Mensch vor Buchstabe

Notiert von Andreas Roth
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Den Menschen gegen den biblischen Buchstaben verteidigen – darf man das? Vorsicht, Zeitgeist-Alarm! Gerade hat das mal wieder ein Pfarrer versucht. Laut gepredigt sogar. Er ist in Rom tätig, seine Kirche nennt sich Petersdom. Franziskus ist sein Name. Beruf: Papst. Unerhört.

Als er die Worte sprach, war das von vielen Christen in Europa und Amerika erhoffte Wunder gar nicht geschehen: Die römische Synode der 270 katholischen Bischöfe hat weder wiederverheiratete Geschiedene zum katholischen Abendmahl zugelassen noch sich für gleichgeschlechtlich Liebende geöffnet. Sie hat die traditionelle Familie verteidigt und stärkte sie. Doch mitten darin versteckte sich ein Wandel: Denn sie will das nicht mit der Schärfe des Dogmas und des theologischen Urteils tun – sondern mit einer »Dynamik der Barmherzigkeit«.

Papst Franziskus wurde in seiner Abschlussrede noch deutlicher. »Die Erfahrung der Synode hat uns besser verstehen lassen, dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern den Geist; nicht die Idee, sondern den Menschen; nicht die Formeln, sondern die unentgeltliche Liebe Gottes und seiner Vergebung.« Die Kirche ist für den Papst eine Kirche der »geistig Armen und der Sünder auf der Suche nach Vergebung – und nicht nur eine Kirche der Gerechten und Heiligen«. Mit dieser Demut will Franziskus auch allen begegnen, die nicht ins dogmatische Familienbild seiner Kirche passen.

Am Ende ist das viel mehr als Demut. Diese Haltung ist tiefe Theologie: Ehrfurcht vor der Größe und Güte Gottes, die sich menschlichen Urteilsrastern entziehen. Wir in unseren hitzigen evangelischen Debatten können ruhig einiges davon lernen. Auch am Reformationstag.

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18 Lesermeinungen zu Mensch vor Buchstabe
A.Rau schreibt:
29. Oktober 2015, 16:14

"Mensch vor Buchstabe ... Diese Haltung ist tiefe Theologie: Ehrfurcht vor der Größe und Güte Gottes, die sich menschlichen Urteilsrastern entziehen." In der Bibel steht etwas anderes: Gott war das Wort ... und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns ... wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden ...

Gott wurde Mensch, damit wir mit allen unseren Urteilsrastern an ihn glauben können. Das christliche "Kommet her zu mir" ist etwas völlig anderes als das moderne ev. Zentraldogma "Nichts genaues weiß man nicht".

A.Rau

Gert Flessing schreibt:
30. Oktober 2015, 6:49

Lieber Herr Rau, sie wissen schon, dass der Begriff "Logos" ein wenig mehr umfasst, als sich mit "Wort" widergeben lässt?
Ja! Gerade für Gott geht der Mensch vor dem Buchstaben, denn um des Menschen, des sündigen Menschen willen lässt sich Gott in Jesus an das Kreuz schlagen.
"Barmherzig und Gnädig ist der Herr. Geduldig und von großer Güte. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat..."
Von dieser Barmherzigkeit Gottes her, sind wir zur Barmherzigkeit gerufen.
DAS gilt.
Gert Flessing

Christoph schreibt:
30. Oktober 2015, 12:06

Der Vollständigkeit halber wäre es gut, die nachfolgenden Sätze des Papstes auch noch zu erwähnen:
"Das bedeutet freilich nicht, in gewisser Weise die Bedeutung von Formeln, Gesetzen und göttlichen Geboten zu vermindern, sondern die Größe des wahren Gottes zu rühmen. Er beurteilt uns nicht nach unseren Verdiensten, nicht nach unseren Werken, sondern einzig nach der grenzenlosen Güte seiner Barmherzigkeit. (...)

Erste Aufgabe der Kirche ist nicht, zu verurteilen und den Kirchenbann auszusprechen, sondern die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, zu Umkehr aufzurufen und alle Menschen zum Heil des Herrn zu führen."

Und natürlich handelt es sich hier vor allem erst einmal darum, die katholischen Dogmen und Kirchengesetze zu prüfen, und nicht darum, die Worte der Heiligen Schrift zu relativieren.

Aber es würde mich schon wundern, wenn die katholische Kirche den Widerstand gegen den Trend der Zeit auf Dauer aufrecht erhielte.

Christoph

A.Rau schreibt:
31. Oktober 2015, 12:30

In Deutschland vielleicht nicht, aber die kath. Kirche ist halt eine Weltkirche. Und außerhalb Deutschland bzw. Europas und der USA schlägt der Trend der Zeit weit weniger hohe Wellen. Von daher wird wenigstens diese Kirche (hoffentlich) noch eine Weile durchhalten. Auch wenn in Deutschland langsam alle Dämme brechen: Beim Baptistenbund wird allen Ernstes überlegt, die Gemeinde von Pastor Tscharntke auszuschließen. Man kann sich nur noch an den Kopf fassen.

Andreas

Bastl schreibt:
31. Oktober 2015, 23:10

Auch deshalb stehe ich Dachverbänden generell kritisch gegenüber und bin kein Mitglied mehr in irgendeinen solchen. Freie unabhängige Gemeinden/Hauskreise werden die Orte sein, wo sich bibeltreue Christen in Zukunft vermehrt zusammenfinden,

A.Rau schreibt:
31. Oktober 2015, 12:36

„Gottes Größe und Güte entziehen sich“. Dies ist eine Binsenweisheit – und dennoch zeigt sich hier die Grundrichtung der B-Theologie: Gott entzieht sich, deshalb können wir tun und lassen, was WIR wollen. „Gott“ ist kaum mehr als religiöse Dekoration für menschliche Wünsche, eben „Opium des Volkes“.

Der christliche Glaube bewegt sich in die genau entgegengesetzte Richtung: Gott teilt sich mit – als Kind in Windeln gewickelt. Gott wird Mensch, damit wir unsere „Urteilsraster“ (welch vornehmes Wort!) an ihm gewissermaßen „eichen“ können. Gott wurde gesehen, gehört , betastet. (Selbst heute gilt noch: „Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist.) Und die ihn gesehen, gehört und betastet haben, bezeugen was sie erlebt haben. Andere haben dieses Erleben „akribisch erkundet“ und aufgeschrieben.

Diese Aufzeichnungen, d. h. die Buchstaben, mit denen diese Gottesbegegnungen festgehalten wurden, sind das Wertvollste, was die Menschheit besitzt. Denn diese Buchstaben bezeugen uns Gott. Ohne sie könnten wir tatsächlich über Gott "nichts sagen; doch dank dieser Buchstaben können wir sehr viel über ihn erfahren. Wenn Menschen klüger, frömmer, barmherziger … sein wollen als das, was uns diese Buchstaben bezeugen, nun ja, dann bauen sie wieder einmal an dem Turm, der seinerzeit die große Sprachverwirrung zur Folge hatte. Womit wir wieder bei der Jungfrau wären …

„Gott“ ist für Christen eine positiv gefüllte Aussage. Die kommt vor allem anderen. Erst wenn die gesagt wurde, kann man sich die Details ansehen und differenzieren. Eine Kirche, die die eigentliche Botschaft, das Evangelium, aufgegeben hat + sich in leeren Differenzierungen verzettelt, ist wie eine Quelle ohne Wasser.

Kurz: B will „den Menschen gegen den biblischen Buchstaben verteidigen“. Der christliche Glaube will den Menschen mit den Buchstaben „Heil“ bringen – Vergebung, Hilfe, Trost, Hoffnung, Ewigkeit … eben all das, was selbst die politisch correctesten „Urteilsraster“ ihnen nicht geben können.

Gert Flessing schreibt:
01. November 2015, 14:52

Gott entzieht sich unseren Versuchen, ihn in eine Form zu bringen. Von daher kann ich mich auch nicht "an Gottes Schönheit berauschen".
Weil Gott aber von uns begriffen werden will, hat er sich offenbart. Zunächst in seinem Wort gegenüber denen, die er erwählte, um es zu leben, schließlich, indem er Mensch wurde. Der Logos wurde Fleisch.
Hier nun kann ich mich "berauschen" an der Schönheit seines Da - Seins für den sündigen Menschen.
Jene, die Gottes Offenbarung aufschrieben und sammelten und uns überliefert haben, haben uns auf alle Fälle das wichtigste gegeben, das wir Menschen haben können: Den Weg zum Heil.
Von daher ist es immer wieder notwendig, in dieser Bibel zu forschen und zu lesen und über dem, was ich dort lese und denke, zu beten.
Es ist, gerade in der Zeit, in der wir leben und die manches an Dunkelheit kennt, wichtig, die Menschen und die Menschlichkeit MIT dem lebendigen Wort des lebendigen Gottes, der uns in Jesus alles schenkt, zu verteidigen. Wir müssen sie verteidigen gegen jene, die ihnen diese Hoffnung entreißen wollen, weil sie Gottes Handeln relativieren und Kreuz und Auferstehung in Frage stellen.
Gert Flessing

Paul schreibt:
09. November 2015, 18:55

A.Rau schreibt:
31. Oktober 2015, 12:36
Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?
Lieber Herr Rau, Sie wissen ja, dass ich Ihre Sicht für falsch halte. Aber wenn ich mich jetzt mal auf Ihre Argumentation einlasse: Was meinen Sie denn zu der oben gestellten Frage? Ich mache Ihnen nicht den Beobachter zum Vorwurf. Aber wenn Sie sich die Diskussion zur Flüchtlingsfrage anschauen – wo sind denn die A-Vertreter, von denen Sie sagen würden: "Sie glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist – und sie halten sich daran."? Oder anders: Was nützt es denn, wenn jemand glaubt – und dies allen sagt, dass die Bibel Gottes Wort ist, sich aber einen Scheiß darum kümmert, was da geschrieben steht – zumindest, wenn es ihn selbst etwas kosten würde? Nicht jeder, der "Herr, Herr" zu mir sagt, …
"B will „den Menschen gegen den biblischen Buchstaben verteidigen“." und A will sich gut fühlen, wenn es gegen andere geht. Aber wehe, es kostet selber etwas. Zwiespältig!
"Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen's zwar, tun's aber nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen."
Herzlich
Ihr Paul
P.S. Gäbe es nicht Christoph, Herrn Bilgenroth und – seit kurzen – auch Jowi, würde ich meinen, dass es geradezu ein Merkmal von A-Christen sei, für die Bibel zu sprechen und gegen sie zu handeln.

A.Rau schreibt:
10. November 2015, 19:42

Ach, lieber Paul, es ist doch immer wieder beeindruckend, dass es Menschen gibt, die die Buchstaben der Bibel ablehnen und dennoch genau wissen, was die Bibel will. Noch beeindruckender ist, dass die Bibel - zumindest nach Meinung dieser Menschen - immer haargenau das will, was diese Menschen wünschen. Wenig überzeugend ist allerdings, dass sie dieses ihr Gegen-den-Buchstaben-Wissen benutzen, um vom eigentlichen Thema abzulenken. Und das lautet: Woher wissen die zwei Söhne denn, was ihr Vater von ihnen will?

Da der nicht direkt zu uns redet, bleibt halt nur das Buch, das er uns hinterlassen hat. Und die Frage ist: Welche Autorität hat das, was dort mit Buchstaben geschrieben steht? Sie sagen: "Keine, der Mensch kommt vor den Buchstaben." Ich sage: "Alle, der Mensch lebt von diesen Buchstaben." Nun kommt Paul in seiner Weisheit: "Nein umgekehrt, die Buchstaben leben vom Verhalten von A.Rau, Beobachter + der gesamten A-Fraktion."

Es tut mir leid, lieber Paul, aber Ihrer Argumentation ist kompletter Quatsch. Die Autorität der Buchstaben ist abhängig vom Verfasser und nicht vom Leser. Entscheidend ist der Wille bzw. die Anordnung des Vaters und nicht das Verständnis oder das Verhalten der Söhne.

Ich freue mich auf den Tag, da Sie Ihre ewig gleiche Leier "Wir auch - Ich nicht - Ihr selber" abstellen werden.

In alter Frische!
A.Rau

Paul schreibt:
10. November 2015, 20:04

A.Rau schreibt:
10. November 2015, 19:42
Lieber Herr Rau,
fein raus. Immer selbst immunisiert; immer sind die anderen böse. Und im Notfall keine Ahnung.
Haben Sie mal gelesen, was Ihre A-Kollegen in den Foren der letzten Zeit geschrieben haben? Was nützt es denn, wenn jemand behauptet, die ganze Bibel sei von Gott - und dann mit allen Worten und Taten dem Hohn spricht, was in diesem Wort geschrieben steht?
Wenn das Wort so mächtig ist, warum macht es dann nichts? Wenn es die Welt hervorbringen kann und Blinde sehend machen kann und Wasser in Wein verwandeln kann und Tote auferwecken kann und Stürme zum Schweigen bringen kann - warum kann es dann nicht mal des Herz eines A-Christen berühren? Oder noch anders: Was nützt es der Welt, dass die Bibel die Bibel ist, wenn die, die behaupten, ihr zu glauben, dieses Zeugnis geben?
Sie wollen etwas retten, was Ihre Kollegen längst zerstört haben - und ich sage das mit Schmerz. Ihr Hinweis auf den Neuen Realismus war gut - nur: Sie - die Neuen Realisten - können es nicht leisten.
Ich kann meine Leier nicht aufgeben, da müsste ich ja das Christ-Sein aufgeben. Und das können Sie im Ernst nicht von mir fordern.
(Entscheidend ist übrigens, dass der Wille des Vaters getan wird.
Denn vor Gott sind nicht gerecht, die das Gesetz hören, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein. Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. )
Herzlich
Ihr Paul
P.S. Sagen Sie mir bitte, dass Sie auf Christophs Seite stehen! Oder haben Sie das alles hier gar nicht verfolgt?

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