sind aber vermutlich genau so unseriöse Quellen, wie die, die Herr Roth benützt hat, vermute ich mal. Na, glücklicherweise hat Ihnen ja der seriöseste und objektivste Beobachter aller Zeiten uneingeschränkt und aus vollem Herzen seine Zustimmung erteilt. Da wird´s dann wohl auch schon seine Richtigkeit haben, jawoll!

Aufrechter schreibt:
09. November 2014, 11:53

Wenn Sie jetzt noch "hat" im vierten Satz durch "haben" ersetzen, wird´s sogar grammatikalisch richtig, jawoll!

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(Psalm 28,9)

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(Johannes 10,16)

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