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»Nicht wegducken«

Kirche und AfD: Das Verhältnis der rechten Partei zum Christlichen ist unklar. Doch auch die Kirche ist zwiegespalten. Es geht zunächst um das Verstehen.
Von Christian Feldmann
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Schnittmengen zwischen Rechten und Christen: Pegida-Demonstration mit Leuchtkreuz in Dresden. © Foto: Steffen Giersch

Zu den Christen und ihren kirchlichen Repräsentanten hat die »Alternative für Deutschland« (AfD) ein merkwürdiges Verhältnis: Seit ihren Anfängen beschwört sie das »christliche Abendland« (ohne viel Sinn für dessen dynamische, Fremdeinflüssen gegenüber stets offene Kultur), um die eigenen Leute als tapfere Kreuzzügler gegen den (ebenfalls auf ein Zerrbild zurechtgestutzten) Islam zu präsentieren. Gleichzeitig höhnen die AfD und ihre Hilfstruppen à la Pegida verächtlich über das Engagement von Christen und Bischöfen für die Geflüchteten.

Ab und zu lassen sie allerdings die Katze aus dem Sack: Nein, die AfD sei keine christliche Partei, stellte deren Spitzenmann Alexander Gauland mehrfach klar, man verteidige »nicht das Christentum, sondern das traditionelle Lebensgefühl in Deutschland«. Gelassene Beobachter verweisen darauf, dass Gauland damit so ziemlich im Mainstream liegt. Eine breite Mehrheit der Kirchenmitglieder in Deutschland sei ebenfalls kaum mehr an klaren christlichen Bekenntnissen und biblischen Glaubensaussagen interessiert, sondern an einer vagen Leitkultur mit Bräuchen, Weihnachtsgottesdiensten und Beerdigungsriten.

Sieht man genauer hin, bilden die Parolen und Zielvorstellungen der AfD freilich das exakte Gegenprogramm zu allem, was kernchristlich ist: Hass, Fremdenhass, Rassismus, Antisemitismus, Verharmlosung der Nazi-Verbrechen. Und das weiß die Partei auch: Als der katholische Bischof von Erfurt 2016 die Dombeleuchtung ausschalten ließ, um Björn Höcke keine festliche Kulisse bei einer Wahlveranstaltung zu liefern, drohte man ihm, »die Pfaffen mit Mistgabeln und Fackeln aus den Kirchen zu jagen«.

»AfD und Religion«, das ist durchaus ein Thema: Laut Institut Allensbach bevorzugten im Juni 2016 zwar nur sechs Prozent der Protestanten und zehn Prozent der Katholiken die Rechtsaußenpartei – gegenüber 18 Prozent bei den Konfessionslosen. Doch es gibt beunruhigende Überschneidungen in den Denkmustern. Rechte Christ­en und politische Agitatoren teilen die Sehnsucht nach klaren Autoritäten, die Skepsis gegenüber einer zu freizügigen Demokratie, die Angst vor der Zerstörung der heilen Familie durch die schaudernd so genannte »Homo-Lobby« und die Attacken einer modischen »Gender-Ideologie«, die Furcht vor der »Abschaffung Deutschlands« durch den ungebremsten Zustrom von Bürgerkriegsopfern und Wirtschaftsflüchtlingen. Vor allem im Südwesten der Republik findet man solche Einstellungen in einem bürgerlich-konservativen, bisweilen kirchennahen Milieu, während im Osten eher massiv völkisch-fremdenfeindliche Parolen zu hören sind.

Zu menschenverachtenden Ideologien darf man nicht schweigen, darin sind sich die Autoren des Buches »AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion?« einig – vor allem wenn die Hassbotschaften in einem christlichen Gewand auftreten. Sie zitieren Kardinal Reinhard Marx, der 2015 unmissverständlich erklärte: »Unsere christliche Identität wäre in Gefahr, wenn wir den Flüchtlingen nicht helfen. (...) Christliche Identität bedeutet als Erstes, dem Nächsten begegnen, der schwach ist. Sonst habe ich irgendetwas falsch verstanden im Evangelium.«

Aber auch das macht das Buch klar: Es hilft wenig, die AfD-ler und Pegidianer in Bausch und Bogen als Nazis abzutun, mit denen sich anständige Leute nicht gemein machen dürfen – und sich so das Zuhören, Begreifen, vielleicht sogar Verstehen genauso zu ersparen wie das mühsame Argumentieren. Am Anfang der Einkapselung und Radikalisierung stehen oft persönliche Enttäuschungen, lähmende Ängste, das Gefühl, mit den eigenen Problemen allein gelassen zu werden. Fremde werden als Bedrohung und Konkurrenz wahrgenommen.

Die aufgeklärten »Gutmenschen« reagieren darauf nicht selten genervt und überheblich. Aber man muss reden, reden, reden, geduldig und um Himmels willen nicht oberlehrerhaft.

Das AfD-Handbuch der Juristin und SPIEGEL-Redakteurin Melanie Amann empfiehlt sich als faktenreiche Ergänzung in solchen Gesprächen. Die best­ens informierte Journalistin erzählt die Geschichte all der Angstbotschaften und Abgrenzungsstrategien von Sarrazin und Lucke bis zu Gauland und Höcke. Sie zitiert nicht nur provozierende Aufreger, sondern auch gründlich erarbeitete Programme, und sie gibt durchdachte Ratschläge, wie man mit den rechten Ultras umgehen sollte: »Nicht wegducken. Keine falschen Vorwürfe. Nicht die Nerven verlieren. Nicht kopieren. Schritt halten.«

Stefan Orth; Volker Resing (Hg.): AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion? Herder 2017, 203 S., 16,99 Euro.

Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert. Droemer 2017, 317 S., 16,99 Euro.

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16 Lesermeinungen zu »Nicht wegducken«
Beobachter schreibt:
11. Januar 2018, 13:48

Resümee : Nicht lesenswert!

Marcel Schneider schreibt:
11. Januar 2018, 20:20

Wundert mich nicht: wenn Sie den Artikel lesen und verstehen würden, müssten Sie Ihr ganzes Weltbild verleugnen.

Beobachter schreibt:
12. Januar 2018, 12:06

Sie oder ich?

L. Schuster schreibt:
12. Januar 2018, 12:36

"Ihr Weltbild verleugnen" - tut das nicht das vor allen unsere EKD. Vielleicht weil der Glaube an das Spirituelle verloren gegangen ist hechelt man der Politik und den Medien nach.

Gert Flessing schreibt:
12. Januar 2018, 9:57

Die AfD ist keine christliche Partei. Sie ist es so wenig, wie es die CDU ist. Die Rede vom "christlichen Abendland" ist ebenso eine Floskel, wie die vielberufene Gerechtigkeit und ähnliche Slogans der Politik.
Christen finden wir hingegen in allen Parteien.
So sollte es auch sein. Jesus meinte, wir sollten salz der Erde sein. also haben wir nichts zu dominieren, aber überall etwas einzubringen.
In der AfD vielleicht gerade bewusst eine besondere Aufgabe, um rassistische und antisemitische Erscheinungen zu bekämpfen.
Von daher wäre es an uns, als Kirche, die Menschen, die sich in den Parteien engagieren, nicht zu verdächtigen und zu verteufeln, sondern zu stärken, damit sie Kraft finden, im sinne Jesu, zu wirken.
Nicht wegducken bedeutet für mich, dort, wo ich bin, Christ zu sein und damit etwas zum guten zu bewegen.
Mehr noch: Christen könnten, wenn sie sich eben als Christen und nicht als Ideologen verstehen, das element in der politischen Landschaft sein, das es Parteien ermöglicht, miteinander zu reden und nicht engstirnig aufeinander zu schlagen.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
12. Januar 2018, 12:41

LIeber Gert, das schreibe mal den meisten Deiner (ehemaligen) Vorgesetzten ins Poesiealbum!

Johannes schreibt:
18. Januar 2018, 18:00

Lieber Herr Flessing,
" Christen könnten, wenn sie sich eben als Christen verstehen, das Element in der politischen Landschaft sein, dass es Parteien ermöglicht, miteinander zu reden und nicht engstirnig aufeinander zu schlagen." Das gefällt mir sehr gut und ich bin froh, dass es im heutigen Papiersonntag eine Ergänzung gefunden hat. (Ich zitiere, weil es im Sonntag online nicht steht:)
Bischof zu Islam im LVZ-Interview Leipzig (epd) – Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing sieht die Kirche in der gesellschaftlichen Debatte über Themen wie den Islam vor neuen Aufgaben. Die Kirche müsse als Moderator verschiedener Standpunkte wahrnehmbar sein und den Menschen Ängste nehmen, sagte er der »Leipziger Volkszeitung« . Dagegen sei es nicht das »Ziel, Menschen zu stigmatisieren«, erklärte er mit Blick auf Islamkritiker und AfD­Wähler. Damit schlage man die Tür für mögliche Gespräche von vornherein zu. Im Umgang mit dem Islam plädierte der Landesbischof »für einen Dialog auf Augenhöhe«. »Hier wird Kirche auch mehr als bisher gefordert sein«, sagte Rentzing. Die Kirche habe einen Gesprächs­ und Friedensauftrag, zum Beispiel im Austausch mit muslimischen Verbänden. - Gut, dass das Dr. Rentzing so deutlich sagt. Wir versuchen den Dialog auf Augenhöhe in Leipzig seit Jahren, wurden dafür oft misstrauisch beäugt und im Forum gar des Verrates an dem Christus und Seiner Kirche bezichtigt. - Gut, dass das unser Landesbischof anders sieht!
Mit freundlichem Gruß
Johannes Lehnert

Beobachter schreibt:
18. Januar 2018, 22:36

"Dagegen sei es nicht das »Ziel, Menschen zu stigmatisieren«, erklärte er mit Blick auf Islamkritiker und AfD­Wähler."
Gut, das wenigstens der sächsische Landesbischof so deutlich ausspricht! Leider tun aber die meisten "KIrchenfunktionäre" und "Politiker" aber das genau immer noch!

Johannes schreibt:
22. Januar 2018, 22:22

Da ist aber ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen; so heißt es vollständig:
" Die Kirche müsse als Moderator verschiedener Standpunkte wahrnehmbar sein und den Menschen Ängste nehmen, sagte er der »Leipziger Volkszeitung« . Dagegen sei es nicht das »Ziel, Menschen zu stigmatisieren«, erklärte er mit Blick auf Islamkritiker und AfD­Wähler."
Und so gelesen, ist es durchaus zweideutig: Werden die 'Islamkritiker und AfDWähler' ermahnt oder geschützt? Sind sie Opfer oder Täter? Beides lässt nämlich die Formulierung "mit Blick auf" zu. Also was spricht der sächsische Landesbischof so deutlich aus? Meines Erachtens ergreift er nicht Partei, sondern kritisiert die Haltung der Stigmatisierung, ganz gleich, gegen wen sie sich richtet.
- Die einen sehen es so, die andern sehen es anders. -

Beobachter schreibt:
23. Januar 2018, 8:42

Auch wenn es Unsinn ist, haben Sie natürlich das Recht, Ihre linksrote Ideologie auch da hineinzuinterpretieren. Jeder, der Rentzing als vernünftigen Menschen einschätzt und kennengelernt hat, weiß doch seine (oft vorsichtigen und diplomatischen Äußerungen) richtig einzuschätzen.
Zumindest hat doch ganz sicher seine Äußerung in beide Richtungen getätigt, währensd Sie und die meisten "Kirchenfürsten" und Politiker samt Medien immer nur in eine Richtung agieren!

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