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Hat Nächstenliebe Grenzen?

Über 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht mehr – gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.
Andreas Roth
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Hoffnung auf Europa: Ein syrischer Flüchtling hält ein Baby über Wasser nur wenige hundert Meter vor der griechischen Insel Lesbos. © Reuters/Alkis Konstantinidis

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld.

Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanz­experte des renommierten ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist.

Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft.

So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe? Sachsens neuer Landesbischof Carsten Rentzing betont: Es könne nur eine europäische Lösung geben, die nicht auf Abschreckung, sondern auf Barmherzigkeit und Achtung der Menschenwürde angelegt sei.

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf ­Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

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176 Lesermeinungen zu Hat Nächstenliebe Grenzen?
Beobachter schreibt:
20. September 2015, 15:22

Wie man hört, erheben sich manche extrovertierte Nichtkönner nach Studienabbruch, Hilfskraft und unternehmenfinanziellruinierender Manager zu rumquasselnde Künstler und Politiker! So sehen unssere Volksvertreter aus! Armes Deutschland!
Die werden dann von manchem Philosophen hoffiert!

Paul schreibt:
19. September 2015, 19:56

Lutz Schuster schreibt:
19. September 2015, 19:24
Lieber Herr Schuster,
nur mal aus Interesse: Wo hatten Sie das "verrecken" denn eingefügt?
Herzlich
Ihr Paul

Lutz Schuster schreibt:
19. September 2015, 22:07

„Verrecken“ ist nicht mein Vokabular, werter Herr Paul.

Bastl schreibt:
19. September 2015, 20:49

Paul schreibt:
19. September 2015, 8:04
Lieber Paul, für solch lange Abhandlungen fehlt mir neben der Zeit auch die Einsicht, dass es etwas bringt.
Sie und die Ihren pflegen eine Schuld-Neurose (Philosophen sprechen bei ähnlichen Phänomenen von „ICH-Verkrümmung“). Heilung wäre da anzustreben und möglich. Sie wissen ja, wo man die bekommen könnte.
Natürlich ist Herr Förster ein bibeltreuer Christ. Er verdreht nicht, er wendet passend an.
Noch kurz zu Ihren bewusst falschen Anschuldigungen (am Gedächtnis kann es ja nicht liegen):
„…dass die Bibel immer dann wortwörtlich gilt, wenn sie von anderen etwas fordert.“
Wann hätte ich dieses zu Kriterium für Wörtlichkeit erhoben?
„Aber legitimieren Sie es bitte nicht mit Jesus.“
Sie können diesen Wunsch zwar äußern, haben aber nicht das Recht zu entscheiden, wie ich etwas legitimiere.
Sie meinen den Widerspruch entkräftet zu haben. Ich meine dies nicht.
Verantwortung hat man für seine Nachkommen und auch ein Stück für´s Volk.
LG, Bastl

P.S. (weil Köln heute gewonnen hat etwas Karneval):

"Egal wie dicht du bist; Goethe war dichter."

Paul schreibt:
19. September 2015, 22:32

Bastl schreibt:
19. September 2015, 20:49
Lieber Bastl,
das ist in Ordnung. Sie müssen nicht. Ich erlaube mir aber die Vermutung auszusprechen, dass es nicht der Zeitmangel ist, denn dafür haben Sie heute schon zu viele Texte geschrieben. Manchmal denke ich, dass es Ihnen einfach an bestimmten Punkten zu brenzlig wird. Das hatten andere auch schon bemerkt, als sie schrieben, Sie würden an diversen Stellen kneifen. Also lassen wir es halt stehen.
Immerhin haben Sie sich das schöne Wort "ICH-Verkrümmung" gemerkt. Das war aber ein Theologe, der dies sagte. Welche Schuld-Neurose pflege ich übrigens?
Bibeltreuer Christ ist ja kein geschützer Begriff. Die Zeugen Jehovas betrachten sich ja auch so. Und das Herr Förster und Sie die Bibel anpassend anwenden, werfe ich Ihnen ja schon lange vor. Meine Anschuldigung ist leider nicht falsch. Homosexuelle dürfen nach Ihrer Meinung keinen Sex haben, Sie aber dürfen mit zwei Augen durch die Welt klotzen (auf Sabine Lisicki beispielsweise). Für die ungeborenen Kinder anderer kämpfen Sie, aber gegen die schon leiblich gegenwärtigen Flüchtlinge, die Sie direkt fordern würden, gehen Sie spazieren.
Sie dürfen das natürlich alles mit Jesus legitimieren. Schließlich ist dies ein freies Land und ich bin nicht Ihr Richter. Aber es bestärkt mich in meiner Sicht, was Ihr "bibeltreu" wert ist. Heißt es doch: "Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes nicht missbräuchlich verwenden."
Erklären Sie noch, was an meiner Argumentation falsch ist?
Herzlich
Paul
P.S. Glückwunsch.
Und passend (nicht anpassend): Du glaubst, Du bist hart, aber ich bin Hertha.

Paul schreibt:
19. September 2015, 22:37

Paul schreibt:
19. September 2015, 19:56
Lieber Herr Schuster, wenn Sie noch wert auf Reaktionen meinerseits legen, lassen Sie das "Werter" bitte in der Mottenkiste. Ansonsten: Wo hätten Sie das Wort denn eingefügt? Kann es sein, dass es manchmal etwas deutlich macht, weil es so drastisch ist? Oder finden Sie es schlimm, weil es eventuell wieder am Image von Nestlé und co kratzt?
Herzlich
Paul

Lutz Schuster schreibt:
20. September 2015, 21:35

Lieber Paul,
Asylanträge über Jahre nicht bearbeiten, wo andere Ländern 48 Stunden brauchen ist Ursache, dass wir zu viele Zuwanderer auf nehmen müssen. Wodurch sich mancher fragt, wollen wir so Deutschland abschaffen.
Statt die Merkel-Regierung, Grüne, Linke dafür sorgen das Milliarden Euro zur Flüchtling-Betreuung für die Herkunftsländer frei gegeben werden, jubeln und rufen sie vereint, "kommt".

Das einige sagen wir schaffen uns so ab, ist doch verständlich. Gab es nicht schon Versucht uns selbst abzuschaffen, wo Deutsche riefen: „Wir wollen den totalen Krieg“.
Wir sind es selbst und nicht die von Ihnen angeprangerten Nestlé und Co., nur um eine Ausrede zu haben. Wir sind sündig, u. a. weil wir nicht helfen die Hungrige zu speisen, die Durstige nicht tränken, in den Herkunftsländern der Flüchtlinge.
Aber das ist ja auch weniger spektakulär als zu rufen, "kommt". Oder hier bei uns Plüschtiere verteilen.

Thomas aus Leipzig schreibt:
20. September 2015, 22:12

Mein lieber Herr Schuster, oder doch besser
sehr geehrter Herr Schuster,

Ihr Beitrag "Wollen wir den totalen Krieg" ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Unterscheiden Sie doch bitte erst einmal: Ich, Du, Er-Sie-Es, Wir, Ihr und Sie!

Ich habe nicht auf die Frage: "Wollt Ihr den totalen Krieg." mit "hier", "ja" oder "heil" geantwortet! Sie offenkundig schon. Aber nein, so jung können Sie eigentlich nicht sein. Es war also Ihr Papa oder Opa.
Sie haben also ein "Gabriel-Problem" oder ein "Sturmabteilung-Trettin-Problem".
Und deshalb erwarte ich, stehen Sie zu Ihrer Vergangenheit und belästigen Sie mich nicht damit!
Mit vorzüglicher Hochachtung
aus Leipzig
der Thomas, das Pack!!!

Lutz Schuster schreibt:
20. September 2015, 23:07

Was Sie nur haben. Es ging um das Flüchtlings-Thema und nicht wem unsere Vorfahren möglichweise zu jubelten. Es geht um die zuwandernden Menschen.

http://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/lageso-zwei-fluechtlinge-drohten-vo...

Bastl schreibt:
19. September 2015, 23:01

Paul schreibt:
19. September 2015, 22:32
Lieber Paul,
heute habe ich mit diesem 2 Texte geschrieben. Manche Leute müssen auch arbeiten. Wir lassen es so stehen. Stimmt - das Kneifen, wenn´s brenzlig wird, haben Ihnen schon manche vorgeworfen. Welche Schuld-Neurose wird es wohl sein? Klotzen wird nirgends verboten). Wieso fordern Sie, dass andere differenzieren, tun es aber bei „Flüchtlingen“ nicht?
Gute Nacht wünscht Bastl

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