Von guten Mächten geborgen

Corona: In diesen Zeiten der Bedrängnis steht der Glaube neu auf dem Prüfstand. Wie kann man sich heute von guten Mächten geborgen fühlen?
Von Stefan Seidel
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© Foto: John Smith stock.adobe.com

Auch wenn schrittweise etwas Normalität zurückkehrt, bleibt die Corona-Krise die große Herausforderung dieser Zeit. Selten zuvor hat es in den letzten Jahrzehnten eine derartige Bedrohung gegeben. Und das ist auch eine Zeit der Glaubensprüfung. Die Sache mit Gott erlebt eine neue Nagelprobe. Aus abstrakten Überlegungen über die Güte oder das Mitsein Gottes wird plötzlich eine höchstkonkrete Angelegenheit: Entweder trägt dieser Glaube jetzt in der Krise oder er erweist sich als dünnes Blatt, das bei diesem coronischen Windstoß vom Zweig geweht wird.

Dabei gilt es, wirklich in Anspruch zu nehmen, was der Glaubenszeuge Dietrich Bonhoeffer in der Gefängniszelle 1944 so ausdrücken konnte: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.« Doch: wie kann man sich von diesen guten Mächten wunderbar geborgen fühlen, wenn allüberall der »unsichtbare Feind« namens Covid-19 um einen ist?

Es müsste die tiefe Übereignung des eigenen Lebens an Christus vollzogen werden: »Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln« (Römer 6,3f.). Nichts Geringeres bedeutet dieses Sein-in-Christus als dass bereits jetzt eine Anteilhaftigkeit am neuen Sein bei Gott gegeben ist und einen also nichts mehr scheiden kann von der Liebe Gottes – weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten (Römer 8,38f.).

Doch diese Rettung ist geschehen auf Hoffnung hin. Noch gilt es, die irdisch-himmlische Doppelexistenz in Christus auf das Ziel hin durchzuhalten und als Wirklichkeit zu glauben – oft gegen den Augenschein der vorfindlichen Realität. Diese hieß bei Jesus: Ausgeliefertsein an die römische Gewaltherrschaft. Bei Bonhoeffer: Ausgeliefertsein an die Gestapo. Bei uns heute: Ausgeliefertsein an Corona. All diese Kräfte erscheinen allmächtig – und der ausgelieferte Einzelne ihnen gegenüber mehr oder weniger ohnmächtig. Man könnte mit seiner Angst ins Bodenlose stürzen. Oder sich ganz in Gott hineinstürzen.

Wie Jesus, der in Gethsemane betete: »Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst« (Markus 14,36). Oder wie Bonhoeffer, der in der Gestapo-Zelle betete: »Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil für das du uns bereitet hast.« Oder wie der Theologe Pierre Stutz, der vor einigen Tagen betete: »Schwere kann mich bewohnen/schon beim Erwachen/mich mit Angst umhüllen/die mich vom Vertrauen entfernt//Trotzdem stehe ich jeden Morgen auf/in der hoffenden Achtsamkeit/mich nicht auf meine Schwere zu reduzieren/weil ich mehr bin als meine Ohnmacht//(…) Trotzdem stehe ich jeden Morgen hinein/in den unaufhaltsamen Segenskreis/der mich und andere zerbrechlich-kraftvoll/zum Segen werden lässt für eine zärtlichere Welt«

Am Schaufenster eines wegen der Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung geschlossenen Cafés in Leipzig steht in großen Lettern: »Gesundheit, Liebe, Hoffnung.« Die Christen sollten in diesen Tagen an den ursprünglichen Dreiklang der Bibel erinnern: »Glaube, Liebe, Hoffnung«. Auch wenn die Gesundheit für viele den Rang des höchsten Werts erlangt hat, ist es doch der Glaube, das Gehaltensein in der Tiefe, der wirklich trägt – gerade dann, wenn eigene Möglichkeiten aus der Hand geschlagen scheinen. Und wie lässt sich der Glaube näher beschreiben? »Eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht« (Hebräer 11,1) – eben dass wir in Christus von guten Mächten wunderbar geborgen sind, was auch kommen mag.

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