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Helden-Geschichte

9. Oktober 1989: Über die Deutung des Herbstes 1989 ist ein Streit entbrannt. Wer hatte daran welchen Anteil? Doch erinnert werden sollte auch an manche unerfüllte Forderung.
Von Stefan Seidel
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© dpa Report

Reichlich unfriedlich geht es seit einigen Wochen in den Debatte über die Deutung der Friedlichen Revolution vor 30 Jahren zu. Die Einladung Gregor Gysis als Festredner zum 9. Oktober in die Leipziger Peterskirche erhitzt ebenso die Gemüter wie die Deutung des Soziologen Detlef Pollack, dass diese Revolution mehr als ein »Aufstand der Normalbürger« denn als einer der Bürgerrechtler zu verstehen ist. Fraglos allerdings dürfte sein, dass der 9. Oktober eine Entscheidung brachte.

Erst mit der Demonstration am 9. Oktober in Leipzig, zu der sich erstmals weit über 70 000 Bürger auf die Straßen trauten, sei dem Historiker Martin Jankowski zufolge eine Situation eingetreten, die aus Sicht der SED-Machthaber nicht mehr mit den bewährten Mitteln zu handhaben war: Die schiere Masse der Demonstranten – und natürlich deren Friedlichkeit – hätten alle Zerschlagungsszenarien verunmöglicht. Jankowski schreibt: »Nach dem 9. Oktober konnten sich in der Hoffnung auf einen gewaltfreien Verlauf regelmäßige Demonstrationen auf das ganze Land ausdehnen.« Der entscheidende Punkt der Revolution war wohl: Die massenhafte physische Präsenz der Bürger auf den Straßen – und natürlich die vorangegangenen Ausreisewellen gen Westen. Dass die Masse der Bürger diese Revolution in die Hand genommen hat, brachte wohl die Entscheidung. Jankowski zufolge war die Leipziger Polizei am 9. Oktober 1989 nur auf 480 Verhaftungen vorbereitet gewesen. Man rechnete offenbar nicht mit dem sprunghaften Ansteigen der bis dato üblichen Proteste. Daher lautete die polizeiliche Maßgabe für diesen Tag: »Das Ziel des Einsatzes besteht in der Auflösung rechtswidriger Menschenansammlungen und … in der dauerhaften Zerschlagung gegnerischer Gruppierungen sowie der Festnahme der Rädelsführer.« Dass es dazu nicht kam, scheint allein der unerwarteten Masse an Demonstranten geschuldet, die es am 9. Oktober wagte, auf die Straße zu gehen – und allein kraft ihrer puren Präsenz die Einsatzkräfte zum Rückzug drängten. Die Pläne zur Abspaltung, Einkesselung und Abdrängung der Demonstranten in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofes erwiesen sich laut Einsatzprotokoll als undurchführbar. Polizeichef Straßenburg bilanzierte: »Mit diesen Massen hat keiner gerechnet.«

Es seien also nicht Einzelpersonen oder einzelne Aktionen verantwortlich für die geglückte Revolution des 9. Oktober, schlussfolgert Martin Jankowski: »Ursache für den geglückten Ausgang der Demonstration am 9. Oktober war allein die hohe Anzahl entschlossener Demonstranten und ihr konsequent friedliches Auftreten.« Und bezüglich der kirchlichen Beteiligung schreibt er: »Wohl waren die christlichen Basisgruppen und das Vorhandensein kirchlicher Freiräume Voraussetzungen für den Aufstand von 1989; die Entscheidungen jedoch fanden auf der Straße statt.«

Doch auch an den weiteren Verlauf sollte erinnert werden. Denn bald gab es eine Differenz zwischen vielen Kirchenleuten und der Mehrheit der Demonstranten, die vor allem die deutsche Einheit forderten. Am 4. Dezember heißt es in einer Ansprache zum Friedensgebet in der Nikolaikirche: »Vergessen wir nicht bei aller Freude über unsere neuen Möglichkeiten der Reisefreiheit, des Zugangs zum westlichen Markt, unser altes, so korrumpiertes Ideal einer gerechten Gesellschaft, dass dieses Ideal nicht durch das Ideal verdrängt wird, das die Banane symbolisiert.«

Doch diese Mahnungen erreichten die meisten nicht mehr. Die Massen gingen ihren Weg wieder ohne die kirchlichen und oppositionellen Kräfte. Der kurze »herbstliche Frühling« einer gemeinsamen revolutionären Bewegung war bereits wenige Wochen nach dem entscheidenden Wendepunkt vorbei.

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