Umkehr zum Leben

Auswege: Die Corona-Krise offenbart viele gegenwärtige Probleme der Menschheit. Eine einfache Rückkehr zur Lebensweise vor der Krise ist nicht ratsam. Vielmehr sollten jetzt die richtigen Lehren gezogen werden.
Von Stefan Seidel
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Wenn sich die Schockstarre der Akut-Bedrohung durch das Coronavirus langsam löst, wird der Blick frei für die Lehren aus dieser Krise. In verschiedenen Bereichen zeichnet sich eine notwendige Umkehr ab.

Ökonomische Umkehr: Es hat sich gezeigt, dass das jahrelang vorherrschende Leitbild neoliberalen Wirtschaftens nicht zukunftsfähig ist. Dieses auf der Totalisierung der Marktgesetze basierende System mit den obersten Zielen Gewinnmaximierung und Wachstum, Privatisierung und Sozialabbau hat aus dieser Welt eine Raubtierhöhle gemacht und viele Menschen sowie die Erde in existenzielle Nöte gestürzt. In der Corona-Krise zeigt sich hingegen, worauf es wirklich ankommt: Solidarität und Kooperation. Nur das unbedingte Zusammenhalten rettet und hilft, nicht aber ein auf Egozentrik und Konkurrenz getrimmtes Leben und Wirtschaften. In Zeiten des Virus können nur gegenseitige Rücksichtnahme und ein funktionsfähiges Gesundheitssystem retten. So ist eine erste Lehre, dass die Gesundheitsversorgung nicht der Profitlogik unterworfen, also möglichst nicht privatisiert und gekürzt werden sollte. Auch auf anderen Gebieten sollten ernsthaft Alternativen zur »gewinnorientierten Verwaltung der Welt« (J.-L. Nancy) gesucht werden. Vielleicht verwandelt die solidarische Bewältigung der Corona-Krise unsere Gesellschaft und stärkt ein Zusammenleben, das von gegenseitiger Fürsorge statt gnadenloser Konkurrenz geprägt ist.

Ökologische Umkehr: Ähnliche Lernprozesse stehen im ökologischen Bereich an. Corona zeigt, dass wir Menschen unausweichlich miteinander verwoben sind. In Erweiterung dieser Erfahrung sollte erkannt werden, dass wir auch mit dem Ökosystem Erde gleichsam in einer Infektionskette stehen – ihr Schaden ist unser Schaden. Es gibt kein Leben und keine Zukunft ohne die Erde. Doch sie ist durch Menschenhand von einer todbringenden Pandemie befallen: dem Projekt ihrer totalen Ausbeutung. Die Heilmittel dieser Krise sind im Unterschied zum Corona-Impfstoff schon bekannt. Sie heißen: Abkehr von der Wachstumslogik, Hinkehr zu Nachhaltigkeit, Schonung, Konsum-Reduzierung, Wiederaufforstung, Klimaneutralität.

Die zurückliegenden Wochen haben gezeigt, wie viel Hast und Hetze üblicherweise herrschen. »Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht«, schreibt die Mystikerin Madeleine Delbrêl. Und: »Wir haben vergessen, dass es in deinen Armen, Gott, getanzt sein will.« Die Frage der Stunde heißt: Wie finden wir wieder Maß und Mitte, ein inneres und globales Gleichgewicht? Was brauchen wir wirklich?

Ethisch-theologische Umkehr: Wenn Wolfgang Schäuble den Schutz des Lebens nicht mehr als absoluten Wert ansieht, indem er sagt: »Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz des Lebens zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig«, dann müssen die Kirchen widersprechen. Sie müssen daran erinnern, dass das Leben eine Gabe Gottes und somit heilig ist. Selbstverständlich ist es endlich, verletzlich und gefährdet. Doch das ändert nichts an seinem absoluten Wert. Sicher muss ein bewusster Umgang mit dem Sterbenmüssen erlernt werden. Doch gleichzeitig gilt es von christlicher Seite, den absoluten Wert des Lebens zu verteidigen, für eine Ehrfurcht vor dem Leben einzutreten und den glimmenden Docht nicht auszulöschen.

Die Kirche sollte in diesem Zusammenhang darüber nachdenken, ob durch das Drängen auf Wiederaufnahme von Gottesdiensten der Grundwert des absoluten Schutzes einzelnen Lebens preisgegeben wurde. Denn die Möglichkeit einer Erhöhung der Infektionsrate wurde faktisch in Kauf genommen und dem Recht auf Religionsausübung untergeordnet.

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