Wir können neu werden

Neuwerden – der Leitgedanke dieses Sonntags – beginnt für mich auf einer Intensivstation als Studentin im letzten Jahr des Medizinstudiums.
Von Birgit Merten
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Auferstehung, Corona-Krise, Ostern, Hoffnung,
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In einem Krankenbett kämpft eine junge Frau um das Überleben. Apparate senden Alarmsignale. Sie ringt um Atem. Sie hat Angst. Deutlich spüre ich ihre Not und meine Hilflosigkeit. Ich würde ihr so gern helfen! Und obwohl ich bis zu diesem Moment dachte, nicht religiös zu sein, fange ich an für die junge Frau zu beten.Vier Jahre später werde ich in der Studentengemeinde getauft. Ich erlebe die Taufe als etwas, das ich geschehen lasse und wobei mir sehr viel geschenkt wird.

Ein Neuwerden spüren auch die Menschen, die in der frühen Kirche in der Osternacht getauft werden und am Sonntag Quasimodogeniti ihre weißen Taufkleider ablegen. Wir wissen nicht, welche Erfahrungen sie zum Glauben und zur Taufe geführt haben. Aber auch sie sind mit dem Neuwerden nicht fertig. Nach dem Neugeborenwerden, einem Neugewordensein in der Taufe muss sich ihr Glauben nun jeden Tag im Alltag bewähren.

»Quasi modo geniti infantes, Halleluja, rationabile, sine dolo lac concu­piscite.« – Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch. (1. Petr. 2,2). Die Frischgetauften sind wie die Kinder in dem sprachlichen Bild des ersten Petrusbriefes Angewiesene. Sie können sich die nährende Milch nicht selber geben. Sie brauchen das Mitgetragenwerden durch andere Menschen mit stärkenden vernünftigen und ehrlich gemeinten Worten, die sie immer wieder an ihren Glauben und an ihre Taufe erinnern. Für mich finden sich diese Menschen in der Studentengemeinde. Mit zweien von ihnen beginne ich einige Jahre später neben dem Arztberuf ein Theologiestudium. Es eröffnet mir eine neue Welt des Denkens und Verstehens und führt mich 2020 ins Vikariat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Neuwerden ist oft ein unbequemer Prozess. Dafür braucht man Gründe. Die stärksten Gründe sind Krisen. Sie zeigen uns, dass wir etwas verändern müssen. Wir werden uns unserer Grenzen bewusst und realisieren, dass wir nicht unbeweglich im Gegebenen verharren können. Das spüren wir auch jetzt in Zeiten von Corona. Unser Lebensstil, unsere Kommunikation, unser persönlicher Umgang miteinander – alles steht zur Diskussion!

Als Vikarin frage ich mich: Wann werden wir endlich wieder angstfrei Gottesdienst und Abendmahl feiern? Wird ein höheres Lebensalter auf Dauer Risikogruppe und Einsamkeit bedeuten? Werden wir uns an eine Welt ohne Händedruck und Umarmungen gewöhnen?

Die Ärztin in mir sieht besorgt die weiter schwindende Zeit des Arztes am Krankenbett. Nun kommt auch noch die Gefahr der Ansteckung als Begrenzung hinzu. Wird es immer genug Menschen geben, die es riskieren, Kranken nahe zu sein und Sterbende nicht allein zu lassen?

Wir dürfen diese Krise nicht gewinnen lassen. Wir müssen uns bewegen! Aber wie können wir, wie kann ich neu werden? Inmitten von Angst und Unsicherheit? Ich brauche die Angst – um mir der Gefahren bewusst zu werden. Ich brauche Mut – um trotz der Angst weiterzugehen. Ich brauche Neugier und die Lust, neue Erfahrungen zu machen und lebendig zu sein. Ich brauche Vertrauen. Das Vertrauen, dass am Ende alles gut wird. Dann kann etwas neu werden. Als ein Stück Auferstehung mitten im Leben.

Für mich bedeutet diese Auferstehung, dass ich als Ärztin auch mein weißes Kleid ablegen und mich als Vikarin seelsorgend ans Krankenbett eines Patienten setzen kann. Dass ich lerne, in Schule und Gemeinde auf neue Weise für andere Menschen da zu sein. Warum nicht ungewöhnliche Wege gehen und so füreinander einen liebevollen Blick bewahren? Legen wir unsere weißen Kleider ab und nehmen die Botschaft von der Auferstehung im Hier und Jetzt ernst!

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