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Wie viel Luther steckt in Marx?

Kapitalismus: Gerechtigkeit ist wieder ein großes Thema – und Karl Marx wird öfter zitiert. Dass der seine Kritik auf Luther stützte, ist kaum bekannt. Ihre Hoffnungen aber waren verschieden.
Andreas Roth
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© Steffen Giersch

Karl Marx ist wieder da. Nicht nur im Kino. So laut wie lange nicht wird derzeit über Gerechtigkeit diskutiert. Und am vergangenen Sonntag klebte Gregor Gysi 95 Thesen »Wider die Herrschaft der Finanzmärkte« an die Deutsche Bank gegenüber der Wittenberger Schlosskirche – umrahmt von Luther-Liedern.

»Gott oder Mammon – du kannst nicht beiden dienen, hieß es zu Zeiten von Jesus und vor 500 Jahren«, heißt es in Gysis These Nummer zwei. »Demokratie oder Finanzmarkt-Kapitalismus – dies ist die Frage unserer Zeit.« Unter den über 330 Unterzeichnern der neuen Thesen sind neben Linken, Sozialdemokraten und Künstlern auch etliche Theologen wie Eugen Drewermann, die Berliner Pfarrerin und DDR-Bürgerrechtlerin Ruth Misselwitz oder der methodistische Crottendorfer Prediger Andreas Demmler.

Wäre es nicht Frevel, den Atheisten Marx neben Luther zu stellen nach allem, was Marx-Jünger den Jüngern Jesu angetan haben? Marx hätte die Frage wohl nicht verstanden. Er war Sohn einer protestantischen Familie und Enkel eines Rabbiners. Bibelfest und Luther-fest war er auch. Den Reformator lobte er als »ältesten deutschen Nationalökonom«. Auch auf ihn baute er seine Kapitalismuskritik auf. »Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation«, schrieb der junge Marx.

Er selbst sah sich als den »neuen Luther«, so der australische Marx-Forscher Roland Boer. Denn schon der Reformator hatte die zerstörerische Wucht des ungezügelten Kapitals erkannt. »Es ist mancher, der meinet, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat«, so legte Luther das erste Gebot in seinem Großen Katechismus aus. »Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißet Mammon.«

Luther ging den damals aufkommenden Kapitalismus mit seinen Handels- und Bankgesellschaften hart an: Deren Geschäfte nannte er Diebstahl. Luther sah ein Kapital, das sich verselbständigte und mit Zins und Profitmaximierung Reichtum anhäufte – und Ausbeutung. »Wer einem andern seine Nahrung aufsaugt, raubt und stiehlt, der tut eben so großen Mord als der einen Hungers sterben lässt«, schreibt er in einer seiner Schriften gegen den Wucher. Schon biblische Propheten wie Amos hatten das so gesehen.

Was Marx an Luther schätzte: Dass er hinter die Dinge sah, verborgene Zusammenhänge enthüllte. Enthüllung heißt im biblischen Griechisch Apokalypse – und in diesem Sinne waren Luther wie Marx Apokalyptiker, schreibt der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Abraham Rotstein. Apokalyptiker reden von Verderben – und von Hoffnung. Dies erst verleiht ihren Gedanken Kraft. Luther wie Marx sagen die Aufhebung aller menschlichen Herrschaft voraus. Doch geschieht dies bei Luther durch die Auferstehung des Gekreuzigten und das Gottesreich – bei Marx geschieht es durch die Revolution und Kommunismus. Dazwischen liegen Welten.

In Chemnitz thront der Marx-Kopf noch immer. Zum Lutherjubiläum will die evangelische Kirche im früheren Karl-Marx-Stadt den Revolutionär mit dem Reformator ins Gespräch bringen. »Denn die ökonomische Frage ist noch immer nicht zur Zufriedenheit geklärt«, sagt der Chemnitzer Pfarrer Stephan Brenner, der das Projekt »Luther  &  Marx« zusammen mit dem Theater, der Universität und dem Studentenpfarrer der Stadt organisiert. Es wird Vorträge geben und zum 1. Mai ein Volksfest an der Johanniskirche. Die Posaunenmission wird »Wem Gott will rechte Gunst erweisen« spielen. Und ein Schalmeienorchester, die ­marxistische Variante der Posaunen, dasselbe Lied. Nur ohne Gott.

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7 Lesermeinungen zu Wie viel Luther steckt in Marx?
Britta schreibt:
01. Mai 2017, 13:03

Oh je, wie verzweifelt muß eine Kirche nach gesellschaftlicher Anerkennung hecheln, um Marx aus der Mottenkiste der Geschichte zu zerren und ausgerechnet in Zusammenhang mit dem großen Reformator zu bringen. Wer weiß, wie sehr sich Luther nach einem fachlich (biblisch) fundierten Streitgespräch zu seinen Thesen und ggf. auch eine biblisch fundierte Widerlegung gesehnt hat, dem muß das wie ein Hohn vorkommen. Denn bei Marx heißt es über andere Ansichten so: "Den politischen Gegner soll man ja nicht widerlegen, sondern vernichten." (Marx-Engels, Werke, 1961, I, S. 380) "Gewaltsamkeit und Terror sind legitime Mittel." (Marx-Engels, Werke 1959, 6, S. 505; 5, S. 457). Denkt man an Köln oder verschiedene Übergriffe auf unliebsame Politiker in den letzten Tagen, schließt sich der Kreis:
eine Kirche, die die nicht immer gewaltlosen Aktionen von Marx' Jüngern unterstützt... Soll der konstruierte Zusammenhang mit Luther dann eine Legitimation dieser Aktionen sein? Sage mir, mit wem du gehst und ich sage dir, wer du bist. In dem Falle ganz sicher nicht die Verkünderin des Evangeliums, der Leib Christi!
Wenn schon AntiFa-Kirche, dann aber bitte auch Marx' Ansichten zum Islam vertreten!

Nachtschwärmer schreibt:
02. Mai 2017, 1:11

Na, das will ich aber doch schwer hoffen, daß unsere Kirchen in einer antifaschistischen Haltung aufrecht gehen. Das sollte für ALLE Bürger dieses Landes eine Selbstverständlichkeit sein! Das Stuttgarter Schuldbekenntnis soll doch wohl nicht zum umsonst gewesen sein (so etwas war nach DDR-Zeiten im übrigen nicht notwendig!)?! Das Gegenteil wäre ja eine "Fa-"Kirche, und das hat unser Volk nun schon durch, Ergebnis hinlänglich bekannt.
Im übrigen hat nicht die Kirche Marx entdeckt (wie im ersten Kommentar-Satz fälschlich suggeriert wird), sondern die Linke Luther, wie auch hier zu lesen ist. Aber das ist wohl die bei Rechten jetzt üblich gewordene Art von "Fake-news". Na, da muß man halt widersprechen. Gern geschehen. Und mit dem Islam hat das alles nun schon mal gar nichts zu tun.

Tagarbeiter schreibt:
02. Mai 2017, 9:10

Nix wird suggeriert (fake-news): im nächsten SONNTAG-Artikel wird auf die Aktionen der ev. KIRCHE in Chemnitz im Zusammenhang mit Marx informiert.
Vielleicht ist in ein paar Jahren ein "Leipziger Schuldbekenntnis" vonnöten?! Wenn man bedenkt, wie die Kirche, anstatt sich um die frohe Botschaft zu kümmern, die Themen der oftmals gewalttätigen AntiFa propagiert und diese Aktionen sogar noch fördert, jüngstes Beispiel: die Bereitstellung des Grundstückes in Stuttgart für die Antifa seitens der Caritas (den Sicherheitscheck der Polizei unterlaufend), von wo aus dann mißliebige Oppsitionspolitiker aufgelauert und krankenhausreif geschlagen werden - solche Zeiten kennen wir aus den Gschichtsbüchern, und wer sich damit gemein macht, hat zumindest mit Jesus Christus nichts mehr am Hut. Und die angebliche Grundideologie der AntiFa ist eben nunmal der Marxismus, in trauter Übereinstimmung mit den o.g. Zitaten. Nur eben mit dem durch Kirche und AntiFa so geförderten Islam tat sich der alte Marx eben dann doch etwas schwerer - konsequenterweise sollte dies eben erwähnt werden.

Beobachter schreibt:
02. Mai 2017, 10:46

Liebe/r Tagarbeiter/in?
Gert Flessing hat Recht "Dreck färbt ab." Das werden Sie unserem lieben Leipziger Nachtarbeiter aber wohl kaum verklickern können. Wie wir ihn kennengelernt haben hat er , auch unter wechselnden Namen; sich immer wieder für "Bunte Bündnise" (auch mit Moselems) srtark gemacht. Dabei hat er sich nie gescheut, sich Seit an Seit mit Antifa (schlägertrupps) zu stellen!

Beobachter schreibt:
01. Mai 2017, 16:19

Na dann "Rot Front"
Geht's eigentlich noch?
Man kann "Kirche" absolut nicht mehr verstehen!

Beobachter schreibt:
01. Mai 2017, 16:48

Marx und Luther zusammen spannen zu wollen geht nicht! Marx vertrat Folgendes: *Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestaktion gegen, das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das "Opium des Volks". Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. *
Ein Nachfolger Jesu braucht auf die Meinung eines Atheisten und Feind Gottes nicht zu hören!

Gert Flessing schreibt:
02. Mai 2017, 9:19

Wer mich kennt, der weiß, das ich gewiss kein Marxist bin.
Schon gar nicht in dem Sinne, wie Marx in der dahingeschiedenen DDR (miss)verstanden wurde.
Aber ich halte Marx für einen scharfen Denker und einen Kritiker des kapitalistischen Systems, der wusste, was er damit kritisiert.
Luther hat die Frühform dessen, was wir später beklagen mussten und was uns, in der Finanzkrise tüchtig auf die Füße gefallen ist, durchaus erkannt uns ebenfalls kritisiert.
Auch die Religionskritik von Marx ist begründet. Er erlebte eine Religion, die sich gerade nicht für Gerechtigkeit einsetzte, sondern die Unterschiede zwischen den Menschen als gottgegeben ansah.
Wenn Religion aber diejenigen, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden, auf das Jenseits vertröstet, ist sie eine Art Betäubungsmittel und keineswegs das, was uns das Evangelium zu sagen weiß.
Das sich das Evangelium gleichwohl einer gesellschaftlichen Inanspruchnahme durch politische Kräfte entzieht, steht auf einem anderen Blatt.
Von daher kann es keinen Schulterschluss mit Gewalttätern geben. Ob die sich nun "Antifa" oder sonst wie nennen, ist dabei egal.
Dreck färbt ab.
Gert Flessing

Tageslosung

Nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit.

(Psalm 119,43)

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.

(1.Korinther 4,1-2)

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