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Leben mit Blick auf Ewigkeit

Johannistag: Auf der Höhe des Jahres, mitten im Leben sollen wir uns unserer Endlichkeit bewusst werden. Doch wie kann die Angst vor dem Tod und dem Unbekannten bewältigt werden?
Von Stefan Seidel
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Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen«, heißt es in einem alten Kirchenlied. Davon haben wir in diesem Jahr eine gewisse Vorstellung bekommen, da das unbekannte Coronavirus umgeht und nach diesem und jenem greift. Das, was mit viel Aufwand verdrängt und beiseite geschoben wurde, tritt plötzlich ungeschminkt zum Vorschein: dass wir unseres Lebens nicht sicher sind, verletzliche und bedrohte Wesen sind und sterben müssen. Wenn wir uns zum Johannistag auf den Friedhöfen versammeln und inmitten der aufgeblühten Natur des Todes gedenken, dann ist das ein erster Schritt zur Bewältigung der großen Menschenangst vor dem Tod: Man weicht nicht aus, sondern stellt sich ihm. Die Akzeptanz eines Problems, so heißt eine psychologische Weisheit, ist der Anfang seiner Überwindung. So schauen wir auf die Gräber und Kreuze, die Abschiede und Verluste – und zugleich durch sie hindurch. Denn die vielen Kreuze der Gegangenen und unser eigenes Kreuz sind eingezeichnet in dem einen Kreuz Jesu Christi – und darin überwunden. Der Ostermorgen, an den am Johannistag vielerorts die Posaunen auf den Friedhöfen erinnern, gilt uns: Wir sind mit Christus begraben und auferweckt (Römer 6). Wenn der Blick so tief und so weit gehen kann, wenn das Leben in Perspektive Ewigkeit gelebt werden kann, sollte sich die Angst verwandeln in Zuversicht.

Doch dieser Blick auf den Horizont des rettenden Gottes kann abhanden kommen. Da geht der Blick wie beim Gang über eine hochalpine Hängebrücke doch nach unten und nicht – wie empfohlen – nach vorn oder nach oben. Und der Schwindel regt sich, Panik steigt auf. Stürzen wir nicht doch ins Nichts, sind wir letztlich doch nicht gehalten? Der dänische Theologe und Religionsphilosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) hat diese Grundangst meisterhaft analysiert. Für ihn verursacht die Freiheit des Menschen nicht nur die Fähigkeit zum Ergreifen großer Möglichkeiten, sondern auch das »Schwindelgefühl« der Angst. Der Mensch ist gewissermaßen wie ein Gebirgswanderer: Da ist die wunderbare Freiheit des Wandelns in der Höhe, aber auch der mögliche Blick in den Abgrund. »Man kann die Angst mit einem Schwindel vergleichen. Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen muss, dem wird schwindlig«, schreibt er.

Das ist die Größe und das Elend des Menschen, dass er im Geiste auf weite Welten ausgreifen kann, und gleichzeitig mit dem Wissen des eigenen Endes am Abgrund entlang wandelt. Es ist beides im Menschen, so Kierkegaard: die Angst und die Enge des Irdischseins und die Freiheit und Weite des Ewigseins. Erlösung findet der Mensch, wenn er »Ja« sagt zu seinem Ewigkeitsanteil und den Sprung des Glaubens in die Arme Gottes wagt. Das reißt den Blick nach oben und überwindet den Schwindel. Es ist eben beides wahr: Das »Angsthaben in der Welt« (Johannes 16) und der Satz: »Gott hat die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt« (Kohelet 3). Es ginge darum, schon im Hier und Jetzt auszugreifen auf das erlöste Ewigsein, zu dem Gott uns berufen hat und das in Christus »schon jetzt und noch nicht« Wirklichkeit geworden ist.

Es käme also alles darauf an, den Horizont zu klären und fest auf Christus zu blicken, der zugesagt hat: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Und mit ihm auch wir. Es geht darum – mitten im Leben, mitten in der Pandemie –, sich daran zu erinnern, dass unsere Seele Flügel hat und wir kraft Gottes in seinem Licht sehen und leben können. Dann verliert der Tod seinen Stachel. Und die Tatsache, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind, weitet sich zur Gewissheit, mitten im Tod vom ewigen Leben umfangen zu sein.

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