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Kirche auf Abstand

Kirche und Corona: Auf Bitten des Landeskirchenamtes haben Gemeinden ihre Gottesdienste und Veranstaltungen abgesagt. Wie das Corona-Virus das Leben der sächsischen Christen verändert.
Uwe Naumann
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Dresden-Bühlau, Kirche, Absage, Gottesdienst
Gottesdienste abgesagt: Nur einzelne Christen waren am Sonntagmorgen in der St.-Martinskirche in Dresden-Bühlau. Fast alle Gemeinden hatten ihre Gottesdienste wegen des Corona-Virus kurzfristig abgesagt. © Tomas Gärtner

Es ist Sonntagvormittag und der Frühling bricht sich Bahn. Der Sonnenschein lockt viele Menschen nach draußen – und überblendet den Krisenzustand. Alles scheint wie immer, auch in Leipzig. In den Cafés sitzen Leute, andere gehen zur Kirche – aber es sind viel weniger als sonst. Die Glocken der Kirchen rufen zum Gebet – aber Gottesdienste finden nicht statt. Der Küster der Nikolaikirche schließt 10 Uhr die Kirchentür – mit Gummihandschuhen. In den Kirchenbänken sitzen die wenigen Menschen vereinzelt. Es ist die unsichtbare Gefahr, die Menschen zermürbt, verunsichert und krank macht, obwohl sie noch nicht vom neuartigen Corona-Virus befallen sind.

»Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn«, beginnt Superintendent Martin Henker die kurze, andächtige Zeit. »Der Himmel und Erde gemacht hat«, antwortet leise die Gemeinde. »In Zeiten wie diesen bekommt dieser Spruch eine ganz andere Dimension«, sagt Henker. Der Kirchenvorstand habe auf die »dringende Bitte« aus dem Landeskirchenamt reagiert und die Gottesdienste für zwei Wochenenden abgesagt – wie auch alle anderen Veranstaltungen der Kirchgemeinde, auch das Friedensgebet. »Wir machen jetzt die Erfahrung, es ist nicht Lebensqualität, immer alles, sofort und unmittelbar zu haben«, sagt der Superintendent. »Wir müssen neu sortieren. Was trägt mein Leben? Und wir sind aufgefordert, achtsam miteinander zu leben.«

Das versucht auch Carola Busse. Trotzdem ist die 86-Jährige heute in ihrer Nikolaikirche. »Ich bin froh, dass es wenigstens eine Andacht und eine Fürbitte gibt«, sagt sie, freut sich über das Gespräch und beginnt, aus ihrem langen Leben zu erzählen. Im Krieg habe sie so eine Situation nicht erlebt, meint sie. Vor neun Jahren sei sie aus Ostwestfalen nach Leipzig gezogen, wo ihr jüngster Sohn wohnt. Traurig mache sie, dass der Kirchenchor sich jetzt nicht mehr treffen kann. Dabei singt sie seit ihrer Konfirmation im Chor. »Ich brauche die Gemeinschaft«, sagt sie mit bittenden Händen. Was ihr hilft? »Dass ich beten kann.«

Nachdem alle Gäste die Kirche verlassen haben, sind die Mitarbeiter unsicher, ob sich die Kirchentür nun dauerhaft schließt. »Nikolaikirche – offen für alle«, steht doch vor der Stadtkirche geschrieben. Doch täglich werden die Maßnahmen wegen der Virus-Epidemie verschärft. Später entscheidet der Kirchenvorstand, dass die Kirche »bis auf wenige Zeitfenster« geschlossen bleibt. Bis einschließlich Gründonnerstag ist alles abgesagt.

In der benachbarten Universitätskirche St. Pauli sind alle Stühle leer. Den wenigen Gästen, die trotz der Absage aller Veranstaltungen gekommen sind, erklärt der frühere Universitätsprediger Rüdiger Lux die Situation. Eine ältere Frau aus Leipzig-Gohlis tritt an Lux heran. Sie bedauert die Absage des Gottesdienstes, weil sie ein Fan von Lux sei, wie sie bekennt. »Ist das jetzt die Endzeit«, fragt sie den Theologen. »Nein, das ist sie nicht«, antwortet er. »Belastend ist aber die Unsicherheit, wie lange das so gehen soll«, sagt der 72-Jährige. Um sich selbst habe er keine Angst. Aber etwa um die Menschen in Pflegeheimen. Lux hat dort selbst noch Andachten gehalten – doch das ist jetzt vorbei, aus Schutz vor Ansteckung der stark gefährdeten Heimbewohner. »Für die Universitätsgottesdienste überlegen wir, ob wir sie vielleicht streamen«, blickt der Ruheständler nach vorn.

Diese Möglichkeit, eine Gottesdienstfeier unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu filmen und im Internet zu übertragen, ziehen derzeit viele Gemeinden in Betracht. »Uns steckt noch das unmittelbare Erleben beim Gottesdienst drin«, sagt Lux. »Aber die Jüngeren«, meint er, »die kennen und sehen das schon anders.« Und nur wenig entfernt wird das zur gleichen Zeit schon umgesetzt: Sowohl aus der Leipziger Jugendkirche »PAX« als auch aus der katholischen Propsteikirche werden Internet-Gottesdienste gesendet. Krise heißt eben nicht Abbruch, sondern nur Veränderung.

PDF Sonntag 15-2020

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