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Reformation und Rotstift

Umbruch: Was Sachsens Kirchenleitung beim Kürzen von Luther lernt – und wie die Landeskirche dabei zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren kann.
Andreas Roth
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Kurz vor Beginn des 500-Jahre-Reformation-Festjahres ist vielen Evangelischen gar nicht zum Feiern zumute. Besonders in Luthers Heimat. Allein Sachsens Landeskirche wird nach neuesten Prognosen in den näch-sten 25 Jahren um 42 Prozent an Mitgliedern und Personal schrumpfen. Und doch könnte etwas Paradoxes geschehen: Dass sie durch den Rückgang ihr reformatorisches Erbe neu entdeckt.

Die sächsische Kirchenleitung jedenfalls unternimmt diesen Versuch. Der Titel ihres am 17. Oktober beschlossenen Zukunftspapiers, das von einer elfköpfigen Arbeitsgruppe geschrieben wurde, verrät es: »Kirche mit Hoffnung in Sachsen«. Dabei werden die darin versammelten Zahlen vielen Christen eher das Gruseln lehren: In den nächsten zehn Jahren sollen sie ihre Gemeinden zu großen Strukturen mit über 4000 Mitgliedern, in Städten gar 6000 Mitgliedern bündeln. Personal wird ab 2019 massiv gekürzt. Lieb gewordene Angebote werden verloren gehen. Wo ist da Hoffnung?

Eine von Luthers umstürzenden Erkenntnissen war: Die Kirche schwebt nicht als mit allerlei Gesetzen festgezurrte, unveränderbare Instanz zwischen Gott und den Gläubigen – Kirche sind die um Jesus versammelten Glaubenden selbst. Entscheidend ist nach dem Augsburger Bekenntnis von 1530 allein, dass »das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente in Übereinstimmung mit dem Evangelium gereicht werden«. Kirchenstrukturen müssen dem dienen – in welcher Form oder Größe aber sie das am be-sten tun können, das steht frei.

Die sächsische Kirchenleitung nutzt in ihrem Zukunftspapier diese Freiheit. Und fordert mehr Gemeinschaft in der Landeskirche. Sie will größere Einheiten, mehr Zusammenarbeit auf allen Ebenen – und Solidarität der starken Stadtgemeinden mit ihren immer kleiner werdenden Schwestern auf dem Land. Doch auch für die Kirchenleitung hat die Freiheit, Kirche neu zu denken, Grenzen. Ein Abschied von gehobenen Gehältern, um mehr Mitarbeiter bezahlen zu können – und um eine Gemeinschaft der Gleichen auch in Gelddingen zu sein? Scheinbar undenkbar.

Einen anderen radikalen Gedanken Luthers aber greift das Zukunftspapier ganz direkt auf: »So werden wir alle durch die Taufe zu Priestern geweiht«, schrieb der Reformator 1520. In der Sprache der sächsischen Kirchenleitung: »Kirchgemeindeglieder gestalten aktiv das kirchliche Leben. Die hauptamtlichen Mitarbeiter beziehen ihren Dienst fördernd, gewinnend und begleitend auf das Ehrenamt.«

Zwar hatte Luther seinen radikalen Gedanken angesichts von noch radikaleren Reformern wie den Täufern, die das Gleichheitsprinzip in der Kirche rigoros umsetzen wollten, bald wieder abgeschwächt – schließlich hatte er auch die Obrigkeit und genug Geld im Rücken. Luthers heutige Erben indes könnte der Rückgang an Mitgliedern und Einnahmen dazu bringen, mit seinen Gedanken noch ernster zu machen als es die Reformatoren taten.

Auf seinem Grund kommt aber auch das Strukturpapier am Herz der Reformation an. An der Frage: Was ist, wenn wir versagen? Mit dem steten Rückgang an Gemeindegliedern sei für alle Mitarbeitende der Kirche »die unausweichliche Erfahrung der Vergeblichkeit des eigenen Bemühens eine prägende und oft auch belastende Erfahrung«, beklagt es. Die Folgen: Überforderung, Vereinzelung, Resignation. Luther hätte geantwortet: Du bist von Gott geliebt, allein aus Gnade. Nur fällt es auch Kirchenmenschen nicht immer leicht, das anzunehmen.

Das Kirchenleitungspapier sagt es so: »Ärmer und kleiner zu werden muss nach dem Zeugnis der Bibel keine Strafe sein, sondern kann eine Form der Nachfolge Christi sein, die in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen zu allen Zeiten ihren Platz hatte.« Gerechtfertigt aus Gnade.

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1 Lesermeinungen zu Reformation und Rotstift
Gert Flessing schreibt:
28. Oktober 2016, 10:07

Pfeifen wir im dunklen Wald?
Für die Gemeinden rund umher klingt das alles nicht so recht nach Hoffnung und es steht für viele Gemeindeglieder auch im Gegensatz zu dem, was sie, z.B. im Zuge des Reformationsjubiläums, als Verschwendung ansehen.
Wenn man sorge um die Zukunft hat, spart man Geld. Das müssen wir, als Gemeinden ja auch tun, indem wir Rücklagen aller Art schaffen.
Freilich wird da auch überlegt, ob sich das noch lohnt. Warum sollen wir das Geld nicht ausgeben, so lange wir noch Gemeinde sind und bevor wir von einem viertausendköpfigen Moloch geschluckt werden.
Das ist jetzt ein wenig überspitzt gesagt, aber dahinter steht die, wie ich glaube, berechtigte, Sorge, dass Kirche ihre Identität verliert.
Die Identität hängt auch mit der Struktur der Ortsgemeinden zusammen. Von daher wird die Vielfältigkeit sichtbar.
Auch der Gedanke des "Priestertums" aller Gläubigen ist interessant. Aber glaubt wirklich jemand, ob das, in der Breite, wirksam werden kann?
Es herrscht jetzt schon Mangel an Prädikanten und Lektoren. Viele, die es, mit Hingabe gemacht haben, vor allem eben im ländlichen Raum, sind älter bis alt geworden.
Wenn wir ein Gebiet von 4000 Gemeindegliedern gründen, das aus, vielleicht sechs ehemalig selbständigen Gemeinden, besteht, wird sich das auch auf die Verwaltung auswirken.
Wer wird dann, in den einzelnen Gemeinden, den einzelnen Orten, als Ansprechpartner wirken. Denn oft ist es ja gerade die Verwaltungskraft, die, wenn auch manchmal stundenweise, mehr ist, als nur Ansprechpartner für Beerdigungsanmeldungen und Kirchgeldzahlung. Sie ist Bindeglied zwischen Pfarrer und Gemeinde und erfährt manches, was sie dann, wenn nötig, weitergeben kann. Sie ist für beide Seiten, Vertraute. Und, sie ist oft genug, der Mensch, der auch Seelsorge macht, im geduldigen Zuhören all der kleinen Nöte der Menschen, die da kommen.
Ich weiß nicht, ob und wie das alles gelingen soll. Aber ich habe meine bedenken, zumal wir uns ja auch noch an anderen Fronten aufzureiben belieben.
Gert Flessing

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