Erinnerung an das Kriegsende in Zöblitz

An die dramatischen letzten Wochen des »Dritten Reiches« und den Einmarsch der Russen in Zöblitz erinnert sich Jürgen Albert
Jürgen Albert Kronberg
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Jeweils nachmittags vier Uhr schlug die Schicksalsstunde. Dann wurde die Gardine am Fenster zurückgeschoben, der Blick der Anwohner ging zum Postamt, schräg über den Marktplatz. Der Briefträger trat seinen Gang an und trug die Telegramme aus – die Meldungen über Verwundete und Tote. Zu wem wird er heute gehen? Seine ersten Schritte zeigten die Richtung an, vielleicht zum Bauer nebenan, zum »Eestreich«; der »Gung«, der Sohn, war doch im Krieg. Diesmal ging er nicht zum Eestreich, die Familie hatte schon einen Sohn verloren, wie viele Familien. Aber wo ging er hin? Das war die Frage der nächsten halben Stunde, in einem Städtchen mit knapp viertausend Einwohnern konnte nichts verborgen bleiben.

Meine Tante Martha wagte den Blick über den Markt nicht, sie hielt die Hände vors Gesicht, als ob sie die mögliche, ja wahrscheinliche Nachricht abwenden könnte. Ihr und ihres Mannes Sohn Rudolf lag in einem Lazarett am Timmendorfer Strand. Als Sechzehnjähriger war er noch eingezogen worden und sollte in Ostpreußen die russischen Panzer aufhalten. Vor zwei Wochen hatten die Eltern die Nachricht – per Telegramm – erhalten, Rudolfs Zustand sei bedenklich. Die Reise, die sie daraufhin vom Erzgebirge an die Ostsee zum Sterbelager brachte, war die weiteste und längste Reise ihres Lebens. Wenige Tage später kam das befürchtete Telegramm: »Rudolf verstorben.« Er war ihr einziges Kind, in vielen Ehejahren ersehnt, ihr spätes Lebensglück. Das Klagen und Schluchzen vergesse ich nicht.

Damals gab es noch täglich zwei Postgänge, vormittags und eben nachmittags. Die beiden Briefträger wechselten sich ab. Ich erinnere mich noch an ihre Erscheinung und an ihre Namen. Der Telegramm-Zusteller ging nicht, er schritt langsam und würdig – er wusste, nun kommt es auch auf seine Worte an, wenn er die Nachricht übergab. Er war Todesengel und Trostengel. Bald schritt er zum Bäcker neben uns, zum Amtsgerichtssekretär gegenüber – der Sohn hatte in Leipzig das Medizinstudium begonnen –, bald zur Schlosserei am Ausgang des Marktes. Schließlich traf es auch »Eestreich«, zum zweiten Mal.

Die beiden Brüder meines Vaters – einfache Soldaten – sind vermisst, Stalingrad. Ein Onkel verlor ein Bein, ein anderer verlor die Finger an beiden Händen, erfroren. Mein Vater galt als »unentbehrlich« und wurde nicht eingezogen. Ich war sein Pflegesohn. Bei Alarm nahm er mich in die Arme und trug mich in den Luftschutzkeller. Die Bomber flogen über das Erzgebirge in Richtung Chemnitz, Leipzig oder Dresden. Als Dresden bombardiert wurde  – am 13. Februar 1945 – standen wir an den Fenstern zum Hof, die Welt brannte, der Himmel feuerrot, man hörte die Einschläge, sah die Phosphorstreifen sich absenken. Meine Mutter weinte: »Das schinne Drasden – das schöne Dresden.«

Genau am 8. Mai 1945 rückten mit Warnschüssen die Russen in Zöblitz ein. Weiße Fahnen wurden, wenn auch nicht gehisst, so doch aus den Fenstern gehängt. Nur der Ortsgruppenleiter der NSDAP gab nicht auf. Er rannte mit gezücktem Revolver einem Trupp der Russen entgegen und wurde freilich erschossen. Meine Tante Dora flüchtete sich in das Schlafzimmer meiner Eltern, presste sich einen beindruckenden Verband um den Kopf und wimmerte hörbar, denn »die Russen erkennen eine SS-Mutter« und würden sie umbringen, so das Gerücht. Ihr Sohn Fritz war tatsächlich bei der SS gewesen und bei Kiew gefallen, »tapfer für Volk und Führer«, wie das Telegramm des Grafen Waldersee versprach. Sie ist nicht als SS-Mutter entlarvt worden. Häuser und Wohnungen durften nicht verschlossen werden, die russischen suchten nach versteckten deutschen Soldaten, zumal an der tschechischen oder wie wir sagten, böhmischen Grenze. Ein russischer Soldat beruhigte mich und strich mir über den Kopf: »Schlaf, Junge.«

Ich war fünf Jahre alt, als ich im April 1945, also noch im »Dritten Reich«, eingeschult wurde, das Schuljahr begann mit Ostern. Aber im Mai war Schluss, Deutschland hatte kapituliert. Die sowjetische Militäradministration sorgte für die schnelle Wiederaufnahme des Unterrichts. Woher die Lehrer nehmen? Einige waren NSDAP-Mitglieder gewesen. Ihnen traute man nicht über den Weg. Meine Tante Martha wunderte sich, dass ausgerechnet die örtliche Nazi-Frauenschaftsführerin nun als Lehrerin auftrat, die ehemals geprahlt hatte: »Welch ein Glück, dem Führer in die Augen zu schauen.«

Mein Vater wurde im Sommer verhaftet und sechs Wochen lang auf der sowjetischen Kommandantur verhört. Wir erfuhren nicht, wo er war. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter hatte, um Eindruck zu machen, die Mitgliederliste der Partei gefälscht und meinen Vater und seinen Freund hinzugefügt. Beide konnten ihre Unschuld beweisen. Sie wurden entlassen. Mein Vater hat immer betont, sie seien auch in den Verhören anständig und respektvoll behandelt worden. 1946 haben mich meine Eltern adoptiert. Sie sind die wahren Helden meines Lebens.

In meinem Garten liegt die Gedenktafel, die ich auf dem Zöblitzer Friedhof vor dem Zertrümmern retten konnte: »Fern der Heimat verstarb unser lieber Rudolf. 1928–1945« – der letzte Gruß der Eltern. Die Tafel zeige ich meinen Abiturienten. Ich bin alt, sie sind jung. Diese Tafel verstehen sie.

Der Autor ist gebürtiger Erzgebirger und war als bayerischer und hessischer Pfarrer tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Theologie und Information im Diakonischen Werk Hessen-Nassau in Frankfurt.

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