»Hebt eure Häupter«

Vorbereitung: Advent – das Erwarten einer Ankunft – hat etwas von einer Reise. Doch geht es um Gottes Ankunft in meinem Leben? Oder um meine Reise zu Gott? Zu Christus? Gedanken über die Bedeutung des Advents.
Von Eberhard Schwarz
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Stern Kirche Herrnhuter
© epd-bild/Matthias Rietschel

Praeparatio adventus Domini« – die »Vorbereitung der Ankunft des Herrn«: so heißt »Advent« bei dem karolingischen Bischof Amalarius von Metz um das Jahr 800. Er bezeichnet damit die Fa­stenzeit vor Weihnachten und Epiphanias.

Wer sich einlässt auf diese Kirchenjahreszeit, auf die liturgischen Texte, auf die Ordnung der Lesungen, begegnet darin zuerst einer seltsamen Schar von Menschen: Propheten, die »Siehe!« rufen und: »Höre!« und: »Hebt eure Häupter!«; Mahnern, allen voran der asketischen Figur Johannes des Täufers am Jordan, die zur »Metanoia« (griechisch für Sinnes- und Lebensänderung) bewegen.

Es sind nicht die himmlischen Heerscharen, wie sie uns in den Weihnachtserzählungen begegnen. Es sind irdische, manchmal schroffe, oft armselige Gestalten, in denen sich Großes ankündigt: Maria, eine schwangere junge Frau. Wir spüren eine Zeitenwende. Und es sind doch erdnahe Momente, kantige Geschichten, einfache Szenen, in denen sich Gottes Ankunft ankündigt. Alles in ihnen atmet nicht nur Krise und Unterbrechung, sondern viel mehr noch Aufbruch und Anfang.

Wie begegnet man Gott im Advent? Der Gott der Bibel sei, so der Wiener Theologieprofessor Ulrich Körtner, kein Gott im futurum, sondern ein Gott mit »adventus« als Seinsbeschaffenheit. Gottes Wesen ist der Advent: sein Hereinkommen in diese Welt – und darin die Erfahrung einer neuen Zukunft inmitten aller Zukunftslosigkeit. Dietrich Bonhoeffer nennt das »Gottes tiefe Diesseitigkeit«. Der Advent führt uns an Anfänge. Er führt uns an Gottes Anfänge mit uns; er führt auch an unsere eigenen Anfänge. Nicht umsonst ist der Advent der Beginn des Kirchenjahres.

Da ist, wie gesagt, Johannes der Täufer. Diese prophetische Gestalt begegnet den Menschen am Jordan. Krise, Gericht und Strafe liegen in der Luft. Aber auch ein Neues. Und ein Hauch jenes ersten Anfangs, den Gott mit dem Menschen macht.

Wer genau hinsieht, entdeckt, dass die Menschen sich beim Täufer am Jordan sammeln, also an dem Ort, an dem aus dem Wüstenvolk eine sesshafte Gesellschaft wurde. Es wird an die Anfänge Israels erinnert. Diese Wüstenexistenz in aller Mühsal war aber nichts Bedrohliches. Sondern es war die Zeit, in der in den Erzählungen und Überlieferungen Israels Gott am unmittelbarsten, am deutlichsten, am kritischsten mit den Menschen unterwegs war. Eine Zeit voller Wunder und Überraschungen. Die Lebendigkeit unserer Gottesbeziehung wird hier zum Thema. Dorthin, an die Anfänge werden die Menschen geführt.

Johannes erinnert darüber hinaus zugleich an die Urkrise des Menschseins am Beginn der Schöpfung, an den Sündenfall. »Otterngezücht« – so Martin Luthers Übersetzung – nennt Johannes der Täufer die Menschen. Und er meint damit uns, die Erben und Nachkommen der Schlange, die das Paradies verloren haben, weil sie um gut und böse wissen. An diesen Ort führt uns der Advent. Und Johannes sagt: Klärt euer Leben. Werdet wahr, reinigt euch. Sucht Gerechtigkeit. Lasst euch taufen. Bleibt nicht die Gefangenen und die Eingesponnenen eurer Geschichten. Seid bereit für eine Begegnung.

Ja, Advent hat etwas von einer Reise. Wer reist zu wem? Ist es Gottes Ankunft in meinem Leben? Oder meine Reise zu Gott? Die Richtung ist irgendwie offen. Sicher ist: Advent ist deshalb weniger die Einladung zur Besinnung als eine Einladung zum Aufbruch. Seid bereit!

In den römischen Katakomben kann man auf Malereien die Gebetshaltung der frühen Christinnen und Christen betrachten: Es sind ausgestreckte Arme, weit geöffnete Augen, eine Körperhaltung, bereit aufzustehen, zu gehen: gespannte Erwartung zu der Reise ins Neue meines Lebens.

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