Wir gehen nicht verloren

Ostern: Die Auferweckung Jesu ist das Schlüsselereignis des christlichen Glaubens. Damit ist gewiss: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Lassen wir uns herausrufen aus den Gräbern der Verzagtheit und für das Leben eintreten.
Von Christian Feldmann
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Karfreitag in Corona-Zeiten: Ausschnitt aus dem Werk »Ecce Homo« (2021) von Matthias Klemm nach einem Motiv von Matthias Grünewald. © Foto: Seidel

Es ist der Härtetest christlicher Überzeugung, der Punkt, an dem sich alles entscheidet: der Glaube an die Auferstehung. Wie schon Paulus wusste: »Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist euer Glaube nutzlos (…) und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher dran als alle anderen Menschen.« (1. Kor. 15)

Übertreiben sie da nicht ein wenig, die Theologieprofessoren und Prediger? Kann nicht auch ein tragischerweise am Kreuz ein für allemal gestorbener Jesus ein fantastischer Mensch gewesen sein, ein Vorbild für ein gelungenes Leben? Und wenn er im Grab geblieben wäre wie alle anderen Toten, gäbe es deshalb keine Hoffnung mehr auf eine Weiterexistenz beim guten Gott, irgendwie?

Eben. »Irgendwie« genügt nicht. Wir Menschen haben alle eine unstillbare Sehnsucht, nicht verloren zu gehen, von denen, die wir lieben, nicht auf ewig getrennt zu werden, dem Tod am Ende doch ein Schnippchen zu schlagen. Hat diese verzweifelte Sehnsucht »Ostern« erfunden, ein schönes Märchen von einem, der aus dem Grab zurückgekehrt ist? Oder hat es die Auferstehung wirklich gegeben?

Wir haben keine Fotos, keine kriminalistische Spurensicherung. »Spuren«, Indizien, Anhaltspunkte haben wir allenfalls im Verhalten von Jesu Freunden: Dieselben Feiglinge, die sich nicht zum Kreuz getraut – das überließen sie den tapferen Frauen – und nach Jesu Hinrichtung versteckt und eingeschlossen haben, beginnen wenige Tage und Wochen später als Missionare durchs Land zu ziehen und lassen sich für ihre Überzeugung inhaftieren, foltern und hinrichten: Er lebt! Wir haben ihn gesehen, er hat mit uns gegessen und getrunken.

Ob das reicht? Aus dem verzagten Freundeskreis eines Hingerichteten wurde eine Glaubensgemeinschaft, die zwei Jahrtausende überdauert und die Welt verändert hat – im Guten, manchmal auch im Schlechten. Nur um einer Illusion willen? Dennoch, beweisen kann man die Auferstehung Jesu nicht, man kann sie nur glauben. Und begreifen, was Gott der Menschheit damit zeigen will: Jesus Christus war der Mensch, in dem ich für euch ein Gesicht gewonnen habe, berührbar geworden bin. Wenn ich diesen Christus aus dem Grab zurückgeholt habe, dann hat der Tod nicht mehr das letzte Wort, dann werdet ihr alle leben.

Dann hat ein Leben nach dem Muster seines Lebens, Gott treu und leidenschaftlich in die Menschen verliebt, einen bleibenden Sinn. Es gibt nicht nur den Kreislauf ewiger Wiederkehr, wie die Mythen erzählen; nicht nur unsere Seelen werden irgendwie weiter existieren, wie die Philosophen behaupten; nein, mein und dein konkretes Leben geht nicht verloren. Eines Tages wird es Anteil erhalten am Leben Christi, in dem Gott auf dieser Erde präsent war – und ist.

Eine Ahnung davon ist schon in den späten Schichten der hebräischen Bibel da: Gott ist kein Gott der Toten, deshalb wird er sie beleben. In der Jesusgeschichte wird dieser Sieg des Lebens über den Tod endgültig.

Es ist eine Botschaft, die tatsächlich die Welt verändert. Denn der auferstandene Christus öffnet unsere Gräber, die Gräber der Resignation und Zaghaftigkeit. Er stachelt uns an, unsererseits gegen die Mächte des Todes und des Bösen zu kämpfen. Er schenkt Kraft, Mut, Fähigkeit zur Solidarität mit den Leidenden. Karl Rahner schrieb: »Wenn wir glaubend und handelnd uns eindeutig entscheiden zum Sinn und Leben, und zwar als Tatsache, wenn wir Leben und Tod als bloße Ideale für zu wenig finden, wenn wir Leben und Sinn als Tatsache ganz und nicht halb, in maßloser Größe und Weite bejahen, dann haben wir (ob wir es wissen oder nicht) Ostern gesagt

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