Von der Erlösung her leben

Ewigkeitssonntag: Leid, Sterben und Tod werfen die Frage auf: Sind wir Verlorene? Nein. In Christus sind wir bleibend Geborgene.
Von Christoph Körner
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Es gibt keine Erlösung, wenn es kein Leid zuvor gibt. So ging es mir im Kopf herum, als ich von meinem Onkologen aus der Uniklinik in Dresden die Nachricht bekam: Es sind trotz erfolgter Operation wieder erneut große Metastasen von Krebs gewachsen, die auf keine Chemomedizin mehr reagieren. Diese Nachricht hat mich planetarisch nachdenklich gemacht. Wie müssen wir denken und glauben lernen, wenn wir der Gegensätzlichkeit von Leiden und Erlösung standhalten wollen?

Denn das Leiden erleben wir, die Erlösung erhoffen wir! Ich denke an Paulus: »Wir warten auf unseres Leibes Erlösung« (Röm. 8,23) oder: »Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden, denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit« (Röm. 8,19–20).

So habe ich mich aufgerafft, wieder ganz neu theologisch alte Fragen zu stellen und bin bei Dietrich Bonhoeffer gelandet. Er spricht ganz konkret von der gewollten Ohnmacht Gottes in der Welt, fordert uns Christen auf, in der Fülle der Diesseitigkeit zu leben und darin das Leiden Gottes an seiner Welt mitzuleiden. Die Leidenschaft, mit der Bonhoeffer davon zu sprechen beginnt, wie Gottes Wirklichkeit in ihrer Offenbarung durch Christus in die Weltwirklichkeit eindringt, trieb ihn an, diese Weltwirklichkeit auch mit ihrem Leiden möglichst angemessen zu erfassen und in ihr verantwortlich zu handeln. So ist Bonhoeffers Theologie von dem Bewusstsein getragen, dass die geglaubte Wahrheit Gottes eine in der Wirklichkeit der Welt konkrete sein muss.

Wie aber könnte diese Offenbarung in unserer Wirklichkeit aussehen? Zum einen, dass der verwundete und am Kreuz mitleidende Christus in allem unseren irdischen Leiden präsent an unserer Seite ist. Zum anderen darin, dass der Auferstandene den Jüngern seine Wunden zeigt. Auch der verwundete Auferstandene bleibt, der uns im Leiden trägt und uns mitten im Leiden die Erlösung zuspricht: »Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden« (2. Kor. 5,17).

Deshalb muss die Offenbarung Gottes im Sinne Bonhoeffers nicht nur am Anfang, sondern auch als Vollendung gedacht werden. So beginnt Bonhoeffer auch seine erste Vorlesung von »Schöpfung und Fall« mit dieser Erklärung: »Die Kirche Christi legt Zeugnis ab vom Ende aller Dinge. Sie lebt vom Ende her, sie verkündigt vom Ende her: ›Gedenkt nicht an das Alte und achtet nicht auf das Vorige.‹ Das Neue ist das wirkliche Ende des Alten. Das Neue aber ist Christus … Die alte Welt kann an der Kirche keinen Gefallen finden, weil diese von ihrem Ende redet, als sei es schon geschehen, weil sie spricht, als sei die Welt schon gerichtet … Allein die Kirche, die vom Ende weiß, weiß auch vom Anfang, weiß, dass zwischen Anfang und Jetzt derselbe Bruch liegt wie zwischen jetzt und dem Ende, dass Anfang und Jetzt sich verhalten wie das Leben zum Tod, das Neue zum Alten. … Weil das Denken auf den Anfang hin will und ihn doch nie wollen kann, darum ist alles Denken ein sich selbst Zerreiben, ein an sich selbst Scheitern, Zerbrechen, Zergehen angesichts des Anfangs, den es will und nicht wollen kann … Der Mensch lebt nicht mehr im Anfang, sondern er hat den Anfang verloren – nun findet er sich vor in der Mitte, weder um den Anfang noch Ende wissend, und doch dies wissend, dass er in der Mitte ist, dass er also vom Anfang herkommt und aufs Ende hin muss. Er sieht sein Leben bestimmt durch jenes beides, von dem er nur weiß, dass er es nicht kennt.«

Der dänische Theologe und Religionsphilosoph Sören Kierkegaard hat einmal formuliert: »Das Leben muss vorwärts gelebt und kann erst rückwärts begriffen werden.« Eigentlich muss ich dankbar sein, dass ich jetzt nach einem langen Leben noch einmal Zeit habe, das Leben zu begreifen, das ich gelebt habe. Wenn der Tod unvorbereitet kommt, ist diese Zeit des Begreifens nicht mehr möglich. Ich bin in der Gewissheit, dass auch ich im Leben und im Sterben in Gott geborgen bin.

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