»Weicht, ihr Trauergeister!«

Frühling: Bei Bräuchen zum Sonntag Lätare kämpfen Trauer und Freude, Tod und Leben, Winter und Sommer miteinander. Mit Umzügen wird der Winter ausgetrieben und der Tod verbannt. Für den Brauch stand die Bibel Patin.
Von Günter Schenk
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© Foto: Günter Schenk (Traditioneller Brauch zu Lätare in Süddeutschland)

Mittfasten, wie der Sonntag Lätare im Volksmund heißt, bildet im Kirchenjahr die Halbzeit zwischen Fastnacht und Ostern. Er setzt eine Zäsur auf dem Weg vom Aschermittwoch zum Auferstehungsfest. Diese Wende von der Trauer zur Freude markierten einst auch die Predigten, in deren Mittelpunkt die Geschichte des Jünglings von Nain stand: die wundersame Erweckung eines Toten vor den Toren der Stadt. Die Geschichte aus dem Lukasevangelium wurde am Donnerstag nach Lätare gelesen. Im Vorgriff erzählten viele Pfarrer schon sonntags begeistert vom einzigen Sohn einer Witwe, dem Jesus aus Mitleid mit der trauernden Mutter das Leben zurück-gibt.

Tod und Leben dicht nebeneinander. Oft begleiten zwei Figuren den Umzug am Sonntag Lätare, die als Winter und Sommer daherkommen. Die eine ist ganz in Stroh gehüllt, die andere in Efeu oder Tannengrün. »Zu mitterfasten«, schreibt der Theologe Sebastian Franck 1534, »machen sy an etlichen orten einen stroinen man oder butzen angethon vnd zugericht wie ein todt, den tragen die versamleten jungen in die nahend gelegnen dörffer«.

Da Krankheit im Mittelalter als Dämon verstanden wurde, den man austreiben müsse, trugen die Menschen vor allem in Pestzeiten die Seuche in Gestalt einer Strohpuppe vor die Stadttore, um sie zu verbrennen oder im Wasser zu ertränken. So wurde versucht, das Übel magisch abzuwenden.

Häufig tauchten Jugendliche mit den Todessymbolen in den Nachbargemeinden auf, wo man ihnen Milch und Dörrobst schenkte. Meist aber wurden sie vertrieben, wollte doch niemand die Schreckgestalten sehen. Die christliche Botschaft von der Auferweckung von den Toten mischte sich so mit Aberglauben. Der Brauch geriet in der Reformation ins Kreuzfeuer der Kritik. Ernsthaft abschaffen freilich wollte ihn niemand. Also galt es, ihn mit neuem Sinn zu belegen. So soll Martin Luther im Kampf gegen die römische Kurie das sogenannte Todaustragen neu beseelt haben. »Nun treiben wir den Babst hinaus, aus Christus kirch und Gotes haus«, sollen die Kinder damals in den reformatorischen Gemeinden gesungen haben. Die Strohpuppe in ihrem Schlepptau sollte den Papst darstellen.

Wie der Brauch Mitte des 18. Jahrhunderts aussah, berichtet ein Pfarrer aus dem rheinischen Oppenheim. »Schon des Vormittags«, so schreibt er, »laufen die Knaben mit kleinen weißen Stäben herum, auf deren jedem eine Fastenbrezel steckt, die mit Bändern geziert ist. Nachmittags ziehen sie mit solchen Stäben in der Hand und mit hölzernen Degen an der Seite vor einer großen Menge von Zuschauern in Procession auf den Markt, wo die Hauptpersonen des Festes, der Winter und Sommer, einen öffentlichen Zweykampf anfangen.«

Und er erzählt weiter: »Diese Rollen werden von zwey erwachsenen Burschen gespielt, wo von der eine von Kopf bis Fuß mit Stroh, der andere mit Ephen (Efeu) umwunden ist. Erst fechten sie mit hölzernen Stäben, dann ringen sie miteinander. Der Winter muß sich endlich überwinden und sein Strohkleid im Triumph zerreißen lassen. Hierauf zieht der ganze Haufen, unter Anführung des Sommers mit der hohen Ephen Mütze, vor das Haus des Bürgermeisters, wo einem jeden Knaben, der einen hölzernen Säbel trägt, eine Semmel gegeben wird.«

Jakob Grimm deutet dieses Schauspiel 1835 in seiner »Deutschen Mythologie« so: »Hier ist also wieder die uralte idee eines kriegs oder streits zwischen beiden jahrsgewalten, aus dem der Sommer siegreich hervorgeht, in dem der Winter unterliegt: das volk gibt gleichsam den zuschauenden chorus ab und bricht in den preis des überwinders aus.«

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Vereine die wichtigsten Hüter dieser Tradition. So schickte in Heidelberg der »Gemeinnützige Verein« 1893 erstmals einen großen Sommertagszug durch die Straßen, der von Jahr zu Jahr aufwendiger wurde. Im Kern ging es immer um die Darstellung des Kampfes zwischen Winter und Sommer.

Winter adé! Oder in der Sprache des Kirchenliedes für den Sonntag Lätare: »Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.«

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